Als 1998 in einem Steinbruch am nördlichen Harzrand ungewöhnlich kleine Fossilien von Dinosauriern aus der Gruppe der Sauropoden entdeckt wurden, ging man zunächst davon aus, es handle sich um eine Gruppe von Jungtieren. Denn die Familie der Langhalsdinosaurier hat bekanntermaßen die größten Landwirbeltiere aller Zeiten hervorgebracht: Einige Sauropoden wurden um die 40 Meter lang und wogen möglicherweise 80 Tonnen. Doch dann ergab eine Untersuchung der Feinstruktur der im Harz entdeckten Knochen, dass neben Jungtieren einige der Exemplare ausgewachsen waren. So zeichnete sich schließlich ab, dass vor etwa 154 Millionen Jahren auf einer Insel im heutigen Norddeutschland ein kleiner Verwandter der Brachiosaurier gelebt hat: Europasaurus holgeri wurde nur etwa sechs Meter lang und wog unter einer Tonne.
Inselzwergen in den Kopf geschaut
Man geht davon aus, dass die Kleinwüchsigkeit auf das Phänomen der sogenannten Inselverzwergung zurückzuführen war: Auf Inseln werden große Tiere aufgrund des eingeschränkten Nahrungsangebots manchmal kleiner. Dafür gibt es verschiedene Beispiele aus der Gegenwart und Vergangenheit. Auf den Inseln des heutigen Indonesiens gab es beispielsweise einst Zwergelefanten, die mit 90 Zentimeter Schulterhöhe kaum größer waren als ein Bernhardiner. Im Fall von Europasaurus hatte wohl eine Meeresspiegelerhöhung im Jurazeitalter dazu geführt, dass die Saurier auf einer Insel isoliert wurden und dort verzwergten.
Dieser interessanten Sauropodenart hat ein Forscherteam der Universitäten Greifswald und Wien nun erneut eine Studie gewidmet. Sie haben Schädelreste von gefundenen Individuen unterschiedlichen Alters mit hochauflösenden Computertomographen untersucht. Wie sie erklären, war der Grund für die Wahl dieses Untersuchungsansatzes, dass von kaum einem anderen Sauropoden weltweit mehr Schädelmaterial aus verschiedenen Altersstadien bekannt ist. Der Fokus der Studie lag auf den Hohlräumen, in denen einst die Innenohren der Saurier saßen. Anhand der knöchernen Strukturen waren Rückschlüsse auf die Merkmale des einstigen Weichgewebes möglich, erklären die Paläontologen.
Europasaurus war wohl ein Nestflüchter
Wie sie berichten, ging aus den Analysen hervor: Der Teil des Innenohres, der für das Hören verantwortlich ist, die Lagena oder Cochlea, war bei Europasaurus relativ lang. Dieses Merkmal legt nahe, dass Europasaurus ein relativ gutes Hörvermögen besaß, sagen die Wissenschaftler. Wozu es genau diente, bleibt zwar unklar, doch es könnte eine Rolle im Sozialverhalten der Tiere gespielt haben, die wahrscheinlich in Herden lebten: Es könnte eine innerartliche Kommunikation gegeben haben, so die Vermutung.
Der deutlichste Befund betrifft allerdings das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, das aus drei kleinen Bogengängen besteht. Die Forscher fanden in sehr kleinen Individuen Gehäuse dieser Gleichgewichtsorgane, die in ihrer Form und Größe denen der ausgewachsenen Tiere bereits weitgehend entsprachen. Einige der untersuchten Schädelreste sind dabei so winzig, dass sie vielleicht von Schlüpflingen stammen. “Daraus geht hervor, dass bereits sehr junge Individuen von Europasaurus stark auf ihren Gleichgewichtssinn angewiesen waren”, sagt Seniorautor Sebastian Stumpf von der Universität Wien.





