Einen wichtigen Hinweis zu den Ursachen der Legasthenie haben nun Gabrieli, sein Kollege Tyler Perrachione und weitere MIT-Forscher aufgedeckt. Für ihre Studie untersuchten sie in mehreren Experimenten einen speziellen Aspekt der Wahrnehmung: die Anpassung des Gehirns an akustische oder optische Reize. Wenn wir beispielsweise längere Zeit der gleichen Stimme lauschen, lernt unser Gehirn dessen Eigenheiten und das erleichtert es uns, das Gesprochene zu verstehen. “Man lernt beim ersten Reiz etwas, das die Verarbeitung beim zweiten Mal vereinfacht – das ist an einer verringerten neuronalen Aktivität erkennbar”, erklärt Gabrieli. Ob und in welchem Maße diese Anpassung auch bei Legasthenikern funktioniert, wollten er und seine Kollegen herausfinden.
Überraschend starke Defizite
Im ersten Experiment spielten die Forscher jungen Erwachsenen mit und ohne Legasthenie eine Reihe von gesprochenen Worten vor. In einem Durchgang wurden alle von der gleichen Stimme gesprochen, im anderen war es bei jedem Wort eine andere Stimme. Währenddessen zeichnete ein funktioneller Magnetresonanztomograf (fMRT) die Hirnaktivität der Probanden auf. Das Ergebnis: Bei der gleichbleibenden Stimme zeigten die nichtlegasthenischen Kontrollpersonen wie erwartet einen Gewöhnungseffekt. Ihre Hirnaktivität in den Hörzentren sank nach den ersten Worten messbar ab, bei den wechselnden Stimmen war dies nicht der Fall. Anders dagegen bei den Legasthenikern: Bei ihnen gab es keine Unterschiede zwischen den Versuchsdurchgängen. Ihre Hirnaktivität blieb gleichbleibend hoch. “Das spricht für eine sehr viel schwächere Anpassung des Gehirns”, sagt Perrachione.
Aber betrifft dieser Effekt nur das Hören oder auch andere Sinneswahrnehmungen? Um das herauszufinden, wiederholten die Forscher das Experiment mit visuellen Reizen und einer neuen Probandengruppe. Diesmal sahen die Teilnehmer entweder immer neue Bilder von Gesichtern, Objekten und Wörtern oder aber eine sich wiederholende Abfolge. Wieder zeigte sich im Hirnscanner bei den Nichtlegasthenikern eine Anpassung des Gehirns an sich wiederholende Reize, bei den Legasthenikern jedoch nicht. “Das spricht dafür, dass dieser Mangel an Anpassung allgemein ist”, sagt Gabrieli. “Es ändern sich zwar die betroffenen Hirnareale, nicht aber das grundlegende Phänomen.” Ein weiteres Experiment belegte, dass dieser Effekt schon bei Grundschulkindern mit Lese-Rechtschreibschwäche vorhanden ist. Auch ihr Gehirn hat Probleme, sich anzupassen und damit Reize effektiv und energiesparend zu verarbeiten. “Insgesamt war ich überrascht über das Ausmaß der Unterschiede”, sagt Perrachione. “Bei Menschen ohne Legasthenie sahen wir immer eine klare Anpassung, bei den Legasthenikern war diese immer reduziert – und das oft sehr deutlich.” Im Durchschnitt war der Anpassungseffekt bei Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche nur halb so stark wie bei Menschen ohne diese Einschränkung.





