Ich berichte jetzt nach und nach, wie es uns in den vergangenen Tagen im Regenwald erging:
Am 6.9. flogen wir über Cusco – mitten in den Anden gelegen und Ausgangspunkt für die Machu-Picchu-Touren – nach Puerto Maldonado, wo der Rio Tambopata in den Rio Madre de Dios fließt. Es ist eine typische Hafenstadt, brodelnd vor Leben, das auf Motorrädern und Kleinlastern unterwegs ist, schmutzig und vielleicht ein wenig gefährlich. Die Stadt ist Anlaufstation der Goldgräber, darunter viele illegale, die auf dem Fluss ihre Waschstationen bauen und mithilfe von Quecksilber Gold gewinnen. Der Preis liegt zurzeit bei 160 peruanischen Soles (etwa 42 Euro) pro Gramm – das ist Höchststand.
Unsere Gruppe geht am rutschigen Flussufer an Bord zweier motorbetriebener Kanus. Ein drittes Kanu fasst unser Gepäck. Wichtigste Personen an Bord sind der Schiffsführer und sein Assistent – Jesus und Andersson in unserem Fall. Die lokalen Reiseleiterinnen Maria und Geraldine haben sich auf die Boote verteilt und informieren uns über alles Wichtige. Etwa dass in Puerto Maldonado außer mit Gold auch mit Paranüssen, Holz und Landwirtschaft – Bananen, Maniok, Mais – Geld verdient wird.
Schnell sind wir im breiten Rio Madre de Dios und gleiten stundenlang ruhig dahin. Bei Fahrtwind ist die Schwüle gut auszuhalten. Am Ufer wie eine Kulisse die Regenwald-Bäume. Der Boden darunter ohne Humus, flache Wurzeln können ihn nicht halten, der Fluss trägt Boden ab, der weiter flussabwärts am andern Ufer als Sediment anlandet. Auf den Sandbänken begleiten uns die Waschstationen der Goldwäscher, alle erkennbar an einem blauen Regendach. Kurz bevor wir in den Rio Heath einbiegen die bolivianische Grenzstation. Wir klettern den Abhang hinauf und zeigen unsere Pässe. Ein Beamter entziffert unsere Namen, nach der vorgeschriebenen Gelbfieberimpfung fragt keiner.
Der Heath River führt Niedrigwasser, schließlich herrscht Trockenzeit. Unsere Bootsführer sind gefordert. Immer wieder bleibt die Schraube im Sand stecken, manchmal das ganze Boot. Während Jesus hinten den Motor vorwärts und rückwärts laufen lässt, stößt Andersson, mit bloßen Füßen am Bug auf glatten Holzbrettern balancierend, das Boot mit einer Stange vom Boden ab, es sieht aus wie Stocherkahn-Fahren. Immer öfter muss er auch aussteigen, in den flachen Fluss treten und das Boot mit den Händen wieder flottmachen. Nur die kleinen Stromschnellen – catarates, das spanische Wort, klingt allzu dramatisch – überwinden wir nicht auf diese Weise. Während Boot 1 in voller Fahrt flussaufwärts durch die Schnellen gerauscht ist, sitzen wir fest, müssen alle aussteigen und ein Stück am Ufer laufen. Warme, feuchte Abendluft – es ist wunderschön.
Dann bricht die Dunkelheit herein. Das Niedrigwasser hat unsere Fahrt verzögert. Andersson leuchtet mit einer starken Lampe die Uferzonen aus, an die wir nah heranmüssen, weil dort die Fahrrinne verläuft. Am Ufer eine kleine Siedlung und ein kleiner Hund. “Der passt auf die Kaimane auf”, erklärt Professor Burmeister. Dann sehe ich den ersten: er ist ziemlich groß, dunkel und sitzt am Ufer, wo der Hund ihn offensichtlich gewittert hat. Ein Mohrenkaiman? Auf den Sandbänken kleinere Exemplare – Brillenkaimane, wie Burmeister erklärt. Andersson springt weiter ins Wasser und schiebt.
Abends 19.30 Uhr des 6.9. erreichen wir endlich die Lodge: das Heath River Wildlife Center empfängt uns mit rustikalem Charme. Holzhütten, mit Palmblättern gedeckt. Beim Abendessen erzählt die Gruppe aus dem anderen Boot von einer Begegnung mit zwei Tapiren: Einen haben sie angefahren, der andere konnte unbeschadet entkommen. Wir anderen sind neidisch und können es kaum glauben. Alle sind müde. Von Burmeisters Vortrag bleibt nur ein Satz hängen: “Ameisen sind die Krone der Schöpfung”.
Mittwoch, 7. September
Am Morgen des 7. September unternehmen wir von der Lodge aus einen Ausflug in den Regenwald. Begleitet werden wir von Maria, die sich – ganz ohne Biologie-Studium – eine Menge theoretischen und praktischen Wissens über die Natur Perus angeeignet hat. Sie lässt uns an einem Stückchen Baumrinde riechen – eindeutig: ein Knoblauchbaum. Die Rinde wird tatsächlich zum Würzen verwendet, wie Knoblauch. Die Wanderpalme hat fiese Stacheln. Und sie bewegt sich vom Fleck – rund 20 Zentimeter pro Jahr, indem sie an der angestrebten Seite neue Luftwurzeln austreibt, während sie auf der Gegenseite verrotten. Eine indianische Sitte verlangt, dass ein Mann, der heiraten will, sich unter den stacheligen Wurzeln durchdrängen muss. Aber seine Freundin kann helfen, indem sie den Baum vorher rasiert.
Ein anderer Baum sieht glatt aus, wie geputzt. Schuld daran sind die Feuerameisen, die an ihm auf und nieder steigen. “Man sollte sich nicht anlehnen im Wald”, hat Burmeister uns ermahnt. Später findet er auch noch eine 24-Stunden-Ameise: Wen sie beißt, der ist 24 Stunden außer Gefecht. Ja, die Ameisen sind die Krone der Schöpfung. Selbst einen Kaiman, der sonst keine Feinde hat, kriegen sie klein.
Wir hören Brüllaffen, und schließlich sehen wir sie auch – hoch oben im Geäst. Morpho-Falter, wunderbar blau und schwarz gezeichnet, flattern uns über den Weg, zugeklappt sehen die Flügel unscheinbar aus. Vom Kapokbaum schweben baumwollartige Flugsamen herunter, am Wegesrand liegen aufgeschlagene Schalen der Paranuss. “Die Paranuss hat drei Schalen”, erklärt uns Maria. Die zweite ist extrem hart, man muss sie mit der Machete durchschlagen. Von den Vögeln können nur die Aras die Paranüsse knacken, und auch nur, wenn sie unreif sind. In Plantagen sind Paranussbäume schwer zu züchten, erklärt uns Burmeister, da sie nur durch eine ganz bestimmte Biene bestäubt werden – und die ist empfindlich gegen Rauch, den die Menschen aber unweigerlich beim Feuermachen erzeugen. Burmeister sammelt die ganze Zeit Insekten in kleinen Plastikdosen, und er hat eine ganze zoologische Bibliothek dabei. Maria nennt ihn “die Biologie” – so als sei sein ganzes Fach in ihm verkörpert. Wenn sie nicht mehr weiter weiß, sagt sie: “Fragen wir die Biologie!”
Am Nachmittag des 7.9. geht´s in einem raschen Fußmarsch erst durch den Wald, dann hinein in ein trockenes Grasland, gesprenkelt von rosa Blüten, von einzelnen Bäumen bestanden. Dieser Fleck, die Pampa del Heath, ist ein Rest aus der Eiszeit. Heute würde der Regenwald die Pampa überwuchern, wenn die Menschen sie nicht ab und zu abflammen würden, um das eigenartige Biotop zu erhalten. Hier lebt der Mähnenwolf, der Ameisenbär und der Jaguar – theoretisch zumindest. De facto sehen wir nichts, zumindest keine Tiere. Allerdings liegt auf dem Weg, den wir entlang gegangen sind, ein ziemlich großer Kothaufen. Andreas Gross, unser Studiosus-Reiseleiter, kennt sich aus: “Der muss von einer großen Katze stammen.” Jaguar? Professor Burmeister widerspricht nicht, also gehen wir von nun an davon aus, dass wir vom Jaguar zumindest die Losung gefunden haben.
Auf dem Rückweg durch den dunkler werdenden Regenwald schimmern die Glühwürmchen. Und Maria macht uns darauf aufmerksam, dass man Brüllaffen und Pecaris, die Wildschweine Perus, sogar am Geruch erkennen kann, den sie auf ihrem Weg hinterlassen. Tatsächlich, es stinkt auf unterschiedliche Weise. Maria hat etliche Früchte probiert, die die Affen lieben. Sie hat sie nicht gemocht – “wir haben einen unterschiedlichen Geschmack”.
Donnerstag, 8. September
Früh am Morgen des 8. September fahren wir mit einem unserer Motorkanus ein Stück den Heath hinauf – zu einer Papageien-Salzlecke. Es handelt sich um eine Lehmwand: Sie enthält Mineralien, die die Vögel benötigen. Auf einer Sandbank im Fluss haben Naturfreunde eine Beobachtungsstation errichtet, ein Holzhaus mit einem Sehschlitz, durch den wir die Vögel in der Wand beobachten können – alles sehr bequem, man kann nebenher frühstücken.
In den Bäumen rund um die Lehmwand herrscht reges Kommen und Gehen. Durch unsere Ferngläser sehen wir Gelbstirn-Amazonen, Schwarzohrpapageien und viele kleine Sittiche, die sich versammeln und großes Palaver veranstalten. Ich fühle mich an die bdw-Redaktionskonferenzen erinnert. Bald stellen sich auch die riesigen Hellroten Aras ein. Als sie sich in Gruppen von 10 bis 20 Tieren bis in die Felswand trauen, dort kreischen und picken, entstehen großartige Fotos. Doch es gibt noch anderes am Flussufer zu entdecken: einen Eisvogel, einen Grünibis, zwischendurch ein Wegebussard, der einen Frosch fängt.
Der Nachmittag bringt Gewitter und Regen. Ein Teil der bdw-Reisegruppe ist gerade mit einem Boot unterwegs im See Cochamoa, als es zu gießen beginnt. Sie kommen mit Kleidern zurück, die noch tagelang feucht bleiben. Als die zweite Gruppe den See erreicht, ist es wieder trocken. Der See ruht still im Abendlicht, auch wir sind still. Einige halten Angeln in den Händen, aber die Piranas wollen nicht anbeißen. Nur Andersson, der Schiffsjunge, hat am früheren Nachmittag zwei gefangen, sie werden am Abend in gebratener Form in der Lodge vorgeführt. Bis auf ihre spitzen Zähne wirken diese Fische völlig harmlos. Sie würden an schwimmenden Menschen nur ein wenig herumknabbern, weil sie nicht gut sehen, erzählt Professor Burmeister. Er hat es schon öfter erlebt.
Freitag, 9. September
9. September: Es ist abgekühlt und feucht geblieben über Nacht. Es ist eingetroffen, wovor Andreas Gross uns gewarnt hat: In der Trockenzeit können Kaltfronten aus der Antarktis ins Amazonasbecken ziehen. Sie bringen kalten Wind mit – und sehr viel Regen. Wir aber müssen früh aufbrechen, um wieder den Heath hinab und den Madre de Dios hinaufzufahren, um in einer Lodge an einem Sandoval-See – eigentlich einem Altarm des Madre de Dios – zu übernachten.
Der Heath führt durch den Regen mehr Wasser, es geht flott voran. Anfangs ist es nur bewölkt, dann beginnt es zu nieseln, dann zu regnen. Als es zu schütten beginnt, lassen unsere Bootsleute die transparenten Plastikfolien an den Seiten des überdachten Kanus herunter. Nur den Passagieren, die in den beiden Booten in den vorderen Sitzen Platz genommen haben, schlagen Fahrtwind und Nässe direkt ins Gesicht.
Wir sitzen vermummt, versuchen zu schlafen und zu lesen. Ein Herr aus Österreich holt Alexander von Humboldts Buch über seine Südamerika-Reise aus der Tasche. Ich lese eine Weile darin, dann wird es mir zu langweilig. Dieser Humboldt mag ja ein guter Wissenschaftler gewesen sein – schreiben konnte er nicht. Kein bdw-Autor!
Nach dem Ausstieg im strömenden Regen steht eine weitere Hausforderung an: Anderthalb Stunden Fußmarsch über einen Schlammweg! Gerüstet mit Regenjacken, Capes, Schirmen und Wanderstöcken rutschen wir voran. Dann geht es in kleinen Kanus weiter und in einem Katamaran über den Sandoval-See. Der palmenbestandene See ist selbst im Regen wunderschön. Und er belohnt uns mit neuen Tieren: dem Hoatzin, dem Punk unter den Tropenvögeln, wie ihn die Reiseteilnehmerin aus den USA genannt hat. Und zwei Primaten: braunen Kapuzinern und einem Totenkopfäffchen. Nachdem wir gestern Abend auf der nächtlichen Heimfahrt auf dem Heath schon ein Wasserschwein von allen Seiten bewundern konnten – beeindruckender Hintern! – und heute Morgen den seltenen Marder namens Tayra am Ufer entlangstreifen sahen, fehlen uns jetzt eigentlich nur noch die Riesenotter!
Einen Tukan zu sehen, habe ich eigentlich schon aufgegeben. Dabei ist er das Logo-Tier unserer Reise! Doch am Abend dieses seltsam ereignisreichen Tages zeigt er sich: zwei Silhouetten mit großen, dicken Schnäbeln gegen den Nachthimmel projiziert – Tukane! Wir sind noch einmal rausgefahren, um Kaimane zu finden. Wenn man sie mit der Taschenlampe anleuchtet, leuchten ihre Augen rot zurück. Biologie-Professor Burmeister weiß viel über die in ihrer Gefährlichkeit weit überschätzten Tiere zu berichten. Besonders beeindruckt mich ihr Sexualleben: Diese Einzelgänger paaren sich am liebsten bei Gewitter.
Samstag, 10. September
Am 10. September heißt es Abschied nehmen vom Sandoval-See, den Totenkopfäffchen, die von hohen Palmen heruntergucken, den Kaimanen im Versteck, den Hoatzins, die mit plumpem Schwung die Blätter zum Schwingen bringen, wenn sie landen. Ein letztes Mal fahren wir im Morgenlicht im Kanu über den See. Unser Ruderer diskutiert mit dem Ruderer eines entgegenkommenden Boots. Sie machen Handbewegungen wie ein tauchendes Tier. Geht es um die Riesenotter?
Kurz bevor wir in den Kanal einbiegen müssen, der uns zurück zum Schlammweg bringt, beginnt eine Diskussion zwischen dem Ruderer und Geraldine. Er will uns noch etwas zeigen. Geraldine schaut auf die Uhr. “Ist es weit?”, fragt sie. “Nein.” Nur ein paar Ruderschläge weiter am Ufer ist etwas zu sehen: schwimmende Köpfe mit Knopfaugen. “Lobo?”, frage ich den Mann am Paddel. “Si, lobo del rio.” Wir haben die Riesenotter gefunden, die alle Naturfreunde so lieben. Wir folgen der schwimmenden Familie in gebührendem Abstand auf ihrem Ausflug über den See, sehen ihnen beim Tauchen und Fischefangen zu, machen Fotos. Der Sandoval-See, der so schwer zu erreichen war, hat uns ein letztes, liebenswertes Geheimnis preisgegeben.
In Puerto Maldonado ist dann Schluss mit Regenwald. Auf Wiedersehen, Maria, tschüss, Geraldine. Jetzt ruft die Atacama-Wüste, wir fliegen über Lima nach Paracas.
Sonntag, 11. September
Sonntag, der 11.9., beginnt für uns in einem Luxushotel am Pazifikstrand. Die deutsche Zeitung mit Berichten über den Terror-Jahrestag ignorieren wir. Sie Sonntagsausgabe des “Comercio” beschäftigt sich mit den illegalen Goldgräbern im Rio Madre del Dios und der Frage, mit wieviel Gold sie einen Abgeordneten bestochen haben – fünf Kilo pro Monat. Das ist schon eher interessant.
Dann folgt bei strahlendem Sonnenschein das Highlight für die Vogelfreunde: Mit einem Speedboot fahren wir vom nahegelegenen Hafen zu den vorgelagerten Ballestas-Inseln. Sie sehen malerisch aus – wie Torbögen aus porösem Gestein. Die Ballestas gehören zu den Guano-Inseln. Und von Guano – dem weißen Kot der Seevögel – wären sie auch bedeckt, wenn dieser wertvolle Dünger nicht abgebaut würde. Er ist nach wie vor ein Wirtschaftsfaktor in Peru.
Je näher wir den Inseln kommen, desto mehr Seevögel umschwirren uns. Wir lernen Guano-Tölpel von Inka-Seeschwalben zu unterscheiden, die Olivenscharbe von der Buntscharbe, wir orten Pelikane im Gedränge. Und dort stehen sie ja auch: die kleinen Humboldt-Pinguine! Fliegen können sie nicht, sie müssen die steilen Felsen hinaufklettern. Auf den wenigen Plattformen, die die Felsen bieten, haben sich Seelöwenmännchen mit ihrem Harem breitgemacht. Auch ein Seebär hat sich unter sie gemischt, größer und dunkler. Er werde so weit nördlich jetzt häufiger gesichtet, sagt Stefan, unser lokaler Reiseführer, ein engagierter Naturschützer. Der Klimawandel sei schuld.
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