In der Regel sind Pflanzen die Opfer – doch einige skurrile Gewächse haben den Spieß umgedreht: Mit raffinierten Fallensystemen machen die etwa 600 Vertreter der Karnivoren Jagd auf Insekten. Dadurch haben sie Wachstumsvorteile an Standorten, wo der Boden nur wenig Nährstoffe bietet, denn die Beutetiere wirken auf sie wie „Düngertabletten“. Um Insekten zu fangen, haben diese rabiaten Gewächse unterschiedliche Strategien entwickelt: Einige stellen Fallgruben auf, andere schnappen nach ihrer Beute und die dritte Gruppe fängt Insekten durch klebrige Strukturen. Bei den Fangorganen handelt es sich dabei in der Regel um spezielle Blattstrukturen. Nach einem Jagderfolg verleiben sich die Karnivoren die Nährstoffe ihrer Opfer ein, indem sie diese durch Verdauungsflüssigkeiten zersetzen oder diese Aufgabe von symbiotischen Mikroben erledigen lassen.
Gelegentlich entdecken Forscher auch neue Karnivoren – meist handelt es sich dabei allerdings um Arten aus bereits bekannten Familien wie etwa den Sonnentaugewächsen (Droseraceae). Bei der Pflanze, die Qianshi Lin von der University of British Columbia in Vancouver und seine Kollegen nun präsentieren, handelt es sich aber um die Vertreterin einer Pflanzenfamilie, von der bisher keine Karnivorie bekannt war und auch ihr Beutefang-Konzept ist besonders. Triantha occidentalis gehört zu den Simsenliliengewächsen (Tofieldiaceae), die wiederum den einkeimblättrigen Froschlöffelartigen (Alismatales) zugeordnet werden. Die weißblühende Staude ist in Feuchtgebieten im Nordwesten Nordamerikas weit verbreitet. Es war bereits bekannt, dass ihre hohen Blütenstängel von klebrigen Haaren bedeckt sind. Doch solche Merkmale können auch etwa dem Schutz vor Feinden dienen.
Beute-Stickstoff auf der Spur
Ins Visier der Forscher rückte die Art erst durch Hinweise aus einer genetischen Untersuchung von verschiedenen Vertretern der Froschlöffelartigen – einschließlich T. occidentalis. Dabei zeigte sich, dass dieser Spezies eine spezielle Erbanlage fehlt, die typischerweise fleischfressende Pflanzen im Lauf ihrer Evolution verloren haben. Dieser Spur gingen die Wissenschaftler anschließend durch eine systematische Untersuchung nach. Zunächst konnten sie zeigen, dass an den klebrigen Haaren der Blütenstängel der Pflanze tatsächlich kleine Mücken hängenbleiben. Doch verleibt sich die Pflanze deren Nährstoffe auch tatsächlich ein?
Dieser Frage gingen die Forscher durch eine experimentelle Fütterung der Pflanzen mit speziellen Fruchtfliegen nach. Bei einem Teil des Stickstoffs in diesen Insekten handelte es sich um ein spezielles stabiles Isotop, das sich leicht nachweisen lässt. Nach den Fütterungen konnten die Wissenschaftler den Weg des Stickstoffisotops somit in den Versuchspflanzen verfolgen. Die Ergebnisse verglichen sie dann mit den Werten bei einer bekanntermaßen fleischfressenden Pflanze sowie bei einem „normalen“ Gewächs, die im gleichen Lebensraum wie T. occidentalis vorkommen.





