Um mehr zu erfahren, entnahmen die Wissenschaftler diesem Tier eine Blutprobe und ließen den Vogel wieder frei. Anschließend beobachteten sie, dass der Newcomer mit einer ortsansässigen mittelgroßen Finken-Dame der Art Geospiza fortis Nachwuchs gezeugt hatte. Diese Jungtiere sorgten anschließend ihrerseits wieder für Nachkommen. Die Forscher ließen diese neu entstandene “Big Bird-Linie” nun nicht mehr aus den Augen und entnahmen über sechs Generationen hinweg Blutproben zur genetischen Analyse. Mittlerweile gibt es rund 30 Nachkommen. Nun berichten die Biologen über ihre gesammelten Beobachtungsdaten und Analysen.
Es begann mit einem einsamen Finken
Sie identifizierten den Begründer der Big Bird-Linie als einen Großen Kaktusfink der Art Geospiza conirostris von der Insel Española, die mehr als 100 Kilometer südöstlich im Archipel liegt. Durch diese Entfernung war es dem männliche Fink offenbar nicht möglich gewesen, nach Hause zurückzukehren, um sich mit einem Mitglied seiner eigenen Spezies zu paaren. Irgendwie gelang es ihm dann aber offenbar, ein Weibchen der Art Geospiza fortis von Daphne Major “rumzukriegen”, erklären die Biologen.
Soweit könnte man annehmen: Es handelt sich nur um eine simple Hybridisierung von zwei verwandten Arten – so etwas ist auch von anderen Tieren bekannt. Doch die Forscher stellten etwas Besonderes fest: Die Vögel der Big Bird-Linie sind reproduktiv isoliert, wie es im Fachjargon heißt. Wie die Forscher erklären, können sie mit ihrem seltsamen Gesang keine Vertreter der einheimischen Arten bezaubern. Die Vögel der Big Bird-Linie unterscheiden sich außerdem von den ansässigen Spezies in Schnabelgröße und -form, was ebenfalls ein wichtiger Schönheitsfaktor bei der Partnerwahl ist. Infolgedessen paaren sich die Nachkommen nur mit Mitgliedern ihrer eigenen Abstammung und verstärken damit ihre Eigenständigkeit, sagen die Forscher. Ihnen zufolge besitzt die Big Bird-Linie damit nun die Charakteristika einer eigenen Spezies.
“Die Vertreter der neuen Big Bird-Linie besetzen nun wegen ihrer besonderen Schnabelmerkmale eine eigene Nische”, erklärt Co-Autorin Sangeet Lamichhaney von der Harvard University. Ihr Kollege Leif Andersson von der Universität Uppsala führt weiter aus: “Ein Naturforscher, der zu Daphne Major kommen würde, ohne zu wissen, dass diese Linie erst vor kurzem entstanden ist, hätte diese Vögel als eine der vier endemischen Arten der Insel identifiziert”, so der Biologe.
Evolutionssprünge scheinen möglich
In gewisser Weise gibt es deshalb nun neuerdings 19 Darwinfinkenarten. Nach aktuellem Stand der Forschung sind die bereits zuvor bekannten 18 Spezies aus einer einzigen Ahnenart hervorgegangen, die vor etwa einer bis zwei Millionen Jahren die Galapagosinseln erreicht hat. Um unterschiedliche ökologische Nischen zu besetzen, haben sich die Vögel dort in verschiedene Arten aufgefächert, die sich in der Schnabelform, der Größe und im Verhalten unterscheiden. Die aktuelle Studie legt nun nahe, dass diese Aufspaltungen auch in Sprüngen stattgefunden haben könnten.





