Die winzigen Bärtierchen, vor allem bekannt für ihre unglaubliche Überlebensfähigkeit bei widrigsten Bedingungen, haben Familienzuwachs bekommen: Stuttgarter Biologen ist es gelungen, drei bisher unbekannte Arten der kleinen Tiere zu identifizieren, die unter dem Mikroskop winzigen Bären gleichen. Während die bisher bekannten Bärtierchenvarianten vor allem in heimischen Süßwasserseen, Tümpeln und feuchten Waldböden vorkommen, haben die neuentdeckten Arten etwas exotischere Lebensräume erobert: Eine stammt von der Inselgruppe Palau im Pazifischen Ozean, eine aus Kenia und eine aus dem kalten Alaska. Entdeckt hat sie ein Biologenteam um Ralph Schill von der Universität Stuttgart mit Hilfe einer molekularbiologischen Methode, die zuvor noch nie bei den winzigen Tieren eingesetzt worden war, wie die Universität mitteilt.
Zum ersten Mal beschrieben wurden die nur 0,1 bis 1,2 Millimeter großen Tierchen bereits im Jahr 1773 von dem Pastor und Zoologen Johann August Ephraim Goeze, der sie als “kleine Wasserbären” bezeichnete und sie folgendermaßen beschrieb: “… Seltsam ist dieses Thierchen… weil es in seiner äusserlichen Gestalte, dem ersten Anblicke nach, die größte Ähnlichkeit mit einem Bäre im Kleinen hat.” Mittlerweile sind über 1.000 verschiedene Arten der Bärtierchen bekannt, die Existenz weiterer gilt jedoch als ziemlich sicher. Allerdings gibt es bei der genauen Klassifizierung ein Problem: Die Bärtierchen verschiedener Arten unterscheiden sich zumindest äußerlich kaum voneinander, so dass eine klare Zuordnung nur aufgrund des Körperbaus praktisch unmöglich ist.
Um dieses Problem zu umgehen, verwendeten Schill und seine Kollegen nun eine Methode namens CBC. Dabei wird ein spezieller Teil des Erbguts vervielfältigt, analysiert und schließlich in seine natürliche Struktur gefaltet. In dieser Form lässt sich am besten Vergleichen, ob es Abweichungen bei der Bausteinreihenfolge im Erbgut gibt. In Kombination mit anderen biochemischen und physikalischen Methoden lieferte dieses Verfahren den Wissenschaftlern einen Beweis dafür, dass die drei untersuchten Bärtierchenpopulationen aus Afrika, Alaska und Palau tatsächlich unterschiedlichen Arten angehörten. Zuvor war das lediglich vermutet worden, konnte aber nicht belegt werden. Getauft wurden die neuen Arten nach ihrer Herkunft in Paramacrobiotus palaui, Paramacrobiotus fairbanksi und Paramacrobiotus kenianus.
Die Bärtierchen und ihren Familienstammbaum besser zu verstehen, ist jedoch nicht nur wegen des possierlichen Aussehens der Tiere interessant. Es könnte in Zukunft auch helfen, Zellen oder gar ganze Organe schonender zu konservieren. Denn die Bärtierchen haben eine einzigartige Eigenschaft: Sie können sowohl völlig austrocknen als auch vollständig einfrieren, ohne dadurch irgendeinen Schaden davonzutragen.
Ralph Schill (Universität Stuttgart) et al.: Organisms, Diversity & Evolution, doi: 10.1007/s13127-010-0025-z ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





