Beim Weltgipfel 2021 in Glasgow einigten sich die Vertragsstaaten darauf, die Dekarbonisierung ihrer Energiesysteme voranzutreiben. Denn um die Klimaschutzziele zu erreichen, müsste Studien zufolge die Zahl der Kohlekraftwerke gegenüber dem Bestand von 2020 um 40 Prozent bis zum Jahr 2040 reduziert werden, bis 2050 sollte dann der Kohleausstieg komplett erfolgt sein. Die Realität sieht allerdings anders aus: Noch Mitte 2022 waren weltweit 476 Gigawatt an neuen Kohlenkraftwerken im Bau oder in Planung, rund 90 Prozent davon in Bangladesch, China, Indien, Indonesien, Laos, der Mongolei, Pakistan, der Türkei, Vietnam und Zimbabwe.
Wie sieht es mit der Umsetzung aus?
Wenn diese Kohlekraft-Projekte alle umgesetzt würden, wären die globalen Klimaschutzziele einer auf 1,5 oder zwei Grad begrenzten Erwärmung unerreichbar. Aber ist das auch der Fall? „Planungen und sogar laufende Bauprojekte können auf Eis gelegt werden, wenn sich zum Beispiel das Finanzierungsumfeld, nationale Energie-Strategien oder auch die Kosten erneuerbarer Energien ändern”, erklärt Jan Steckel von der Brandenburgisch Technischen Universität. “Für die Verhandlungen zum globalen Kohleausstieg ist es daher wichtig zu wissen, was bei den Kraftwerken realistischerweise noch an Zuwachs droht.” Gemeinsam mit Kollegen hat er deshalb untersucht, wie der aktuelle Stand der Dinge bei den weltweiten Kohlekraft-Projekten ist.
Für ihre Studie suchten die Wissenschaftler zunächst nach Experten in den zehn Ländern, die zu 90 Prozent für den geplanten Zuwachs verantwortlich sind. “Eine solche Methode ist vor allem dann sinnvoll, wenn es an harten Daten fehlt oder wenn komplexe Dynamiken im Spiel sind”, erklärt das Team. Sie identifizierten 29 Fachleute, die an Forschungseinrichtungen zum Thema Energie und Kohlekraft forschen, und die Einblick in die Vorgänge rund um die Kohlekraft-Projekte in ihrem Land haben. Durch Befragung dieser Experten ermittelten Steckel und seine Kollegen dann, wie es mit der Umsetzung der Kraftwerksprojekte aussieht und konnten so einen Überblick darin gewinnen, wie viel Kapazität bis 2050 tatsächlich ans Netz gehen wird.
Rund die Hälfte der Kraftwerksprojekte wird umgesetzt
Das Ergebnis: “Die Ausbaupläne sind größtenteils noch immer akut und die Experten sagen vorher, dass viele dieser Pläne auch umgesetzt werden”, berichten Steckel und seine Kollegen. Konkret ergaben die Analysen, dass rund die Hälfte aller geplanten und angekündigten Bauvorhaben weiterhin akut sind und aller Voraussicht nach umgesetzt werden. “In absoluten Zahlen werden zwischen 170 und 270 Gigawatt an neuen Kohlekraftwerken hinzukommen”, so die Forscher. Das bedeutet, dass rund 50 Prozent der Kraftwerksprojekte weiterlaufen und wahrscheinlich umgesetzt werden.





