Seltsamerweise besteht dieses Problem bei Nagetierharen nicht: Werden ihnen Hautpapillen entnommen und in Zellkulturen vermehrt, bilden sie neue Haarfollikel, sobald sie in haarfreie Hautpartien eingepflanzt werden. Und es gibt noch einen Unterschied: Die in Kultur gehaltenen Ratten- oder Mäusezellen neigen dazu, sich spontan zu Klumpen zusammenzulagern. Aus diesen Klumpen dann entstehen die Follikel. Menschliche Hautpapillen aber zeigen dieses Verhalten nicht. Das brachte Higgins und ihre Kollege auf die entscheidende Idee: Möglicherweise war es die fehlende Verklumpung, die die menschlichen Hautzellen an der Follikelbildung hinderte. “Wenn wir nun menschliche Hautpapillen so kulturvieren würden, dass sie sich zusammenlagern müssen, ähnlich wie die Nagerzellen, dann könnte dies die Bedingungen schaffen, die wir brauchen um Haarfollikel zu erzeugen”, so ihre Vermutung.
Klumpen werden zu neuen Follikeln
Um das zu testen, entnahmen die Forscher sieben menschlichen Spendern einige Hautpapillen und vermehrten diese Zellen in Kultur. Die Besonderheit dabei: Statt auf herkömmlichen Nährmedien hielten sie die Zellen in einer Art Kultursäckchen – tropfenförmigen Ausstülpungen, in denen jeweils Zellklumpen von rund 3.000 Zellen heranwuchsen. Diese Klumpen implantierten die Forscher anschließend in ein Stück haarlose menschliche Haut, das zuvor Mäusen auf den Rücken verpflanzt worden war. “Erstaunlicherweise beobachteten wir nach sechs Wochen, dass in diesem Hautstück neue Haarfollikel entstanden waren”, berichten die Forscher. In fünf der sieben Transplantationen produzierten diese Haarfollikel auch neue Haare. “Das demonstriert, dass solche dermalen Kugelkulturen dazu fähig sind, in von Natur aus haarloser Haut die Haarbildung zu initiieren – obwohl es darin zuvor keine Haarfollikel gab”, konstatieren Higgins und ihre Kollegen.
Noch waren die so erzeugten Follikel eher klein und nicht alle schafften es, neue Haare zu erzeugen. Aber die Forscher sind dennoch zuversichtlich, dass ihnen damit ein wichtiger Schritt zu einer Wiederherstellung verloren gegangenen Haarwuchses gelungen ist. “Dieser Ansatz hat das Potenzial, die medizinische Behandlung für den Haarverlust zu transformieren”, sagt Angela Christiano von der Columbia University. Bisherige Therapien können den Verlust von Haarfollikeln höchstens verlangsamen. Haartransplantationen kommen nur für einige Patienten in Betracht. Doch die neue Methode könne neue Follikel aus nur ein paar eigenen Hautzellen der Patienten erschaffen. “Das könnte auch Patienten mit nur noch wenigen funktionsfähigen Haarfollikeln helfen, darunter auch Frauen mit Haarausfall und Patienten mit großflächigen Verbrennungen”, so Christiano. Zwar sei noch einiges zu klären, bevor die Methode an Menschen getestet werden kann. Doch die Forscher hoffen, schon in naher Zukunft die ersten klinischen Studien beginnen zu können.





