Text: Monika Offenberger
Deutschlands Wälder ächzen unter dem Klimawandel. Stürme und extrem heiße Sommer schwächen die Bäume, Parasiten und Krankheiten geben ihnen den Rest. Die größten Schäden zeigen sich in reinen Nadelwäldern: Ganze Fichtenforste werden vom Borkenkäfer vernichtet, Kieferplantagen gehen in Flammen auf. Doch es trifft nicht nur die naturwidrig gepflanzten Nadelbaumplantagen. Buchen leiden an Sonnenbrand und Mikroben, Bergkiefern und Ahorne können sich zunehmend schlechter gegen eingeschleppte Pilze wehren (siehe S. 64). Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Denn laut Prognosen des Weltklimarats werden die Temperaturen, global und in Europa, weiter deutlich steigen und Witterungsextreme zunehmen. Und zwar in einem Tempo, mit dem unsere Wälder nicht Schritt halten können. Viele Forstleute wollen deshalb dem Wald gleichsam Beine machen.
Bäume aus dem Süden sollen zu uns einwandern
„Assisted migration“, zu Deutsch „Assistierte Migration“ oder „Unterstützte Wanderung“, heißt ihr Konzept. Die Idee dahinter: Baumarten, die dem künftigen Klima nicht gewachsen sind, sollen mit unserer Unterstützung nordwärts wandern, wo es für sie verträglicher ist. Ihren Platz sollen neue Bäume aus südlichen Regionen einnehmen, in denen schon heute ein ähnliches Klima herrscht wie künftig bei uns zu erwarten. So könnte der Mensch im Zeitraffer nachahmen, was die Natur seit jeher selbst macht, jedoch längst nicht mehr in der gebotenen Geschwindigkeit schafft, argumentiert Christian Kölling. Er leitet den Bereich Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Fürth-Uffenheim und zählt zu den eifrigsten Verfechtern des Konzepts.
Tatsächlich ist das Wandern in der Natur eine bewährte Reaktion auf Umweltveränderungen. Tiere gelangen mit Beinen und Flügeln in neue Lebensräume, Pflanzen lassen ihre Samen von Wind und Insekten wegtragen. So kommen Birken pro Jahr bis zu 2.000 Meter voran, Eichen und Fichten bestenfalls einige Hundert Meter, Buchen und Tannen deutlich weniger. Und so haben die verschiedenen Baumarten, jede in ihrem Tempo, nach der letzten Eiszeit das kahle Land nördlich der Alpen neu besiedelt und den Grundstein für unsere heutigen Wälder gelegt (siehe S. 12). Schon damals also ist der Wald, dem natürlichen Klimawandel folgend, Richtung Norden gewandert.
Auch im menschengemachten Klimawandel regt sich der natürliche Wandertrieb. Doch heute bilden Siedlungen und Ackerland kaum überwindbare Hürden. Und selbst wenn Birken und Buchen freie Bahn hätten, kämen sie einfach nicht schnell genug voran. Sie werden vom veränderten Klima eingeholt. Einige Gehölze kommen damit gut zurecht, manche mäßig, andere gar nicht. Christian Kölling sortiert die Baumarten wie in einer Fußballliga in Aufsteiger, Tabellenmitte und Absteiger. Zu Letzteren zählt er alle in Deutschland heimischen Nadelbäume. Ins Mittelfeld fallen demnach Rotbuche, Feldahorn, Speierling oder Vogelkirsche. Als Aufsteiger oder „Zukunftsbäume“ gelten ihm neben Feldulme oder Schwarzpappel vor allem südländische Arten, von Aleppokiefer über Erdbeerbaum bis Zerreiche. Nach dieser Tabelle würde der Forstbeamte lieber heute als morgen mit einer Neuaufstellung unserer Baumarten-Mannschaft beginnen – und zu den bewährten Stammspielern auch jüngere Talente aus dem Ausland einkaufen.





