Artenschützer versuchen, den Europäischen Nerz wieder in Deutschland anzusiedeln. Doch in seinem Lebensraum hat es sich inzwischen der Mink gemütlich gemacht. Und der ist nicht bereit, das Feld zu räumen.
Der Mensch jagte ihn seines schönen Fells wegen, der Mensch zerstörte seinen Lebensraum, jetzt ist er ausgestorben. Im Jahr 1925 wurde im niedersächsischen Allertal der letzte Europäische Nerz in Deutschland gefangen. Tierfreunde an der Universität Osnabrück bedauern das. Dort, in der Abteilung für Ethologie, gelang es dem Tierpfleger Wolfgang Festl 1997 zum ersten Mal in Westeuropa, Europäische Nerze zu züchten.
Ein schwieriges Unterfangen, da die kleinen Marder „auch in der Paarungszeit sehr aggressiv sind”, wie Festl berichtet. Zudem weiß man über die Lebensweise der Tiere so gut wie nichts. Denn im Gegensatz zum amerikanischen Verwandten des Europäischen Nerzes, dem Mink, wurde die einheimische Art nie in Pelzfarmen gezüchtet. Also gründete Festl zusammen mit Kollegen aus Universität und Zoo den Verein EuroNerz e.V., der sich auf die Fahnen geschrieben hat, den Europäischen Nerz in Deutschland wieder bekannt zu machen.
Hierfür soll der kleine Räuber erst in Zoos der Öffentlichkeit vorgestellt und dann wieder in die freie Wildbahn entlassen werden. Schritt eins in diesem Vorhaben: Es mussten mehr Nerze her. „Wir starteten 1997 mit 6 Tieren und haben dann noch mal 10 weitere zur Blutauffrischung aus dem Zoo im russischen Nowosibirsk bekommen”, erzählt Festl. Im ersten Jahr habe man 11 Jungtiere gehabt, im zweiten schon 22. Inzwischen züchten die „ EuroNerzler” etwa 50 Jungtiere im Jahr. Viele der tragenden Weibchen werden vor der Geburt der Jungen an Zoos abgegeben. Wenn die Nerze dann dort ihre Jungen aufziehen, weckt das Sympathien bei den Besuchern. Doch EuroNerz will nicht nur einen Gehegebestand von Europäischen Nerzen aufbauen, der Nerz soll auch bald wieder wild in Deutschland leben. Als geeignete Lebensräume gelten dicht bewachsene, naturbelassene Ufer von Bächen und Seen. Auch in Sümpfen und Bruchwäldern fühlt sich der kleine Marder wohl, der am liebsten Mäuse, kleine Fische, Frösche und Krebse frisst.
Doch ein solcher Lebensraum ist nicht nur für den Europäischen Nerz geeignet. Als der vor rund 100 Jahren aus Deutschland verschwand, blieb seine ökologische Nische nicht lange verwaist. Die ersten „Nachmieter” zogen bereits in den 1920er-Jahren ein. Damals gelangten mit den ersten Nerzfarmen auch die ersten Amerikanischen Nerze, die Minke, nach Deutschland. „In dieser Zeit entkamen häufig Tiere in die Freiheit, weil die Farmen noch nicht so gut gesichert waren”, erklärt die Wildtierbiologin Jana Zschille.
IN DIE FREIHEIT, IN DEN TOD
Richtig groß wurde die Nachfrage nach dem Lebensraum Uferrandstreifen aber erst in den 1990er-Jahren. Radikale Tierschützer werteten die Zucht von Nerzen als Tierquälerei und initiierten aufsehenerregende Befreiungsaktionen. In der Nacht brachen sie in Pelztierfarmen ein, schnitten die Käfige auf und ließen die Minke laufen – oft vor das nächste Auto oder das nächste Hundemaul. Die meisten Tiere überlebten die Befreiung nicht, erklärt Zschille. „Doch ein gewisser Bruchteil hat es geschafft”, sagt die Biologin, die an der TU Dresden die Ökologie des Minks in Deutschland erforscht. Und dieser Bruchteil fand an den Ufern deutscher Bäche und Seen, dort wo ehemals der Europäische Nerz jagte, ein neues Zuhause. Vor allem in den wasserreichen Gegenden Ostdeutschlands und auch in Schleswig-Holstein ist der Mink heute verbreitet, weiß Zschille. Der amerikanische Mink ist nicht nur größer und konkurrenzstärker als der einheimische Europäer. „Er treibt den Nerz auch aus seinem Lebensraum, indem er aggressiv auf ihn losgeht”, berichtet Wolfgang Festl.
Dort wo heute noch einige letzte Nerze leben – im Westen Frankreichs, in Nordspanien, in Weißrussland, im Donaudelta Rumäniens und in Russland –, sind die Tiere massiv bedroht. Wo immer der Mink einwandert, bedeutet dies das Aus für den Europäischen Nerz. Deshalb ist „Minkfreiheit” das oberste Gebot für eine Wiederansiedlung des Europäischen Nerzes. Ein geeignetes Gebiet fanden die EuroNerzler im südwestlichen Zipfel der Bundesrepublik, im Saarland. Dort wurde ein etwa 125 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen den Städtchen Lebach und Ottweiler zum neuen Lebensraum der Nerze aus Osnabrück auserkoren. Von hier aus sollen sich die pelzigen Tiere auf das gesamte Saarland und angrenzende Regionen ausbreiten. Der Mittelgebirgsbach Ill schlängelt sich seit seiner Renaturierung – unter anderem durch die bereits erfolgreiche Wiederansiedlung des Bibers – wieder durch Wälder und Auen. Es gibt viele Nebenbäche, die Ufer sind von Gehölz gesäumt.
Kurzer Prozess mit den Einheimischen
Doch die Nerze, die dann im Jahr 2006 an der Ill in die Freiheit entlassen wurden, waren nicht die Ersten. Schon drei Jahre zuvor hatte es ein Wiederansiedlungsprojekt gegeben: In Zusammenarbeit mit dem Zoo in Tallinn waren Nerze auf die estnische Insel Hiiumaa exportiert worden. Die 1000 Quadratkilometer große Insel sollte als „Freiluftlabor” dienen: Forscher wollten untersuchen, wie man Nerze am besten auswildert.
Um ihnen eine Chance zu geben, wurde mit den rund 200 Minken, die auf Hiiumaa lebten, kurzer Prozess gemacht. Als im Jahr 2003 die ersten Europäischen Nerze einzogen, war Hiiumaa minkfrei. Seitdem werden jedes Jahr zwischen 30 und 60 Europäische Nerze auf Hiiumaa freigelassen. Das regelmäßige „Auffüllen” ist notwendig, denn die dort heimisch gewordene Population von 25 bis 30 Tieren ist noch lange nicht groß genug, um sich selbst am Leben zu erhalten. „Dafür sind mindestens 40 bis 50 Tiere nötig”, ist Wolfgang Festl überzeugt. Letztlich sei die Insel wohl doch zu klein. Wahrscheinlich werde man dort immer wieder eingreifen müssen, wenn die Population Europäischer Nerze auf Dauer Bestand haben soll.
Auch in Nordspanien werden Nerzpopulationen „gemanagt” – allerdings nicht durch Auffüllen, sondern durch Wegfangen der Konkurrenz. Minkfreiheit ist nicht nur die Voraussetzung, um Europäische Nerze wieder ansiedeln zu können, sondern auch nötig, damit die wenigen Nerze, die es in Westeuropa noch gibt, überleben können. Seit der Mink sich im Grenzgebiet zwischen Spanien und Frankreich angesiedelt und so die spanische von der französischen Nerzpopulation getrennt hat, „ist es nur noch eine Frage von Jahren, bis die französische Population aussterben wird” , sagt Festl. In Nordspanien will man den Europäischen Nerz jedoch erhalten, koste es was es wolle – zum Beispiel einige Minkleben. Jahr für Jahr finden groß angelegte Fangaktionen statt, bei denen Tierschützer zusammen mit Jägern und Fischern versuchen, jeden Mink, der sich in die Nähe verbliebener Nerzvorkommen wagt, sofort wegzufangen. Üblicherweise geschieht dies „human” – mithilfe von Lebendfallen und anschließender Einschläferung durch den Tierarzt. Die Gefahr, dass einer der kostbaren Europäischen Nerze dran glauben könnte, wäre sonst zu groß.
Dennoch werde wohl der eine oder andere Mink geschossen, wenn er einem Jäger vor die Flinte kommt, meint Festl. Allerdings: Ob Lebendfang oder Abschuss, als effektiv hat sich keine der beiden Methoden erwiesen. „Der Mink wird sich langfristig auf dem europäischen Festland etablieren, wenn sich in Europa nicht sehr viel mehr Problembewusstsein entwickelt”, prognostiziert Wolfgang Festl. Ein Grund aufzugeben ist das für den engagierten Naturschützer nicht. Und sich mit dem Mink in Europa anzufreunden, wie es einige Wissenschaftler fordern, kommt für ihn gar nicht in Frage. Der Amerikaner sieht zwar ähnlich aus wie der Europäer und hat auch eine ähnliche Lebensweise. Doch Festl warnt: So einem Neubürger, einem Neozoen, freien Lauf zu lassen, das „könnte Konsequenzen haben, die heute noch gar nicht abzusehen sind”. Und er plädiert dafür, den Vormarsch des Minks endlich entschlossen zu bremsen.
AGGRESSIVER NEUBÜRGER
Tatsächlich scheint der Mink nicht zu den Neubürgern zu gehören, die sich brav integrieren. In Großbritannien etwa leben heute 110 000 Minke in freier Natur. Auch dort sind die ersten Populationen das Werk von Tierrechtsaktivisten. Richtig schlimm wurde die Lage, als man im Jahr 2003 die Pelztierzucht auf den Britischen Inseln verbot. Die frustrierten Nerzfarmer entließen ihre Tiere damals kurzerhand aus den Käfigen. Heute haben sich die Minke an Großbritanniens See- und Flussufern zu einer echten Plage entwickelt – trotz eines staatlich unterstützten „ Ausrottungsprogramms” Ende der 1990er-Jahre. Dafür steht jetzt die Wasserratte kurz vor dem Aussterben. Die zweitgrößte Wühlmausart in Europa, die auch in Deutschland häufig ist, wird auf den Britischen Inseln vom Mink schlicht weggefressen.
Nicht besser ergeht es zahlreichen Seevögeln. Bei Untersuchungen in Schottland stellte sich heraus, dass die Populationen der Küstenseeschwalbe durch den Appetit des Minks vielerorts um fast die Hälfte geschrumpft sind. Wie sich die Ausbreitung des Minks in Deutschland auswirkt, untersucht die Wildbiologin Jana Zschille seit etwa acht Jahren. Sie weiß: Der Mink kann für die einheimische Tierwelt zur Bedrohung werden. Bei Untersuchungen in den wasserreichen Gebieten Mecklenburg-Vorpommerns, wo der Mink häufig zu finden ist, erwiesen sich vor allem Wasservögel wie Enten, Blesshühner und Haubentaucher als gefährdet. Diese Wasservögel nisten meist am Boden oder auf Schwimmnestern in Ufernähe. Ihre Eier sind für den eingewanderten Räuber ein gefundenes Fressen. Allein im Jahr 2005 sind 30 Prozent der kartierten Entennester im Untersuchungsgebiet – dem Landschaftsschutzgebiet Lewitz – vom Mink ausgeräubert worden. Am Rest taten sich andere kleine Raubtiere, Raubvögel und Wildschweine gütlich. Am Ende seien nur aus 2 der insgesamt 26 beobachteten Nester Junge geschlüpft, berichtet die Biologin.
Auf nach Frankreich
Doch nicht nur Wasservögel sind in Gefahr: Der Mink verdrängt auch den Iltis aus den Feuchtgebieten. Da der Iltis beim Lebensraum nicht wählerisch ist, kann er in trockenere Gegenden ausweichen, etwa in Wälder. Der Europäische Nerz kann das nicht, denn er ist auf seinen Lebensraum spezialisiert und nutzt exakt die gleiche Nische wie der Mink. Trockenere Gebiete behagen ihm nicht. So bleiben ihm meist nur kleinere Nebenflüsse, wo ihm jedoch das Nahrungsangebot zum Überleben nicht ausreicht. Aus dem derzeit noch minkfreien Saarland meldeten Beobachter vor Kurzem, dass ein 2007 freigelassenes Nerz-Weibchen gefangen wurde. Das Tier sei in gutem gesundheitlichem Zustand gewesen, berichten die EuroNerz-Wissenschaftler. Vielleicht wird es ja dieses Weibchen sein, das dazu beiträgt, den größten Wunsch der EuroNerzler zu erfüllen: Die Nerze aus dem Saarland sollen nach Frankreich einwandern und sich mit den dort noch vorhandenen Restpopulationen vermischen.
Der Mink wird derweil weiter auf der Abschussliste stehen, auch wenn radikale Ausrottungsversuche wie in Nordspanien in Deutschland noch nicht üblich sind. Doch es ist fraglich, ob das so bleibt. Durch die am 3. November 2006 in Kraft getretene neue Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung steht die Pelztierzucht kurz vor dem Aus. Denn strikte Haltungsauflagen machen die Nerzzucht unrentabel. Als in Großbritannien 2003 die Nerzzucht verboten wurde, haben die Züchter die Käfigtüren einfach geöffnet. Sollte dies auch bei uns geschehen, wird es wohl noch etwas enger an Deutschlands letzten naturbelassenen Ufern. ■
NADINE ECKERT, Biologin und Journalistin aus Köln, findet Pelze schön, solange sie von Tieren getragen werden. FLORIAN MÖLLERS aus Berlin machte bdw mit seinen Nerz-Fotos auf das Thema aufmerksam.
von Nadine Eckert
MEHR ZUM THEMA
INTERNET
Homepage des Vereins „EuroNerz e.V.” mit Informationen zum Europäischem Nerz und zum Mink. Sie enthält auch ein Tagebuch der Wiederansiedlung im Saarland: www.euronerz.de
Informationen zu Wiederansiedlungsprojekten in anderen europäischen Ländern: www.lutreola.ee
LESEN
Sonderheft von „Unsere Jagd”, „Pirsch” und „Niedersächsischer Jäger” mit Infos zu den Untersuchungen der TU Dresden in Mecklenburg-Vorpommern: NEUBÜRGER AUF DEM VORMARSCH Deutscher Landwirtschaftsverlag München 2007, € 10,–
KOMPakt
· Artenschutz und Tierschutz können miteinander in Konflikt geraten, wie die Nerz- Auswilderungsprojekte in Europa zeigen.
· Möglicherweise muss der amerikanische Mink wieder ausgerottet werden, damit der Europäische Nerz eine Überlebenschance hat.
PELZTIERZÜCHTER WANDERN AB
Ist das Tragen von Pelz wieder „in”?
In den letzten Jahren geht der Trend deutlich nach oben, speziell Pelzbesätze und -accessoires sind gefragt. In den 1980er-Jahren kam es zu einem gravierenden Einschnitt im Absatz von Pelzen. Die Tierrechtler traten die Robbenkampagne los – und von da an hatten Pelze einen schlechten Ruf. Heute produzieren wir weltweit wieder etwa 60 Millionen Pelze im Jahr.
Ist es schwer, Pelztierzüchter zu sein?
Der ideologische Graben in der Bundesrepublik ist tief. Es gibt noch immer sogenannte Befreiungsaktionen, bei denen die Nerze von radikalen Tierschützern nachts rechtswidrig aus ihren Käfigen geholt werden. Und die Öffentlichkeit steht daneben und klatscht Applaus.
Ist die Kritik der Tierrechtler völlig ungerechtfertigt?
Natürlich müssen bei der Pelzproduktion Tiere sterben. Aber Tiere sterben auch, wenn wir Hähnchen essen. Den Tieren ist es egal, ob sie gegessen oder als Mantel getragen werden. Wir produzieren aus den Abfällen der menschlichen Nahrungskette hochwertige Wirtschaftsgüter, die sich voll in den biologischen Kreislauf integrieren.
Wie sehen Sie die Zukunft der Pelztierzucht in Deutschland?
Die neue Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung vom November 2006 stellt Anforderungen, die jeden Betrieb unrentabel machen. Das kommt einem Berufsverbot gleich. Und das ist von nicht gut informierten Kreisen der Politik auch gewünscht. So hat die Pelztierzucht in Deutschland keine Zukunft.
Was werden die Pelztierzüchter machen?
Sie werden ins Ausland abwandern. Dann sind wieder an die 10 000 Arbeitsplätze weg. In Griechenland zum Beispiel wird die Pelztierzucht mit EU-Geldern gefördert.
GUT ZU WISSEN: NERZ UND MINK
Europäischer Nerz
Aussehen: schokoladenbraunes Fell, Schnauze und Kinn weiß, Ober- und Unterlippe weiß
Größe/Gewicht: 35 bis 40 Zentimeter, 400 bis 900 Gramm
Vorkommen: ursprünglich vom Osten Spaniens bis zum Ural und von Zentralfinnland bis an das Schwarze Meer, heute isolierte Bestände in Westfrankreich, Nordspanien, Weißrussland und im Donaudelta Rumäniens, ein größeres Vorkommen in Russland
Amerikanischer Nerz (Mink)
Aussehen: Grundfärbung dunkel- bis zimtbraun, durch Zucht unterschiedliche Färbungen möglich (hellbraun, violett, weiß), weiße Unterlippe, weiße Flecken auf Halsunterseite, Brust oder Bauch
Größe/Gewicht: 44 bis 68 Zentimeter, 500 bis 1500 Gramm
Vorkommen: ursprünglich aus Nordamerika, kam als Farmnerz nach Europa, heute über große Teile Nord-, Mittel- und Osteuropas verbreitet, kleinere isolierte Populationen in Süd- und Westeuropa





