Die dünn besiedelte Lausitz ist ein Paradies für Naturliebhaber: Greifvögel, Biber, Moore, Heiden, artenreiche Teichlandschaften und mehr als 50 Wolfsrudel. Mit einem einheimischen Naturführer unterwegs in einem Hotspot der biologischen Vielfalt.
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
Unberührte Natur direkt vor der Haustür? Das kann manchmal ganz einfach sein: Es geht vorbei an einem akkurat gemähten Fußballfeld, einem Parkplatz, einer schmalen Landstraße und einer großen Pension mit Restaurant – am Dorfrand gelegene Ausläufer der Zivilisation.
Doch geht man links am Sportplatz entlang, kommt ein Tor, eingelassen in einen rustikalen Holzzaun. Jenseits davon beginnt eine völlig andere Welt: Die Gräser auf den Wiesen stehen kniehoch, nur auf einem runden Platz mit Feuerstelle ist gemäht. Von dort führt ein Pfad zu einem Birkenwäldchen, in dem wie aus der Zeit gefallen eine Handvoll Blockhäuser im Halbkreis stehen. Dahinter fällt das Grundstück ein paar Meter ab zur Spree, die hier keine 20 Meter breit und nur hüfttief ist. Die Ufer sind dicht mit Büschen und Laubbäumen bewachsen. Auch Mitte Juni ist das Wasser hier noch ziemlich kalt. Davon unbeeindruckt schwimmt in der Dämmerung erst ein Biber vorbei, dann noch einer und bald darauf ein dritter. In der Nacht hört man die Schreie der Waldohreulen und das Rauschen der Blätter. Sonst ist es still, bis in der Morgendämmerung das Konzert der Vögel einsetzt.
Spreecamp als Naturerlebnis
Das Camp liegt am Rand von Neustadt/Spree in der Oberlausitz in Sachsen und ist eine Wirklichkeit gewordene Vision von Karsten Nitsch. Besucher können sich hier der Illusion von Wildnis und Ursprünglichkeit hingeben. „Das Spreecamp gibt es seit 2003. Damals habe ich nach einem passenden Ort für Natur-Feriencamps mit Kindern gesucht“, erzählt Nitsch, ein kräftiger Mann mit grauem Bart und herzlichem Lachen. Er ist in der Natur zu Hause, aber kein Einzelgänger, sondern ein launiger Geschichtenerzähler mit klarer Haltung.
Für das Camp konnte Nitsch seinen Nachbarn überreden, ihm die Fläche unten am Fluss zu verkaufen. Mit seiner Familie wohnt der Betreiber gleich nebenan in einem großen Blockhaus, das er vor rund zehn Jahren eigenhändig gebaut hat. Die Hütten im Camp sind dann nach und nach entstanden: Gesellenstücke der Blockhausbaukurse, die Nitsch zahlreichen Interessierten angeboten hat. Nebenbei wurde damit ein Begegnungsort in freier Wildbahn geschaffen.
Mehr aus Erde & Umwelt
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Erde & Umwelt.
Im Camp lässt sich die Natur tatsächlich aus nächster Nähe erleben. Das hat unter anderem damit zu tun, dass kein vollausgestattetes Badezimmer vorhanden ist, sondern nur eine kalte Außendusche – oder eben die Spree. Auch der Weg zum Plumpsklo führt nach draußen.
Und es gibt hier weder Internet- noch Handyempfang. Wer sich auf das Spreecamp einlässt, weiß, was das bedeutet. Und das ist wahrscheinlich genau der Reiz daran: die kurze Auszeit von der Allzeiterreichbarkeit und den Verstrickungen, die sie mit sich bringt.
Auch die Welt, in der Karsten Nitsch in den 60er Jahren aufwächst, ist noch frei von Internet, Handys und anderen Annehmlichkeiten der Moderne. Er stammt aus dem Sorbendorf Groß Särchen, keine 30 Kilometer von Neustadt entfernt. Die Eltern leben auf dem Land, der Vater arbeitet in der Kohle. Im Garten halten sie Hühner, Kaninchen und Tauben. Freizeitangebote gibt es kaum, weshalb es Nitsch umso mehr in die Natur zieht. Als er zehn ist, entdeckt er auf dem Dachboden ein altes Vogelbestimmungsbuch seines Vaters mit sorbischer Widmung – und damit seine Liebe zur Ornithologie.
Ein Ereignis, auf das er deshalb bald wochenlang hinfiebert, ist ein Diavortrag in dem Gasthaus, in dem seine Mutter damals arbeitet: Ein respektierter Vogelkundler aus der Region wird dort seine Aufnahmen präsentieren. „Für mich war das total faszinierend, die Vögel so in Großaufnahme zu sehen. Junge Schellenten zum Beispiel, die gerade aus ihrer Nisthöhle im Baum springen“, erinnert sich Nitsch. Seine Augen leuchten noch heute, wenn er davon erzählt. Es ist nicht zu übersehen, dass für den Tierliebhaber spätestens an diesem Abend eine Tür aufgegangen ist. Eine Tür ins magische Reich der Natur, in dem er sich bis heute am wohlsten fühlt.
In der Folgezeit versucht der junge Nitsch, Kontakt zu dem Vogelkundler aufzunehmen. Gar nicht so leicht. Ein eher mürrischer Junggeselle, der offenbar mit Kindern nicht viel anfangen kann. „Ich hab‘ rausgekriegt, wo er arbeitet, bin ihm zu seinem Haus gefolgt und habe geklingelt, kurz nachdem er reingegangen ist“, gesteht Nitsch. Nach einigem Warten geht oben im Haus ein Fenster auf. Eine Frau streckt den Kopf raus und sagt, ihr Sohn sei nicht da. „Das ging bestimmt zehn Tage so, aber irgendwann hat er mich dann mitgenommen“, lacht Nitsch. Die beiden sind bis heute befreundet.
Vom Geld der Jugendweihe kauft sich Karsten Nitsch sein erstes Fernglas und in die Versorgungspakete der Verwandtschaft aus Westdeutschland wünscht er sich keine Schokolade oder Klamotten, sondern Fachbücher über Vögel. Sein Interesse für Tiere reicht jedoch noch weiter. So meldet er sich in seinem Heimatdorf zur Christenlehre an, obwohl er nicht gläubig ist – nur weil er gehört hat, dass der Kantor zuhause Schlangen hält. Nachdem Nitsch als neuerlicher Kirchgänger nicht sehr überzeugend ist, stellt ihn der Kantor zur Rede, und der Junge gesteht ihm den eigentlichen Grund seines Kommens. Der Kirchenmusiker erlässt Nitsch fortan die Christenlehre und die beiden fachsimpeln stattdessen über Reptilien.
Tour mit einem Experten
Heute erkennt Karsten Nitsch jeden Vogel am Gefieder und am Gesang, und er weiß, wo in seiner Lausitzer Lieblingslandschaft die Chancen am größten sind, verschiedene Tiere wie See- und Fischadler, Biber, Braunkehlchen, Beutelmeisen, Wiedehopfe oder Wölfe beobachten zu können. Seit der Jahrtausendwende bietet er individuelle Touren für Fotografen, Wolfsbegeisterte oder allgemein für Naturliebhaber an. Er zeigt und erklärt die besondere Landschaft, ihre Tiere und Pflanzen – und bei Interesse führt er auch zu dem Ort, an dem der Legende nach der wundertätige Krabat gelebt haben soll. Eine Garantie, bestimmte Arten zu sehen, gibt es nicht. Aber garantiert immer etwas zu sehen, das sich lohnt.
Eines der Gebiete, das der Experte auf seinen Touren häufig ansteuert, ist die sogenannte Teichlausitz zwischen Bautzen, Hoyerswerda, Niesky, Kamenz und Weißwasser. Dort ist Karsten Nitsch aufgewachsen. Er bringt seine Besucher aber nicht aus Nostalgiegründen in die Region, sondern weil diese vor Jahrhunderten entstandene Kulturlandschaft mit ihren Hunderten von angelegten Gewässern besonders artenreich ist. Seit dem Mittelalter betreiben die Menschen hier im Siedlungsgebiet der Sorben Fischzucht. So gehört auch heute noch zu fast jedem Ort eine Gruppe von Teichen, die im Herbst abgelassen werden, um leichter an die eingesetzten Karpfen zu kommen.
Die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaften werden vom Bundesamt für Naturschutz als einer von 30 Hotspots der biologischen Vielfalt in Deutschland geführt. Gerade die Bewirtschaftung durch den Menschen sogt hier für einen großen Strukturreichtum, der für viele Tiere attraktiv ist. Das Wasser ist flach. Das zeigt sich bei einer Wanderung durchs Niederspreer Teichgebiet unter anderem daran, dass Graureiher an vielen Stellen mühelos hindurchwaten können. Seichtes Wasser erwärmt sich außerdem schneller, was das Wachstum von Algen und Pflanzen, von Insektenlarven, Amphibien und Fischen begünstigt und insgesamt zu einer hohen Produktivität führt.
Besonders abwechslungsreich ist das Gebiet auch deswegen, weil sich hier auf engem Raum nicht nur Wasserflächen häufen, sondern weil sich diese auch mit Mooren, Röhrichtbeständen, trockenen Sand- und Heideflächen sowie Wald abwechseln. Beide Aspekte begünstigen eine große Artenvielfalt. Und diese wird an vielen Stellen sichtbar: Flach gedrücktes Schilf dort, wo Fischotter und Biber von einem Gewässer ins nächste wechseln. Eine große Ringelnatter, die über den Weg schlängelt und dann im Röhricht verschwindet. Sie profitiert von den vielen Amphibien, die es hier gibt, ihrer bevorzugten Beute. Zwischen den Bäumen attackiert eine Nebelkrähe einen Fischadler in der Luft. Kurz darauf taucht ein Seeadler mit brettbreiten Flügeln auf, der eine Schar Graugänse ansteuert. Diese werden schon unruhig, dann dreht der Raubvogel doch wieder ab.
Im Röhricht knätschen und knarzen immer wieder Drosselrohrsänger – in der Lausitz und in anderen Teilen Ostdeutschlands noch zahlreich vorhanden, ist die Art in vielen westdeutschen Bundesländern extrem selten oder vom Aussterben bedroht.
Wenn das Wasser weicht
Im Herbst, erzählt Karsten Nitsch an einer schmalen Bucht, verändert sich die Landschaft und ihre Bedeutung für die Tiere noch einmal grundlegend. Wenn das Wasser abgelassen wird, ist das zunächst ein Fest für Seeadler und andere Greifvögel oder Reiher, die sich über zurückgebliebene Fische hermachen. Die neu entstandenen Schlammflächen werden dann zum Eldorado für Watvögel, die dort auf ihrem Zug Rast machen. Aber auch Säugetiere steifen durch das trockengefallene Land. Während der Brunftzeit ziehen Rothirsche durch die ehemaligen Teiche. Wölfe lassen sich ebenfalls häufig blicken.
„Ich war mal mit einer Frau unterwegs, die Angst vor Wölfen hatte. Genau hier haben wir dann einen am Ufer gesehen“, erinnert sich Nitsch und zeigt auf eine Lücke im Schilf, keine 20 Meter entfernt. Das Erlebnis war für die Frau zum Glück nicht traumatisierend – im Gegenteil. Sie hatte die Tour bei Nitsch gezielt für drei Tage gebucht, um Wölfe zu sehen und dadurch ihre Angst zu überwinden. Das hat funktioniert. „Der Wolf hat gemacht, was Wölfe eigentlich immer tun, wenn sie Menschen sehen: Der hat sich umgedreht und ist weggelaufen“, sagt Nitsch. Die großen Räuber zeigen sich an diesem Tag nicht, dafür liegen ihre Kothaufen immer wieder mitten auf dem Weg, gut zu erkennen an dem großen Fellanteil und an den unverdauten Wirbeln.
Wenn es um Wildnis geht, spielt Dynamik eine große Rolle. Sie zeigt sich zum Beispiel an einem Fluss, der frei fließen kann, über die Ufer tritt, Bäume mitreißt und Sedimente in der Aue ablagert. Weil solche natürlichen Abläufe heute jedoch fast überall unterbunden sind, kommt dem Einfluss des Menschen eine große Bedeutung bei der Wiederbelebung zu. Wie im Falle der Teichwirtschaft in der Lausitz mit ihren stark schwankenden Wasserständen.
Unerwartete Lebensräume
Das gilt auch für eine Landschaftsform, für die die Gegend eher berüchtigt als berühmt ist. Vor dem Beginn der Wanderung hat Nitsch den Wagen noch an einem Schotterweg geparkt und seiner Besuchergruppe ein beinahe brutales Kontrastprogramm präsentiert: Von einer Abbruchkante am Ende des Wegs fällt der Blick auf den aktiven Braunkohletagebau Reichwalde, der an eine Mondlandschaft erinnert. Im Hintergrund dampfen die Kühltürme des Kraftwerks Boxberg. Die Schaufelradbagger, die sich hier bis zu 80 Meter tief durch das Erdreich gefressen haben, sind schon weitergezogen. Sie haben einen tiefen Canyon voller Rippen und Risse, Wälle, Stege und viel, viel rohem Boden hinterlassen. An den gegenüberliegenden Hängen arbeitet die Erosion, hat am Fuße der Schlucht Schuttkegel aufgeworfen, deren lockere Erde an einigen Stellen schon wieder von Pflanzen durchsetzt ist.
Für den Tagebau mussten die Gemeinde Wunscha sowie die Ortschaften Mocholz, Viereichen, Zweibrück und Altliebel weichen, ein Fluss wurde umgelegt, ein Teichgebiet zerstört. Ein heftiger Eingriff in die Natur und in die Lebenswelt der Menschen.
Und trotzdem: „Das, was wir hier heute sehen, ist auch eine Form von Wildnis“, erläutert Nitsch. Ein großes Stück Land, das über einen langen Zeitraum sich selbst überlassen bleibt und ganz langsam von der Natur zurückerobert wird. Greifvögel nutzen die Aufwinde, um gleitend an Höhe zu gewinnen. Auch in diesem Moment sind zwei Rotmilane in der Nähe zu sehen. Wölfe und Rothirsche wandern regelmäßig durch den künstlich entstandenen Canyon. Auf einem kleinen Steinhügel an der Schotterstraße sitzt ein Schwarzkehlchen. Nitsch vermutet, dass sich das Nest gleich hinter dem Schotterhaufen am Rande eines dicken Leitungsrohrs befindet. Von unberührter Natur kann kaum die Rede sein. Trotzdem findet der kleine Vogel ausgerechnet hier den passenden Lebensraum, der ihm wegen intensiver Landwirtschaft an anderer Stelle zunehmend verloren geht.
Die nördliche Oberlausitz gehört zu den am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands, die Bevölkerungsdichte liegt zum Teil bei unter 20 Personen pro Quadratkilometer. Und wo sich der Mensch rar macht, bleibt mehr Platz für die Natur. In der Lausitz kommen außerdem riesige Flächen hinzu, die für die Bevölkerung tabu sind: Große Truppenübungsplätze, vor allem aber 30.000 Hektar Bergbaufolgelandschaft, die nicht betreten werden dürfen, weil die Erde dort noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Solche riesigen verlassenen Flächen gibt es in Deutschland sonst nirgends mehr. Im Falle der Lausitz tragen sie zu deren großer Artenvielfalt bei.
Gegen Ende der Tagestour steuert Karsten Nitsch noch weitere Stationen zur Vogelsichtung an. Am Beobachtungsturm beim Tauer Wiesenteich sitzt ein Seeadler auf einem trockenen Ast und durch das aufgestellte Spektiv ist – beeindruckend groß – ein singendes Rohrammermännchen am Ufer zu sehen. In einigen westdeutschen Bundesländern steht der Vogel bereits auf der Roten Liste. Auch ein Neuntöterpaar, das in der Nähe seines Nestes Insekten fängt, lässt sich blicken.
Beim Teichgebiet mit dem schönen Namen Entenschänke kreist minutenlang ein Schwarzstorch dicht über dem Waldgebiet. Am Rand der wenig befahrenen Straße zwischen den Wander- und Aussichtsorten gibt es ebenfalls immer etwas zu sehen, etwa zwei Weißstörche, die an einem kleinen Teich durchs hohe Gras staken, Kranicheltern, die ihre Jungen gemächlich über die Wiese führen, eine Kornweihe, die Hunderte von Metern parallel zur Straße den Feldrand absucht, oder einen Wiedehopf, der kurz mal vorbeifliegt.
Die Tour endet im Norden von Hoyerswerda auf einer Anhöhe über dem Bergener See. Der ist allerdings nurmehr ein schmales Rinnsal mit größeren Flachwasserbereichen und Schlammflächen. Das Gebiet ist mittlerweile eine Bergbaufolgelandschaft. Eigentlich sollte hier bereits saniert werden. Allerdings kam es 2010 zu einer großen Setzungsrutschung.
Nitsch stellt mit dem Spektiv einen kleinen roten Punkt auf der anderen Talseite scharf. Ein umgekippter Lkw. Der Fahrer musste damals mit dem Hubschrauber aus der unsicheren Landschaft gerettet werden. Weil es für Menschen noch immer zu gefährlich ist, die Fläche zu betreten, wird sie während der kommenden Jahrzehnte ein Refugium für die Natur bleiben. Häufig ziehen Wölfe durch die Senke. „Eine Zeit lang war das hier der absolute Hotspot für Wolfsfotografen“, sagt Nitsch. Jetzt werden die Tiere nicht mehr so regelmäßig gesichtet. Ist halt Natur, meint der Experte, die bleibt häufig undurchschaubar.
Auch heute zeigen sich keine der Beutegreifer. Dafür ein Trupp Kraniche, zwei Kuckucke, die hintereinander herjagen, mausernde Graugänse und Stockenten sowie zwei Flussregenpfeifer und ein Waldwasserläufer beim Stochern im Schlamm.
Die Natur lassen oder zulassen?
Die Tour hat von morgens bis abends gedauert, zehn Stunden, bis sie schließlich am Spreecamp mit seinem Holztor endet. Auch wenn es sich anders anfühlen mag, trennt dieses Tor die Gegend nicht wirklich in zwei Bereiche, die Natur diesseits der Grenze unterscheidet sich nur oberflächlich optisch von der auf der anderen Seite. Vor allem die Tiere interessieren sich ohnehin nicht für solche menschengemachten Unterscheidungen. Im Gemeindegebiet von Neustadt befindet sich beispielsweise Deutschlands zweitältestes Wolfsrevier, seitdem die Tiere im Jahr 2000 in unsere Gefilde zurückgekehrt sind. Das Neustädter Rudel nutzt das unwegsame Gelände der Flussaue kaum, sondern läuft lieber die bequeme Straße im Dorf entlang. Beim morgendlichen Gassigehen mit seinem Hund ist Nitsch ihnen dort jedenfalls schon häufiger begegnet.
Die Frage ist immer, wie viel Wildnis der Mensch in unmittelbarer Nähe akzeptiert beziehungsweise überhaupt wahrnimmt. Ein besseres Verständnis von den Tieren, ihren Gewohnheiten und Verhaltensweisen ist dafür in jedem Falle förderlich. In einer artenreichen Region wie der Lausitz und mit jemandem wie Karsten Nitsch an der Seite, der jeden Winkel kennt und jeden Watvogel im Spektiv heranzoomen kann, ist es leicht, Natur intensiv zu erleben. Wie an diesem Tag, an dem sie von morgens bis abends im Fokus stand.
Fast noch wichtiger als der Artenreichtum ist dabei die eigene Einstellung: Selbst in der Lausitz ist es möglich, die vielen Adler, Störche, Greif- und Watvögel zu übersehen. Andererseits gilt: Wer sich viel Zeit nimmt und sich mit offenen Augen gezielt auf die Suche macht, besondere Orte recherchiert, Tipps von Fachleuten einholt, wer offen und neugierig ist, wird selbst in der Großstadt tolle und wertvolle Naturerfahrungen machen können. Wer nicht, der nicht. //
Das Spreecamp von Karsten Nitsch liegt am Rande des Dorfes Neustadt/Spree in der Lausitz. Besucher können im eigenen Zelt oder in einer der rustikalen Blockhütten übernachten. Unabhängig von der Personenzahl kostet das in den größeren Hütten 40 Euro. Strom und Steckdosen sind (meist) vorhanden, es gibt zwei Plumpsklos, zwei Außenwaschbecken und eine Freiluftdusche. Weil das Camp direkt an der Spree liegt, ist eine Abkühlung im Fluss möglich. Auf WLAN und Handyempfang muss in der extrem dünn besiedelten Gegend verzichtet werden. Wer das Blockhüttenlager verlässt, stolpert quasi direkt in die Natur. Es lohnt sich, Karsten Nitsch auch nach den besten Orten für intensive Naturerlebnisse in der weiteren Umgebung zu fragen. Er weiß unter anderem, wo und wann ein lautes Froschkonzert oder das tiefe Brummen der Rohrdommel zu hören ist.
Für eine tiefer gehende Naturerfahrung steht Nitsch für einen oder mehrere Tage als Naturführer zur Verfügung. Bei den Touren richtet er sich ganz nach den Bedürfnissen der Gäste: So zeigt er Fotografen, die in der Lausitz unbedingt bestimmte Vogelarten vor die Linse bekommen wollen, die besten Fotospots. Oder er führt Interessierte auf die Spuren der Wölfe, die in der Lausitz so zahlreich sind wie fast nirgends sonst in Deutschland. Für Familien empfiehlt sich eine Rundtour durch die Region mit dem Schwerpunkt Vogelwelt. An unterschiedlichen Stationen zeigen sich Dutzende verschiedener Arten. Auch ein Abstecher ins Märchenhafte ist möglich: Das Vorbild für die sorbische Sagengestalt und Ottfried Preußlers Romanfigur Krabat – der kroatische Offizier Johannes Schadowitz – hat nur 30 Kilometer vom Spreecamp entfernt in Nitschs Heimatort gelebt.
Infos unter natur-lausitz.de
Ralf Stork
Buchautor und Naturjournalist, fand die Gleichzeitigkeit von schroffen Tagebauen, artenreicher Natur und lebendiger sorbischer Kultur faszinierend. Der Schwarzstorch war eine Premiere.
natur Plus
Erde & Umwelt
Perspektivwechsel
24. September 2026
Eine goldbestäubte Biene, zankende Kraniche und Schneehasenspuren, die sich im endlosen Weiß verlieren: Die Gewinnerbilder des EuroNatur-Fotowettbewerbs laden…
natur PlusErde & Umwelt
Die Hüterinnen des Deltas
24. September 2026
Das Sado-Delta in Portugal galt lange als Symbol für den schleichenden Verlust eines einzigartigen Küstenökosystems. Heute mehren sich die Zeichen der Erholung.
natur PlusErde & Umwelt
Dank Sonne, Wind und Salz des Meeres
24. September 2026
Viele natürliche Salzwiesen und Feuchtgebiete entlang der Adriaküste sind verschwunden. Ausgerechnet die vom Menschen angelegten Salinen zählen deshalb heute…