Damit ihr Stoffwechsel sowie ihre Nerven und Muskeln fehlerfrei funktionieren, brauchen Pflanzenfresser regelmäßig Natrium. Nutztiere wie Schafe und Kühe erhalten deshalb seit Langem Lecksteine aus Kochsalz (Natriumchlorid) oder komplexeren Mineralmischungen, über die sie ihren Natriumbedarf decken können. Wildtiere sind hingegen darauf angewiesen, genügend dieses für sie essenziellen Elements über ihre pflanzliche Nahrung oder über natürliche Mineralquellen aufzunehmen. Aber wo finden sie solche Salzquellen in ihrem Lebensraum?
Wo die größten freilebenden Pflanzenfresser der Erde – Elefanten, Giraffen und Nashörner – ihr Natrium herbekommen, hat nun ein Team um Andrew Abraham von der Northern Arizona untersucht. Die Biologen und Umweltwissenschaftler werteten dazu über 4200 Pflanzenproben aus und erstellten daraus hochauflösende Karten zum Natriumgehalt von Pflanzen in Afrika südlich der Sahara. Diese Karten verglichen sie dann mit Daten zur dortigen Populationsdichte der größten pflanzenfressenden Tiere. Zudem analysierten sie mehr als 1300 Kotproben, da sich ein Natriummangel in der Nahrung direkt im Dung nachweisen lässt. Das Team zog so Rückschlüsse auf die tatsächliche Salzversorgung dieser Arten.
Natriummangel bestimmt Siedlungsraum
Die Auswertung ergab, dass Elefanten, Giraffen und Nashörner mancherorts genug, vielerorts jedoch nur eingeschränkten Zugang zu Natrium haben. Je nach Bodenbeschaffenheit, Rückständen von Meersalz, Niederschlagsmustern, Klima und Pflanzenvielfalt gibt es sehr unterschiedlich viel Natrium auf dem afrikanischen Kontinent. „In Afrika variiert die Natriumverfügbarkeit in Pflanzen von einer Region zur anderen um das 1000-Fache“, berichtet Co-Autor Marcus Clauss von der Universität Zürich. „Wilde Pflanzenfresser können deshalb in einigen Gebieten einfach nicht genug Salz über ihre Nahrung aufnehmen.“ Elefanten, Giraffen und Nashörner leben deshalb vor allem dort, wo es genug Salz gibt. Das ist tendenziell eher in küstennahen, flachen und niedriggelegenen Regionen des südlichen Afrikas der Fall, wie die Daten belegen.
Diese Befunde könnten erklären, warum in Westafrika und Teilen Zentralafrikas nur wenige dieser großen Pflanzenfresser leben. Dort gibt es zwar zahlreiche Pflanzen und Tierarten, jedoch nur wenige Megaherbivoren wie Elefanten, Giraffen und Nashörner. Das Team um Abraham vermutet, dass der örtliche Natriummangel der Hauptgrund dafür ist. Weitere Faktoren könnten aber auch die Überjagung und geringe Bodenfruchtbarkeit in Westafrika sein. Besonders stark unter der Salzknappheit litten die größten der untersuchten Arten, wie die Forschenden feststellten. Damit bestätigen sie frühere Ergebnisse, wonach Pflanzenfresser umso stärker von Natriummangel bedroht sind, je größer ihr Körper ist.
Streit ums Salz
Durch die regionale Salzknappheit entwickeln manche großen Tiere in Afrika ein ausgeprägtes Wander- und Suchverhalten: „In Kenia etwa dringen Elefanten in Höhlen vor, um an natriumreiche Felswände zu gelangen, während sie im Kongo in Flussbetten nach Salz graben. Nashörner, Gnus sowie Zebras versammeln sich oft an Salzpfannen von der Kalahari-Wüste bis zur Maasai Mara“, sagt Abraham. Bei manchen Megapflanzenfressern kommt es auch zu Konflikten um den begehrten Rohstoff: „Gorillas liefern sich Kämpfe um besonders salzhaltige Nahrungsmittel“, so Abraham.
Künftig könnten die pflanzenfressenden Tiere in Afrika und andernorts auch vermehrt in Konflikt mit Menschen geraten. „In von Menschen besiedelten Gebieten entstehen durch Bohrlöcher künstliche Natrium-Hotspots“, erklärt Clauss. Auch durch Straßen-Streusalz, Bergbau und andere industrielle Aktivitäten entstehen künstliche Natriumquellen. Wenn die Pflanzenfresser in ihren Lebensräumen nicht genügend Natrium finden und auf der Suche nach Salz nachfolgend in bewohnte Gegenende vordringen, könnte das für beide Seiten gefährlich werden. Das müsse auch beim Natur- und Tierschutz künftig stärker bedacht werden, etwa bei der Einrichtung von Schutzgebieten, mahnen die Forschenden.
Quellen: Northern Arizona University, Universität Zürich; Fachartikel: Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-025-02917-y





