Der Fuchs wirkt ungewöhnlich zutraulich. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass mit ihm etwas nicht stimmt: Er hat Schaum vorm Maul, wirkt apathisch, orientierungslos, dann wieder aggressiv. Würde er zubeißen, könnte er ein tödliches Virus weitergeben. Der Fuchs hat Tollwut. Die meisten von uns werden solch einen Anblick nie erleben. Doch Mitte des 20. Jahrhunderts war die Krankheit in Deutschland noch weit verbreitet. Vor allem Füchse hielten die Tollwut im Umlauf. Von ihnen konnte sie auf Hunde, Katzen, Rinder, Schafe und in seltenen Fällen auch auf Menschen übergehen.
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Text: Ralf Stork
Der Fuchs wirkt ungewöhnlich zutraulich. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass mit ihm etwas nicht stimmt: Er hat Schaum vorm Maul, wirkt apathisch, orientierungslos, dann wieder aggressiv. Würde er zubeißen, könnte er ein tödliches Virus weitergeben. Der Fuchs hat Tollwut. Die meisten von uns werden solch einen Anblick nie erleben. Doch Mitte des 20. Jahrhunderts war die Krankheit in Deutschland noch weit verbreitet. Vor allem Füchse hielten die Tollwut im Umlauf. Von ihnen konnte sie auf Hunde, Katzen, Rinder, Schafe und in seltenen Fällen auch auf Menschen übergehen.
Zu Beginn der 70er Jahren hatte man noch versucht, die Seuche vor allem durch Bejagung der Füchse in den Griff zu bekommen. 1978 ging man dann in der Schweiz und Anfang der 80er Jahre auch in Deutschland dazu über, die gesamte Population mit ausgelegten Impfködern zu immunisieren. Die Impfkampagne war ein voller Erfolg. Seit 2008 ist Deutschland offiziell tollwutfrei.
Das Eingreifen des Menschen hat zu einem starken Anstieg der Fuchspopulation geführt. Das ist nicht nur eine gute Nachricht, sondern auch ein Problem. Wie viele andere kleine Raubtiere, die von der menschlich veränderten Umwelt profitieren, können Füchse jetzt zur Gefahr für Populationen seltener Arten werden.
Die Kleinräuber gehören zu den sogenannten Mesoprädatoren – Arten, die in der Mitte der Nahrungskette stehen und selbst zur Beute von großen Raubtieren werden können. Im Gegensatz zu den wenigen Top-Prädatoren wie Wölfen und Luchsen, ist der Einfluss der vielen Mesoprädatoren auf Landschaft und Ökosysteme viel prägender. In Deutschland reicht das Spektrum von kleinen Mardern wie Mauswiesel und Hermelin mit einem Gewicht von wenigen Hundert Gramm bis hin zum Dachs, der bis zu 15 Kilo schwer werden kann. Zum Teil sind die Kleinräuber so zahlreich, dass sich die Größe der Populationen nicht einmal schätzen lässt. So auch beim Fuchs.
Kulturfolger auf dem Vormarsch
2024/25 schossen Jäger knapp 465.000 Rotfüchse (Canis vulpes), so viel ist bekannt. Eine genaue Bestandsschätzung gibt es bei Füchsen und auch bei anderen häufigen jagdbaren Arten nicht. Eine solche Erhebung wäre zwar möglich, aber sehr aufwendig und kostenintensiv. Weil die Bestandszahlen der Füchse anders als die der Wölfe oder Luchse kein Politikum sind, begnügt man sich mit der Streckenstatistik als Referenzwert für die Größe der Population: Stark steigende Jagdstrecken deuten auf stark wachsende Populationen hin, sinkende Jagdstrecken spiegeln einen Rückgang der Population wider.
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Füchse sind sehr flexibel und sowohl bei der Nahrung als auch beim Lebensraum wenig wählerisch. Sie sind fast auf der gesamten Nordhalbkugel zu Hause. Füchse finden sich in den Tropen ebenso zurecht wie in der Arktis, in der Feldflur genauso gut wie in großen Städten. Im Siedlungsbereich kommt ihnen ihre Anpassungsfähigkeit besonders zugute. In Komposthaufen und auf der Straße finden sie Nahrungsreste, in Parkanlagen und auf Friedhöfen ausreichend ungestörte Flächen für die Jungenaufzucht.
Untersuchungen aus Zürich und Berlin zeigen, dass die Nahrung bei Stadtfüchsen bis zu 50 Prozent anthropogenen Ursprungs ist, also zum Beispiel aus weggeworfenen Lebensmitteln, Obst oder Katzenfutter besteht. Unter natürlichen Bedingungen ernähren sich Rotfüchse hauptsächlich von Kaninchen, Mäusen, Regenwürmern und auch von Aas. So können sie regional durchaus eine wichtige Rolle bei der Kontrolle potenzieller Schädlinge spielen. Heute bringt die in vielen Regionen hohe Fuchsdichte aber eher ökologische Probleme mit sich. Vor allem nach der erfolgreichen Impfkampagne gegen Tollwut in den 80er Jahren wuchsen die Fuchsbestände stark. In vielen Gebieten verdoppelte sich die Population, in einigen Regionen Europas wurden nach der Impfung sogar bis zu zehnmal mehr Füchse als vorher gezählt.
Die größte Jagdstrecke mit rund 660.000 erlegten Tieren gab es um die Jahrtausendwende. Seitdem halten sich die Zahlen auf hohem Niveau. Eine Reihe von Studien belegt, dass die Prädation durch den Fuchs insbesondere bei Bodenbrütern ein zentraler Faktor für das Ausbleiben des Bruterfolgs sein kann. Betroffen sind vor allem Wat- und Wiesenvögel wie Kiebitz, Uferschnepfe, Großer Brachvogel, Rotschenkel, und Alpenstrandläufer. Bei diesen Arten sind die Bestandszahlen seit Jahrzehnten stark rückläufig. Prädation ist neben Lebensraumverlust und Lebensraumverschlechterung aber nur eine der Ursachen für den Rückgang.
Geflüchtete Pelztiere
Auch der Waschbär (Procyon lotor) gehört zu den mittelgroßen Raubtieren, die mittlerweile so zahlreich in Deutschland sind, dass sich ihr Bestand nicht klar bestimmen lässt. Die Entwicklung der Jagdstrecke zeigt aber, dass sich die Tiere mit der markanten schwarzen Gesichtsmaske rasant in Deutschland ausbreiten. Waschbären stammen ursprünglich aus Nordamerika. 1934 wurden am hessischen Edersee zwei Paare in die Freiheit entlassen – zur Bereicherung der heimischen Fauna und der heimischen Pelzindustrie, wie es damals hieß. 1945 entkamen aus einer Pelztierfarm östlich von Berlin etwa 20 Tiere. Die Individuen der beiden Gruppen haben sich seither kräftig vermehrt. Die hessische Population wurde Anfang der 60er Jahre auf rund 600 Tiere geschätzt. Dass die Tiere nicht nur eine Bereicherung der heimischen Fauna darstellen, war in der Bundesrepublik bereits damals klar. Weil die Kleinbären Schäden in Obstgärten und auch bei heimischen Arten anrichteten, wurden sie über viele Jahre bekämpft.
Der Erfolgsgeschichte tat das keinen Abbruch: 1994/95 tauchte der Waschbär erstmals in der deutschen Jagdstatistik auf, mit 333 Tieren. Im Folgejahr waren es dann schon mehr als 3.000 Tiere, 2001/02 rund 16.000 Tiere und im Jagdjahr 2012/13 erstmals mehr als 100.000 Tiere. Von den beiden Ursprungspopulationen ausgehend, breitet sich die Art weiter in Deutschland aus. Im Jagdjahr 2024/25 wurden mit knapp 235.000 Tieren so viele Waschbären erlegt wie noch nie.
Die Gründe für den Erfolg der Art sind ähnlich wie die beim Rotfuchs. Waschbären sind anpassungsfähige Allesfresser, die auch in Großstädten und in der Nähe von Menschen gut zurechtkommen. Ähnlich wie beim Fuchs belegen Studien negative Auswirkungen auf andere Arten: So suchen Waschbären zum Beispiel Laichgebiete von Amphibien und Eiablageplätze von Reptilien gezielt auf und machen sich über die Tiere oder deren Eier her. Bei seltenen Arten wie der Europäischen Sumpfschildkröte oder der Gelbbauchunke kann das zum Erlöschen einzelner Populationen führen. Zum Teil suchen Waschbären auch gezielt Nistkästen auf und machen sich über die Gelege von Höhlenbrütern her. In Brandenburg hat sich eine Kormoran-Kolonie mit 800 Brutpaaren aufgelöst, nachdem sich Waschbären in der Nähe niedergelassen hatten. Seit 2016 ist der negative Einfluss, den Waschbären auf die heimische Flora haben können, amtlich: In einer EU-Verordnung wird er als invasive gebietsfremde Art von unionsweiter Bedeutung geführt.
Wie beim Fuchs wäre es allerdings ungerecht, dem Waschbären die Hauptverantwortung für den Rückgang heimischer Arten zu geben. Die trägt der Mensch durch die fortschreitende Intensivierung der Landnutzung. So verschlechtert die Trockenlegung der meisten Feuchtgebiete und Feuchtwiesen die Lebensbedingungen vieler gefährdeter Arten und erleichtert den Prädatoren den Zugang.
Der Marderhund (Nyctereutes procyonoides) gehört in die gleiche Kategorie wie der Waschbär. Ursprünglich in Ostasien zu Hause, wurde der Fuchsverwandte wegen seines dichten Pelzes in Farmen gehalten und bis in die 50er Jahre zum Teil massenhaft in der heutigen Ukraine ausgesetzt. Von dort breitete sich die Art bis nach Deutschland aus. Das erste Tier wurde um 1960 im Emsland nachgewiesen. Weil er nicht klettern kann und Siedlungen eher meidet, breitet sich der Marderhund viel langsamer aus als der Waschbär. Bei der Jagdstrecke liegt die Art seit Mitte der 2000er Jahre relativ stabil zwischen 27.000 und 35.000 Tieren. Auch der Marderhund wird von der EU seit 2019 als invasive Art geführt, weil er punktuell ebenfalls die Bestände von Bodenbrütern, Amphibien, Reptilien und Küstenvögeln gefährden kann.
Der Dritte im Bunde der flüchtigen Pelztiere ist der Mink (Neogale vison). Seit den 50er Jahren hat sich die auch als Amerikanischer Nerz bekannte Art in Deutschland etabliert. Er ist an Gewässerufer gebunden, wo er sich hauptsächlich von Fischen, Amphibien, Kleinsäugern und auch von Gelegen und Jungvögeln ernährt. Sein Bestand ist überschaubar. Jedes Jahr werden nur etwa 1.000 Minke getötet.
Anspruchsvolle Räuber haben es schwerer
Neben den Generalisten und Pelzfarmflüchtigen gibt es eine Reihe von Raubtieren, die höhere Ansprüche an ihren Lebensraum stellen und bevorzugt in naturnahen Wäldern und anderen strukturreichen Landschaften zu Hause sind: Das größte und schwerste Raubtier davon ist der Dachs (Meles meles) mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilogramm. Er kommt in Laub- und Mischwäldern, an Waldrändern, in Heckenlandschaften, Feldgehölzen, Parks und halb offenen Kulturlandschaften vor. Auf seinem Speiseplan stehen Regenwürmer, Mäuse, Insektenlarven, Früchte, Samen, Mais und Pilze. Bei Gelegenheit machen sich Dachse auch über die Eier von Bodenbrütern her. Größere ökologische Probleme bereiten sie nicht.
Die Wildkatze (Felis silvestris) gehört zu den Raubtieren, die besonders stark an strukturreiche Wälder gebunden sind. Die Art ernährt sich vor allem von Mäusen und war Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland fast ausgerottet. Durch aufwendige Schutzprogramme mit Wiederansiedlungen und der Vernetzung von Lebensräumen ist ihr Bestand bis heute wieder auf 5.000 bis 8.000 Tiere gestiegen. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwer das Überleben für Arten ist, die anders als Fuchs oder Waschbär auf naturnahe Strukturen angewiesen sind.
Das sieht man auch an den beiden Schwesterarten Baum- und Steinmarder: Beide sind ungefähr gleich groß und schwer (1 bis 2 Kilo) und ernähren sich von Kleinsäugern, Vögeln, Eiern, Insekten, Früchten und Nüssen. Während beim Steinmarder (Martes foina) langfristig eine deutliche Zunahme zu verzeichnen ist, gehen die Bestände des Baummarders (Martes martes) leicht zurück. Das liegt an den unterschiedlichen Ansprüchen an den Lebensraum: Der Baummarder ist an strukturreiche Wälder gebunden. Der Steinmarder ist weniger wählerisch: Er bewohnt Dachböden und Scheunen, verschmäht auch Abfälle als Nahrung nicht und hat als anpassungsfähiger Kulturfolger deutlich bessere Überlebenschancen.
Dramatische Umstände – dramatische Maßnahmen
Ein natürliches Gleichgewicht der Arten gibt es in Deutschland wegen der intensiven Landnutzung schon lange nicht mehr. Vor allem Bodenbrüter haben in vielen Regionen kaum eine Überlebenschance. Daran ändert auch eine intensive Bejagung der Prädatoren nichts. Mittlerweile werden deshalb drastische Maßnahmen ergriffen: Es gibt eine Reihe von Projekten, in denen Landprädatoren mit stabilen Zäunen von großen Flächen ferngehalten werden. Das erste dieser Schutzgebiete ist eher zufällig entstanden: Ende der 90er Jahre wurde in Brandenburg eine acht Hektar große Fläche eingezäunt – als Gehege für Großtrappen, die nicht mehr ausgewildert werden konnten. Bald nutzten auch frei lebende Trappen sowie Wiesenweihen, Rebhühner, Wachteln, Fasane und Enten die vor Prädatoren sichere Fläche. Innerhalb des Zauns wurden 2,2 Trappenjunge je angefangene Brut flügge, außerhalb kein einziges.
Die Wirksamkeit solcher Zäune zeigte sich 2021 auch in fünf Untersuchungsgebieten in Schleswig-Holstein: Innerhalb der Zäune schlüpften 82,8 Prozent der Eier in gefundenen Kiebitzgelegen, außerhalb nur 34,7 Prozent. Bei der Uferschnepfe waren es 82,6 Prozent innerhalb und nur 12,5 Prozent außerhalb der eingezäunten Flächen. Die Zäune sind in der Regel über zwei Meter hoch. Die größte eingezäunte Fläche umfasst 84 Hektar. Der Eingriff in die Landschaft ist also durchaus massiv und weithin sichtbar – aber oft die einzige Chance, um gefährdete Arten zu retten. //
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