Wachtelkönig, Kampfläufer, Schwarzstorch und Trauerseeschwalbe: Mehr als 270 Vogelarten haben in den Feuchtgebieten im polnischen Nationalpark Warthemündung ein Refugium gefunden. Engagierte Anwohner gründeten hier vor 25 Jahren einen eigenen Staat für Vogelfreunde – inzwischen zählt er mehr als 4.000 Bürger.
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Text: Oliver Gerhard
Es ist früher Morgen am Rande des Nationalparks Warthemündung südöstlich der Stadt Kostrzyn (Küstrin). Rund 70 Vogelfans stehen flüsternd am Aussichtsturm. Fast jeder hat ein Stativ dabei oder trägt ein Fernglas um den Hals. Der Dresscode geht eindeutig in Richtung Tarnfarben, selbst die Teleobjektive tragen Überzüge in Oliv.
Den Auftakt machen die Schwalben: Pfeilschnell sausen sie um den Turm herum, jagen steil in die Luft, lassen sich bis kurz über die Wasserfläche des Postomia-Flusses fallen. Die Birder können die kleinen Flitzer mit der Kamera kaum einfangen. So fotografieren sie lieber die Blessgänse, die sich auf der Wiese am anderen Ufer verteilen, und die Wildgänse, die in Formation über ihre Köpfe fliegen.
In der Nacht sank die Temperatur unter null, alle tragen deshalb Winterjacken, Mützen, Handschuhe. „Ich verspreche euch trotz der Kälte tolle Beobachtungen“, sagt Przemysław Szymoński, kurz Przemek. Der Naturfotograf mit Militärmütze ist wohl der einzige deutschsprachige Guide mit Vogelexpertise im Nationalpark Warthemündung. Er gehörte einst zu den ersten professionellen Naturfotografen Polens. „Als ich anfing, gab es landesweit vielleicht ein Dutzend Leute, die sich das teure Fotografieren auf Dias leisten konnten.“ Die Wende erlebte er im Rahmen seiner damaligen Tätigkeit in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) der DDR. Später machte er sich als Fotograf, Dolmetscher und Berater für Tourismusprojekte selbstständig.
Außerdem trägt er den Titel eines Ehrenbürgers der „Republik der Vögel“. Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder dieser Naturschutzinitiative zur Generalversammlung im Dorf Słońsk und starten mit einer Birding Tour.
Die Vogelwelt erwacht
Inzwischen hat die aufsteigende Wärme weitere Vögel herausgelockt: Schwärme von Wildgänsen und Kranichen ziehen vorbei, am Wasser tummeln sich Pfeifenten. Eine Rohrammer klammert sich an einen schwankenden Grashalm. Die Merlin-App, die Vögel anhand von Lauten, Fotos und Merkmalen erkennt, meldet Bruchwasserläufer, Schilfrohrsänger und Schafstelze. Die Luft ist erfüllt von Zwitschern, Pfeifen, Trällern.
Im Nationalpark Warthemündung wurden mehr als 270 Vogelarten nachgewiesen, davon brüten über 170 auch in der Region. Unter ihnen sind viele bedrohte Arten wie der Wachtelkönig, die Weißbartseeschwalbe, der Rot- und Schwarzhalstaucher oder der Schwarzstorch. Auch seltene Amphibien, Fische und Säugetiere wie der Otter haben in den Feuchtgebieten ein Refugium gefunden.
Der Naturschutz in der Region geht auf die Einrichtung eines offenen Wildgeheges in den 60er Jahren zurück, später rückte der Vogelschutz in den Fokus, erklärt Szymoński. Vor 25 Jahren wurde der gut 8.000 Hektar große Nationalpark gegründet, an den der gleichnamige Landschaftspark als Pufferzone grenzt. Heute sind große Teile der Region geschützt, durch die Ramsar-Konvention (Schutz von Feuchtgebieten) und Natura 2000.
Republik der Vögel und ihre Bürger
„Auch die Republik der Vögel feiert 2026 ein Jubiläum“, sagt der Ehrenbürger Przemek. Was vor 25 Jahren als Initiative einer Handvoll Einheimischer begann, hat sich zu einer weltweit vernetzten Gemeinschaft entwickelt. „Die Gründer suchten nach Möglichkeiten, auf die reiche Vogelwelt im Warthebruch aufmerksam zu machen, der damals noch kaum bekannt war. Inzwischen sind wir über 4.000 Bürger.“ Von Anfang an war Migration in der Vogelrepublik selbstverständlich – nicht nur für gefiederte Besucher, sondern auch für Menschen. So gehören heute neben Polen auch Deutsche, Briten, Australier und Neuseeländer zu den Bürgern. Der symbolische Mikrostaat „Rzeczpospolita Ptasia“ hat einen eigenen Präsidenten, eine Regierung sowie 34 Botschafter und gibt sogar Pässe aus. Für umgerechnet fünf Euro kann man die Staatsbürgerschaft erwerben und erhält einen grünen Pass. „Für manche Kinder ist es der erste ihres Lebens“, sagt Przemek lachend. Aus der Aufnahmegebühr und Spenden werden die Aktivitäten finanziert: die Planung und Pflege von inzwischen rund 60 Kilometern Wanderwegen, das Pflanzen von Bäumen, das Anbringen von Nistkästen und die Organisation der geführten Wanderungen. Neubürger verpflichten sich, die Naturschutzgesetze und den Vogelbeobachterkodex zu befolgen. Der fehlende Respekt vor den Brut- und Schlafplätzen sei tatsächlich ein Problem, erklärt der Guide: „Kürzlich wurde ein Fotograf von einer Fotofalle an einem Schwarzstorchnest abgelichtet. Als ich vor 34 Jahren hierherkam, gab es noch Tage, an denen ich niemandem begegnete. Heute muss ich schon nach einer ruhigen Stelle suchen.“
Plötzlich kommt Unruhe auf. „Batalion, batalion!“, rufen einige Birder aufgeregt – so heißt der Kampfläufer auf Polnisch. Kurz darauf sichtet Szymoński einen Schwarzstorch. „Er holt sich die Fische von den überschwemmten Wiesen“, erklärt der Experte. „Anders als der Weißstorch, der alles von der Heuschrecke bis zum Maulwurf frisst, ist der Schwarzstorch vor allem ein Fischfresser.“
Szymoński begeistert seine Zuhörer mit anschaulichen Vergleichen. So würde die Wasserralle wie ein Ferkel quieken und Pfeifenten klängen wie eine Horde Kinder im Planschbecken. Er spricht von den Waschlappenflügeln der Kiebitze und den Kranichen, die in der Mauser wie Nacktbadende wirken würden, denen man die Kleider geklaut hat.
Inzwischen haben sich kleine Grüppchen gebildet, die Ferngläser sind auf den Horizont gerichtet und die Birder geben im Flüsterton jede Entdeckung weiter: ein Austernfischer am Flussufer, Nilgänse im Flug, eine Flussseeschwalbe mit einem Fisch im Schnabel. Dazwischen hoppeln Hasen über die Wiesen. Szymoński fokussiert das Spektiv auf einen Seeadler. „Vier oder fünf Paare brüten regelmäßig im Park“, sagt er. Die Landschaft bietet freie Sicht für Vogelbeobachtungen: Kein Busch, kein Baum, kein Hügel verstellt den Blick über die weite Ebene mit ihrem Netz aus Kanälen und Altarmen der Warthe. „Das war nicht immer so“, sagt Szymoński. „Bis vor rund 250 Jahren bildete der Fluss an seiner Mündung in die Oder ein riesiges Binnendelta. Alles war von Auenwäldern bedeckt.“
Der Guide erzählt Anekdoten aus der Zeit, als man im überschwemmten Land zwischen Słońsk und Kostrzyn noch in Seenot geraten konnte. Doch dann ließ Friedrich der Große den Warthebruch 1767 bis 1782 trockenlegen und urbar machen und schuf damit die Grundlage für die heutige Kulturlandschaft.
Doch im Gegensatz zum Oderbruch auf der westlichen Seite des heutigen Grenzflusses hat sich das Mündungsdelta der Warthe eine gewisse Wildheit bewahrt: Während der nördliche Teil weitgehend eingedeicht ist, erstreckt sich im Süden nach wie vor ein naturbelassenes Überschwemmungsgebiet, in dem der Wasserstand im Jahresverlauf um bis zu vier Meter schwanken kann. Die Feuchtwiesen, auf denen im Sommer Pferde und Kühe weiden, sind im Winter oft überflutet.
Frühstück in Sumatra
Die Pioniere des 18. Jahrhunderts benannten die neuen Weiler und Vorwerke nach exotischen Sehnsuchtsorten oder Regionen, die im Zuge der amerikanischen Revolution gerade in aller Munde waren. So gab es Florida und Hampshire, Yorkstown und Pennsylvanien. „Im Warthebruch kann man in Sumatra frühstücken, in Jamaika zu Mittag einkehren und in Ceylon zu Abend essen“, zitiert Szymoński einen hier bekannten Spruch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als dieser Teil der Neumark an Polen fiel, verschwanden die alten Ortsnamen von den Straßenschildern und aus Landkarten. Heute ist der wichtigste Ort der Region das Dorf Słońsk, das von seiner Vergangenheit als Standort des Templer- und Johanniterordens zehrt. Überschattet wird die Geschichte vom KZ Sonnenburg, an das heute eine Gedenkstätte erinnert. Die markante Backsteinkirche wird auch als „Westminster des Lebuser Landes“ bezeichnet, die Einheimischen sagen einfach „umgedrehter Eckzahn“ dazu.
Bürger der Vogelrepublik
Der neueste Anziehungspunkt in Słońsk ist das 2021 eröffnete Besucherzentrum des Nationalparks. Nach der Birding Tour mit Przemysław Szymoński treffen sich die Bürger der Republik der Vögel hier zu ihrer Jahresversammlung. Kinder flechten mit Weidenruten oder erkunden Vogelspuren, Erwachsene lauschen ornithologischen Vorlesungen und stimmen über den nächsten „Vogel des Jahres“ ab – 2027 wird es der Raubwürger sein.
Zu Beginn begrüßt Henryk Radowski, der Präsident und Mitgründer der Republik, die Bürger und weiteren Gäste. Den Naturreichtum seiner Heimat habe er selbst erst nach einem Schicksalsschlag entdeckt, berichtet das Staatsoberhaupt: „Freunde brachten mich erstmals in den Warthebruch, als ich gerade von einer schweren Krankheit genesen war. Obwohl ich hier aufgewachsen bin, habe ich erst damals gemerkt, dass es über uns eine faszinierende Vogelwelt gibt.“ Gemeinsam mit anderen Einheimischen habe er dann diskutiert, wie man mit diesem Reichtum umgehen sollte – das war die Geburtsstunde der Republik der Vögel vor 25 Jahren. „Seitdem haben wir zahlreiche Preise erhalten, unter anderem von der Europäischen Kommission als Naturdestination des Jahres 2009“, so Radowski. Doch der Präsident zeigt sich auch enttäuscht hinsichtlich der eigentlichen Intention, die Anwohner des Parks für den Schatz ihrer Heimat zu begeistern. „Nur ein winziger Teil der Gäste des Jahrestreffens stammt von hier. Es tut mir leid, es sagen zu müssen, aber in der Region selbst gab es kaum einen Bewusstseinswandel.“ Insbesondere der fehlende Nachwuchs bereitet ihm Sorgen.
Auch der Nationalpark Warthemündung bemüht sich, die Anwohner für die empfindlichen Ökosysteme zu sensibilisieren, berichtet Maciej Mazurczak, Leiter des Besucherzentrums Ornitovo. „Während die Warschauer und Berliner vor allem für das Naturerlebnis und die Vogelbeobachtung zu uns kommen, nutzen die Einheimischen den Park hauptsächlich als Naherholungsgebiet: zum Spazierengehen, Radfahren und Joggen.“ Die Parkverwaltung investiert daher in Umweltbildung: „Wir sprechen vor allem die Kinder und Jugendlichen in unserem Junior-Rangerprogramm an. Wir vermitteln ihnen, wie wir arbeiten und wie sie uns helfen können“, erläutert Mazurczak.
Denn der Nationalpark hat mit komplexen Herausforderungen besonders im Zusammenhang mit dem Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Artenvielfalt zu kämpfen.
„In manchen Jahren sind wir quasi ein Feuchtgebiet ohne Wasser“, sagt der Biologe und Geograf. Regelmäßige Dürren wirken sich negativ auf die Populationen von Enten wie Tafelente oder Krickente, Rallen wie Wasserralle oder Fleckenralle und einzigartigen Vögeln wie dem Seggenrohrsänger aus. Gleichzeitig profitieren Arten, die große landwirtschaftliche Flächen und milde Winter benötigen, etwa Gänse, Höckerschwäne, Kraniche und Seeadler.
„Ein weiteres Risiko für den Bruterfolg sind abrupte Schwankungen des Wasserstands nach Starkregenereignissen, bei denen die Eier überflutet werden“, fährt der 46-Jährige fort. „Und nicht zuletzt begünstigen höhere Temperaturen das Zuwachsen der Wasserflächen und Wiesen.“ Der Leiter des Besucherzentrums berichtet auch von invasiven Arten wie Waschbären und amerikanischen Nerzen, die sich an den Vogeleiern bedienen.
Fokus auf Brutplätze und Wasserverteilung
Der Nationalpark versucht mit rund 30 Mitarbeitern gegenzusteuern: „Wir bauen zum Beispiel kleine Hügel aus Sand und Erde als sichere Brutplätze für den Fall eines plötzlichen Anstiegs des Wasserpegels – passend für Austernfischer, Flussregenpfeifer, Kiebitze oder Rotschenkel.“ Im Rahmen eines von der Europäischen Union finanzierten Projekts installiert das Team Nistkästen für mehrere Entenarten und schwimmende Plattformen für Flussseeschwalben, Trauerseeschwalben und Zwergseeschwalben.
Auch über den Wasserstand versuchen die Naturschützer einzugreifen. Während das seltener werdende Nass im nördlichen Poldergebiet durch Kanäle und Schleusen gehalten werden kann, ist dies im südlichen Überschwemmungsgebiet schwieriger, erklärt Mazurczak: „Dort vertiefen wir Altarme und Gräben, um eine effizientere Wasserverteilung zu schaffen.“ Die Wiesen werden dort gemäht und beweidet, um sie unter Beachtung der Brutzeiten offen zu halten. Langfristig ist sogar geplant, bei Bedarf Wasser aus der Warthe in das Gebiet zu leiten.
Inzwischen ist der letzte Vortrag auf der Versammlung der Republik der Vögel beendet und der Abend klingt aus. Zeit zum Aufatmen für Izabella Engel, Mitgründerin des Staates und treibende Kraft der operativen Arbeit. Sie organisiert mit wenigen ehrenamtlichen Helfern nicht nur das Jahrestreffen, sondern hält auch sonst alle Fäden in der Republik in der Hand. Der Standort ihrer „Regierungszentrale“ könnte nicht günstiger liegen: Die Biologielehrerin lebt mit ihrem Mann im ehemaligen Haus des Pumpenmeisters neben den historischen Schöpfwerken an der Deichkante. Ihr Büro, voll von geschnitzten und ausgestopften Vögeln, Vogelkalendern, Plaketten und ornithologischer Literatur, dient auch als Passamt.
Welche Zukunft sieht sie für die Republik? „Es ist schwierig, Jüngere zu finden, die sich bei uns engagieren“, sagt sie. Trotzdem möchte sie nicht mit Pessimismus in die Zukunft blicken: „Ich weiß, dass es nicht einfach wird, aber ich kann mich nicht ständig sorgen – heute ist heute.“ Dann lässt sie den Blick aus dem Fenster schweifen über Seen, Feuchtwiesen, knorrige Weiden und Vogelschwärme am Himmel – das Herz der Republik der Vögel. //
hat den Nationalpark Warthemündung für seine Reportage zu allen Jahreszeiten erkundet – und ist inzwischen selbst Bürger der Vogelrepublik mit einem eigenen Pass.
Vogelbeobachtung im Nationalpark Warthemündung
Wer nur wenig Zeit mitbringt, findet an der Nationalparkverwaltung in Chyrzyno einen 500 Meter langen Weg in den Park. Im nördlichen Teil des Parks führen vom Dorf Kamień Mały Wanderwege zu einem Beobachtungsturm und einem Bohlenweg durch den Erlenbruchwald.
Den Süden erkundet man am besten von Słońsk aus. Außerdem gibt es Routen zum Radfahren und Paddeln. Im Besucherzentrum dokumentiert eine multimediale Ausstellung auf Polnisch, Englisch und Deutsch die Geschichte und die Ökosysteme des Parks. In interaktiven Modulen können Besucher Vögel bestimmen, Zugvögel zählen, mehr über die Aerodynamik der Flügel lernen oder einmal wie ein Vogel hören. Izabella Engel bietet im historischen Haus des Pumpenmeisters am Rande des Parks mehrere Gästezimmer und vermittelt individuelle Birding Touren, geführt von Przemysław Szymoński (www.hoopoe.com.pl).
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