Und mit Spitzenforschung kennen Sie sich aus?
Kann man so sagen. Die Evolutionsgenetik ist ohne uns nicht denkbar. Und überhaupt gibt es fast keinen Bereich der Biologie, in dem nicht mit uns Grundlagenforschung betrieben würde. Über uns sind mehr als 100 000 wissenschaftliche Artikel erschienen, und wir waren an mindestens fünf Nobelpreisen beteiligt.
Respekt. Was macht Sie denn eigentlich für die Forschung so interessant?
Wir sind pflegeleicht und kooperativ. Gib uns eine faule Banane, und wir sind für Wochen glücklich. Und wir vermehren uns schnell. Außerdem haben wir, im
Verhältnis zu unserer Körpergröße, riesige Chromosomen; das war in der Frühzeit der Forschung wichtig. Inzwischen sind wir derart gut erforscht, dass eine enorme Datenbasis vorhanden ist. Wir waren mit die Ersten, deren Genom vollständig entschlüsselt wurde.
Sie stehen in jedem Biologiebuch. Aber jetzt sollen Sie Ihren Namen verlieren! Das ist ungeheuerlich!
Naja, es ist etwas komplizierter. Drosophila ist eine riesige Gattung, mit mehr als 1450 Arten in verschiedenen Untergattungen. Die Verwandtschaftsverhältnisse bei uns sind, sagen wir’s mal so, etwas unübersichtlich. Ich zum Beispiel, Drosophila melanogaster, gehöre gar nicht zur Untergattung Drosophila, sondern zur Untergattung Sophophora.
Warum denn das?
Ich bin mit den Sophophoras enger verwandt als mit den Drosophilas. Das wusste man früher einfach nicht so genau.
Klingt tatsächlich kompliziert.
Das ist noch die vereinfachte Version! Jedenfalls ist es Zeit, da mal ordentlich aufzuräumen. Und da wäre es das Sinnvollste, die bestehende Gattung Drosophila aufzusplitten und die Untergattungen wie Sopho-phora jeweils selbst in den nächsthöheren Rang zu erheben, also zu einer eigenen Gattung zu erklären. Ich hieße dann künftig Sophophora melanogaster.
Oje, das gibt bestimmt eine dicke Identitätskrise?





