Schön erscheinen sie uns nicht gerade, aber aus wissenschaftlicher Sicht sind die Nacktmulle (Heterocephalus glaber) faszinierend, denn sie besitzen eine ganze Reihe spektakulärer Merkmale. Die zentrale Besonderheit ist: Diese Nagetiere bilden ähnlich wie soziale Insekten Staaten. Sie leben in riesigen unterirdischen Bauten in den Halbwüsten Ostafrikas. Die bis zu 300 Tiere sind dabei in einem komplexen System mit strikter Arbeitsteilung organisiert. Dominiert werden sie von einer Königin, die allein den Nachwuchs hervorbringt. Ein weiteres für die Forschung interessantes Merkmal ist die für Nagetiere ungewöhnlich lange Lebenspanne: Nacktmulle werden bis zu 30 Jahre alt. Dennoch entwickeln sie keine Krebserkrankungen und auch weitere Eigenheiten machen sie aus medizinischer Sicht sehr spannend. Deshalb werden Nacktmulle in verschiedenen Laboren der Welt gehalten und erforscht.
Kommunikative Nackedeis
Die Wissenschaftler um Gary Lewin vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin haben sich nun allerdings einem Aspekt gewidmet, der bisher kaum untersucht wurde: Nacktmulle sind sehr kommunikative Lebewesen. Die kleinen Nager geben viele verschiedene Laute von sich – vom Quieken bis zum Grunzen. “Wir wollten herausfinden, welche soziale Funktionen diese Laute für die Tiere haben”, sagt Lewin. Grundsätzlich war in diesem Zusammenhang bereits klar: “Man könnte sagen, dass Nackmulle extrem fremdenfeindlich sind”, so Lewin. Tiere aus anderen Kolonien werden sofort attackiert und sogar getötet. Innerhalb ihres eignen Volkes arbeiten sie jedoch harmonisch zusammen: Jeder kennt seinen Rang und die Aufgaben, die er zu erfüllen hat.
Um die „Sprache“ der Nacktmulle zu analysieren, haben die Wissenschaftler über einen Zeitraum von zwei Jahren insgesamt 36.190 Lautäußerungen von 166 Individuen aus sieben Nacktmullkolonien aufgezeichnet, die in Laboren in Berlin und an der Universität Pretoria in Südafrika gehalten werden. Um die Laute zu analysieren, kam eine spezielle Software zur Akustikanalyse zum Einsatz. “Das ermöglichte es uns, acht verschiedene Faktoren wie die Höhe oder den Grad der Asymmetrie im Tonspektrogramm zu erfassen und zu vergleichen”, erklärt Lewin.
Ein weiteres Computerprogramm, das auf künstlicher Intelligenz basiert, konnte dann verdeutlichen: Jeder Nacktmull besitzt eine individuelle Soundsignatur. Doch nicht nur das: „Das Analyseverfahren erkannte auch Ähnlichkeiten in den Merkmalen der Laute, die innerhalb einer einzelnen Kolonie erzeugt wurden”, sagt Lewin. Entsprechend konnte das Programm auch zuordnen, aus welchem Volk ein bestimmtes Individuum stammt. “Das bedeutet: Jede Kolonie besitzt offenbar ihren eigenen spezifischen Dialekt”, sagt Co-Autorin Alison Barker.





