Erst 2005 war es dem Wiener Forscher Walter Krugluger von der Moser Medical Group gelungen, aus der Haarwurzel Stammzellen zu isolieren, aus denen er im Labor neue Haare erzeugen konnte. Mit einem Cocktail aus Wachstumsfaktoren, einer Art Dünger für Stammzellen, bildete sich nach vier Wochen der erste Flaum, die sogenannten Velushaare. Mit bloßem Auge sehen sie wie kleine weiße Fädchen aus.
Ermutigt durch die sprießenden Härchen in den Glasschalen startete Krugluger noch 2005 eine Studie an 15 Männern mit Haarausfall. In die kahlen Regionen ihrer Kopfhaut spritzte er Haarfollikelstammzellen, die er aus verbliebenen Haaren isoliert und im Labor vermehrt hatte. Die Studie wurde nie veröffentlicht. Krugluger ist enttäuscht über das Ergebnis: “Bei zwei Patienten hatten wir nach einem Jahr eine leichte Steigerung der Velusbehaarung beobachtet. Bei allen anderen Patienten war selbst unter dem Mikroskop nichts zu sehen.”
Mehr Erfolg hat das britische Unternehmen Intercytex mit derselben Methode. Derzeit führt es eine klinische Studie mit den Haarfollikelstammzellen durch. Bei fünf Patienten seien nach sechs bis zwölf Wochen sichtbar mehr Haare gewachsen, heißt es in einem Zwischenbericht. Die Haardichte stieg um 13 bis 105 Prozent. Allerdings handelt es sich dabei bislang ebenfalls nur um einen zarten Flaum. Noch in diesem Jahr sollen weitere Probanden behandelt werden. Bei Intercytex ist man zuversichtlich, dass die Stammzelltransplantation eines Tages lichtes Haar füllt und kahle Stellen verschwinden lässt. “Wenn wir den menschlichen Haarfollikel gut verstehen, dann wird diese Therapie funktionieren”, meint auch Krugluger.
Um den Haarwuchs über einen zarten Flaum hinauszubringen, muss vor allem der so genannte Wnt-Stoffwechsel angekurbelt werden, wie Forscher um George Cotsarelis von der University of Pennsylvania im November 2007 im Fachjournal Nature beschrieben. Dieser Stoffwechselpfad sorgt dafür, dass sich die Zellen permanent teilen eine Voraussetzung für das unaufhörliche Wachstum der Haare. Allerdings kann dieses ungebremste Wachstum auch zum Motor von Krebsgeschwüren werden. “Es gibt Wirkstoffe, die den Wnt-Weg anregen. Man muss aber vorher klären, dass diese auch nicht schaden”, so Krugluger.
Aus seinen Zellkulturexperimenten hat er inzwischen neue Hinweise erhalten, wie der Erfolg der Stammzelltransplantation künftig gesteigert werden kann. Die Zellen dürfen den Patienten nicht zu tief ins Bindegewebe, sondern lediglich in die Oberhaut gespritzt werden, damit der Haarschaft durchbrechen kann, glaubt er. Sinnvoll wäre es vermutlich auch, die Zellen vor der Injektion zu bündeln, weil eine alleine für ein Haar nicht ausreicht. Künftig könnten Mikropakete mit Stammzellen verabreicht werden. Denkbar wäre es beispielsweise, die Zellen dazu in Algenkapseln einzuschließen und diese in die Kopfhaut zu spritzen, wie chinesische Forscher vorschlagen.
Während die Haarspezialisten versuchen, den Follikeln im Labor mehr Fülle abzuringen, verhalten sich die menschlichen Haare in Nacktmäusen
längst weniger widerspenstig. Den Nagetieren wachsen deutlich längere Haare, als es in der Zellkultur der Fall ist. Auch sind die Schäfte wesentlich dicker. Kurt Stenn vom Aderans Research Institute in Philadelphia ist einer jener Haarforscher, der Mäusen ein menschliches Haarkleid verpasst. “Die besten Ergebnisse erzielen wir, wenn wir die Zellen der Maus und des Menschen vermischen”, schildert er. “Die Haare, die dann wachsen, erinnern aber eher an Fell.”
Warum die Nagetiere die Kopfbehaarung von Homo sapiens ohne weiteres annehmen, verstehen die Forscher noch nicht zur Gänze. Erklärungsversuche von Thomas Krugluger: “In Mäusen ist ein anderes genetisches Programm aktiv. Die Konzentration der Wachstumsfaktoren ist bei einem felltragenden Tier höher als bei einem Menschen, der kaum noch Haare auf dem Kopf hat.” Deshalb ist es leichter, Nacktmäuse zu behaaren als Männer mit Glatze.
Die Forscher erwägen laut Kurt Stenn bereits, die Haarpracht der Maus auf den menschlichen Schädel zu verpflanzen. “Dieser Ansatz könnte durchgeführt werden, indem man den Patienten mit Medikamenten zur Unterdrückung des Immunsystems behandelt, damit es zu keiner Abstoßungsreaktion kommt. So wurde ja auch schon Menschen eine Schweineleber eingesetzt”, führt Stenn aus. “Diese Therapie wäre aber aufgrund der Nebenwirkungen bei einer reinen Schönheitsoperation nicht gerechtfertigt”, ergänzt er.
Krugluger ist außerdem skeptisch, ob die Verpflanzung der Haare von der Maus auf den Menschen ethisch vertretbar ist. “Die Haare könnten verunreinigt sein. Nicht, dass im Patienten dann ein genetisches Programm der Maus angestoßen wird”, wendet er ein. Bevor dem Großpapa einzelne Fellbüschel auf dem Haupt sprießen, wäre dann wohl ein haarloses Dasein vorzuziehen.





