Erst 1991 gegründet, hat das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie maßgeblich dafür gesorgt, dass Deutschland im weltweiten Maßstab zu einer Musterregion für nachhaltiges Gedankengut wurde.
EIN ERDBEERJOGHURT machte Furore. Ein Premium-Produkt, sogar „ individuell gereift”. Natur pur – so dürften die Verbraucher gedacht haben, bis die junge Wuppertaler Wissenschaftlerin Stefanie Böge ihn in die Hände bekam und untersuchte. Ihre Studie – 1992 publiziert – entlarvte die agrar-industriell-mobile Maschinerie, ohne die nicht mal ein Allerweltsprodukt wie ein simpler Fruchtjoghurt auf den Frühstückstisch findet. So hatte das bisher niemand betrachtet. Die Erdbeerjoghurt-Story sorgte für Schlagzeilen wie kaum eine andere verkehrswissenschaftliche Arbeit. Und sie machte ein neues, damals gerade eineinhalb Jahre altes Institut bekannt, das vorher nur Insidern der Öko-Szene ein Begriff gewesen war: das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (WI).
Stefanie Böge war damals Wissenschaftlerin an der Institution, die das Land Nordrhein-Westfalen 1991 gegründet hatte – ein Klima-Institut, das neue Konzepte für eine umweltgerechte Entwicklung erarbeiten sollte. Wohlstand und Umweltverbrauch entkoppeln – so lautete, auf einen Nenner gebracht, die Aufgabe des Instituts. Zwei Jahrzehnte danach ist klar: Selten hat eine Forschungsstätte in so kurzer Zeit einen solchen konzeptionellen Input für die Umweltpolitik geliefert. Konzepte für die ökologische Steuerreform, „Faktor Vier” als Formel für „doppelten Wohlstand bei halbiertem Naturverbrauch”, das „Einsparkraftwerk”, Input für die Kyoto-Klimakonferenzen, Blaupausen für ein „ nachhaltiges Deutschland”, Szenarien für eine atomstromfreie und trotzdem klimafreundliche Energieversorgung – alles made in Wuppertal.
EIN KIND DER AUfBRUCHSTIMMUNG
Der damalige NRW-Regierungschef Johannes Rau (SPD) hatte sich der Idee verschrieben, das abstrakte Konzept der „Nachhaltigkeit” konkret herunterbrechen zu lassen. Die Politik sollte sich in Wuppertal Rat holen können, auch wenn dieser unbequem zu werden drohte. Was er dann auch mehrfach wurde. Und, nebenbei, sich selbst setzte Rau damit ebenfalls ein Denkmal. Wuppertal, die Stadt am Rande des Kohlenpotts, die besonders unter dem Strukturwandel litt, war schließlich seine Heimatstadt. Der Gründungspräsident des Instituts war der Biologieprofessor Ernst Ulrich von Weizsäcker, der heute wohl bekannteste und international einflussreichste deutsche Umweltforscher.
Das Institut war ein Kind der ökologischen Aufbruchstimmung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und des kalten Krieges, die 1992 im UN-Erdgipfel von Rio de Janeiro, der Weltklima-Konvention und der Agenda 21 kulminierte. Die Brundtland-Kommission, beauftragt von den Vereinten Nationen, hatte 1987 den Begriff „ nachhaltige Entwicklung” popularisiert, und besonders Deutschland trieb Klimaschutzkonzepte voran. Eine Enquete-Kommission des Bundestages zeigte auf, wie stark die Treibhausgas-Emissionen sinken müssten, wenn das Land auf einen global verträglichen Pfad umsteigen wollte – bis 2005 bereits um 30 Prozent. Nur: Wie das konkret und ohne Öko-Diktatur umzusetzen sei – das war unklar.
ÄRGER UNTER ÖKO-FORSCHERN
Es war die Lücke, in die das „WI” stoßen sollte. Das Land Nordrhein-Westfalen widmete dem Klimaschutz ein eigenes Institut und stattete es mit einer Grundfinanzierung von umgerechnet gut 3,5 Millionen Euro pro Jahr aus. Das gab Ärger innerhalb der Ökoforscher-Szene. Institutionen wie das Öko-Institut in Freiburg oder das Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) mussten ohne Grundfinanzierung auskommen und fürchteten das neue Institut als Dumpingkonkurrenten im Wettbewerb um Forschungsmittel. Doch die Grundförderung bot die Chance, eine Crew von kreativen Querdenkern zu versammeln, die neue Konzepte entwickeln konnten, ohne sofort auf deren Verwertbarkeit schielen zu müssen.
Weizsäcker hatte unter anderem für die UN in New York gearbeitet und war Gründungspräsident der Gesamthochschule Kassel gewesen. Mit seinem 1989 erschienenen Bestseller „Erdpolitik” legte er praktisch die Forschungsagenda für das Institut vor, das es noch gar nicht gab. Die Analyse darin: Die klassische Umweltpolitik, die mit Filtern und Katalysatoren gegen Schadstoffe ankämpft, reicht nicht mehr aus. Neue, umfassende Konzepte waren gefragt. „Ich habe die kreativsten Köpfe ans Institut geholt, die ich kannte”, erinnert sich Weizsäcker, „und sie konnten ohne Hemmungen loslegen.”
EIN EHERING BRINGT ES AUF 3,5 TONNEN
Auch viele junge Wissenschaftler kamen nach Wuppertal, das heute rund 200 Mitarbeiter hat. Dass Rau seine Hand über das Projekt hielt, nötigt Weizsäcker auch heute großen Respekt ab. Rau sei bewusst gewesen, „dass Klimaschutz Strukturwandel heißt”. Weizsäcker war klar: Mit ein bisschen Energiesparen, ein paar Prozent mehr Effizienz in der Rohstoffnutzung war es nicht getan. Ein revolutionärer Ansatz musste her. Den entwickelte der Vize-Präsident des WI, Friedrich Schmidt-Bleek. Der Chemie-Professor analysierte, wie groß die Materialströme in den Industriegesellschaften tatsächlich sind, wenn man alle Schritte von der Rohstoffgewinnung – etwa dem Erzabbau – bis zur Mülldeponie einrechnet. Er erkannte: Die Produkte tragen einen unsichtbaren „ökologischen Rucksack”, der teilweise um Größenordnungen schwerer ist als das Eigengewicht. Ein Pkw kommt so auf 35 Tonnen, ein Computer auf 14 Tonnen, ein gerade mal 5 Gramm schwerer goldener Ehering auf 3,5 Tonnen. Um die Bedürfnisse eines Bundesbürgers zu befriedigen, werden pro Jahr rund 75 Tonnen Ressourcen bewegt.
Der Schluss daraus: Gemessen an den Grenzen der Belastbarkeit der Ökosphäre durch eine auf neun Milliarden anwachsende Weltbevölkerung muss die „Produktivität” der Ressourcen deutlich erhöht werden – in den Industrieländern auf das Zehnfache. Der „ Faktor 10″ war geboren. Das von Schmidt-Bleeks Abteilung entwickelte „MIPS”-Konzept (abgekürzt von „Material-Input per Service-Einheit”) erlaubt es, Produkte und Dienstleistungen nach dem für sie nötigen Materialaufwand zu beurteilen und daraus Leitlinien für ein verändertes, ressourceneffizientes Design zu entwickeln. „Was wir der Erde entnehmen, sollte viel länger als heute üblich Dienstleistungen erfüllen”, mahnte der Forscher. Schmidt-Bleek kommentierte drastisch: Die Wirtschaft als „Parasit der Ökosphäre” dürfe ihren Wirt nicht überfordern. Die Idee ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Das WI hat das Konzept weiterentwickelt, auch im Praxistest mit Unternehmen. Nun plant die Bundesregierung eine Ressourcen-Effizienz-Strategie. Sie basiert auch auf den Ergebnissen des Großprojekts „ Materialeffizienz und Ressourcenschonung”, das das Institut 2008 bis 2010 mit 31 Projektpartnern durchgeführt hat.
Auch auf UN-Ebene tut sich einiges. Das UN-Umweltprogramm Unep in Nairobi hat einen „Internationalen Rat für nachhaltiges Ressourcenmanagement” gegründet, der ein Pendant zum Weltklimarat IPCC werden soll. Einer der beiden Co-Leiter ist WI-Gründungspräsident Weizsäcker. Durch ihn war der „Faktor” -Ansatz populär geworden. Er propagierte einen „Faktor 4″ anstelle von Faktor 10 – als ein politisch besser vermittelbares Nahziel. Weizsäcker verband und verbindet das Ganze mit einem eindringlichen Plädoyer für eine ökologische Steuerreform, um den Energieverbrauch schrittweise teurer und die Kosten der Arbeit billiger zu machen. Das Konzept fand in den 1990er-Jahren Anhänger in allen Parteien und war gleichzeitig heiß umkämpft: Der Industrieverband BDI zum Beispiel stritt beinhart dagegen. Die rot-grüne Bundesregierung, die 1998 ins Amt kam, setzte es in abgespeckter Form um. Nach dem Ende der rot-grünen Ära räumte Ex-Kanzler Gerhard Schröder als einen seiner Fehler ein, die Umweltwende nicht konsequenter fortgeführt zu haben.
Doch nicht nur innovative wissenschaftliche Konzepte entstanden am WI, sondern auch gesellschaftliche Visionen einer „ nachhaltigen Zukunft zum Anfassen”. Mit zwei dickleibigen Studien, „Zukunftsfähiges Deutschland” von 1995 und „ Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt”, erschienen 2008, betrat das WI methodisches Neuland. Es lieferte erzählerisch ausgemalte Blaupausen für alle Sektoren der Industriegesellschaft. Dabei ging es ausdrücklich nicht nur um höhere technische Effizienz, sondern auch um „Suffizienz” – ein anderes, weniger ans Materielle gekoppeltes Verständnis von Wohlstand und Lebensglück.
UMSTRITTENE ÖKO-BIBELN
Die Idee, das Öko-Thema so plastisch, bunt, quasi „erfahrbar” darzustellen, stammte unter anderem vom WI-Forscher Wolfgang Sachs, einem der Hauptautoren der beiden Zukunftsfähigkeits-Studien. Der studierte Soziologe und Theologe, seit 1993 am WI und seit 2009 Leiter des Berliner Büros, legt großen Wert darauf, dass Ökologie und Nord-Süd-Gerechtigkeit zusammen gedacht werden müssen: „Der Aufstieg der Schwellenländer” , argumentiert er, habe die „Unverträglichkeit des herkömmlichen Entwicklungsmodells sichtbar werden lassen”. Beide „Öko-Bibeln” wurden kontrovers diskutiert. Regionale Studien zu den Städten Hamburg und München zeigten dann, wie nachhaltiges Leben sich konkret verwirklichen ließ. Hamburg könne bis 2050 zur „ Nullemissionsstadt” werden, heißt es in „Zukunftsfähiges Hamburg” (2010). Die WI-Autoren empfehlen zum Beispiel ein Gebäude-Sanierungsprogramm sowie Kleinwindräder auf Hochhäusern. Und einen öffentlichen Nahverkehr zum Nulltarif, mit dem die Hansestadt „Verkehrsgeschichte schreiben” könne.
Also eine reine Erfolgsgeschichte des institutionalisierten Querdenkens? Keineswegs. Ende der 1990er-Jahre geriet das Institut in eine schwere Krise. Damals hätte kaum jemand die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass das WI 2011 sein 20. Jubiläum feiern würde. Es gab Ärger mit der Landesregierung, als die Verkehrsabteilung des Instituts gegen ein neues Autobahn-Teilstück bei Bochum votierte. Noch heftiger wurde der Konflikt, als das Institut den damals hoch umstrittenen Neu-Aufschluss des Braunkohle-Tagebaus Garzweiler II als klimapolitisch gefährlich und für den Betreiber RWE als langfristig zu riskant ablehnte.
Besonders diese kritische Haltung brachte den wirtschaftsnahen Rau-Nachfolger, Ministerpräsident Wolfgang Clement, auf die Palme. In einer Presseerklärung nannte er das WI-Papier als „ unwissenschaftliches Pamphlet”. Die Neubesetzung der Institutsspitze, die seit Weizsäckers Wechsel in den Bundestag im Herbst 1998 anstand, wurde zur jahrelangen Hängepartie. Ein Tiefschlag kam 2002. Der Wissenschaftsrat, der das WI im Auftrag der Staatskanzlei evaluiert hatte, stellte ihm ein teilweise miserables Zeugnis aus. Er forderte eine grundlegende Restrukturierung des Instituts – und danach müsse geprüft werden, ob es weiter förderungswürdig sei. Die Totenglöckchen läuteten am Wuppertaler Döppersberg.
AUS FÜR „LASST 100 BLUMEN BLÜHEN”
Es kam dann doch nicht so schlimm. Zwar wurde die Grundförderung um 30 Prozent gekappt, aber das Institut schaffte den Umbau. Das WI baute Personal ab und fuhr den Anteil der Drittmittel-Forschung hoch. Peter Hennicke, der das WI in der kritischen Phase kommissarisch leitete und 2003 zum Präsidenten berufen wurde, räumt heute ein: „Nach der ersten Phase des ,Lasst 100 Blumen blühen‘ war es in der Tat nötig, die wissenschaftliche Basis zu stärken und die Qualitätskontrolle zu verbessern.” Allerdings habe das Institut schon selbst an der Restrukturierung gearbeitet, das sei in die Bewertung überhaupt nicht eingegangen. Außerdem sei der spezielle Ansatz, Politikberatung und angewandte Nachhaltigkeitsforschung zu betreiben, nicht hinreichend berücksichtigt worden. Hennicke: „Man spürte die Absicht, das WI zu stutzen und am wissenschaftlichen Mainstream zu messen.”
TUE GUTES UND VERDIENE DARAN
Allerdings: Nach der Aufbruchsphase stand im zweiten WI-Jahrzehnt ohnehin eine Neuorientierung an. Zum zehnten Jubiläum fragte das Institut sich lieber gleich selbst, ob denn die Konzepte ausgedient hätten, die es bekannt gemacht hatten. Visionäre Ideen, das lag auf der Hand, liefen schließlich auch in Wuppertal nicht vom Fließband. Hennicke sah damals die neue Aufgabe der WI-Forscher denn auch vornehmlich darin, zu demonstrieren, dass „unsere Leitbilder machbar sind – wir müssen zeigen, dass die Nachhaltigkeit ein profitables Geschäftsfeld sein kann”.
2000 hatte die rot-grüne Bundesregie- rung mit den Stromkonzernen den Atomkonsens ausgehandelt. Das machte die Wuppertaler Energiekonzepte besonders aktuell. Der neue WI-Präsident, der Ökonomie-Professor Uwe Schneidewind, erinnerte jüngst an die Bedeutung der vom WI nachgewiesenen Effizienzpotenziale: „Ein Viertel des Stroms kann intelligent eingespart werden” – mit Maßnahmen, die sich durch die dann sinkenden Energiekosten rechnen. Für Schneidewind bedeutet die Atomkatastrophe auch einen Einschnitt für sein Institut. „Der Streit darüber, ob es eine Energiewende geben muss, ist zu Ende. Nun geht es darum, was die richtigen Konzepte für die Transformation sind.” Schneidewind betont, dass der Umbau nicht alleine mit Technologien zu schaffen ist: „Es geht auch um neue Wohlstands- und Zivilisationsmodelle.”
E-BIKE ALS DIENSTGEFÄHRT
Die Landesregierung hat die Grundförderung des Instituts, das inzwischen auch einen Ableger in Berlin hat, wieder hochgefahren. Damit wird das Dokotorandenprogramm ausgebaut. Und es bleibt endlich etwas Luft, das selbst zu tun, was man der Welt empfiehlt. Das Institut plant, als Dienstfahrzeuge Elektro-Fahrräder anzuschaffen. Schneidewind: „Diese Dinger sind toll. Man fährt ständig mit Rückenwind.” ■
JOACHIM WILLE berichtet über die Entwicklung des Wuppertal Instituts seit dessen Gründung. Er ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
von Joachim Wille





