Eine Flut am Schwarzen Meer trieb vor 8000 Jahren Bauern nach Europa, vermuten Wissenschaftler. War das der Motor für die Neolithische Revolution?
Fassungslos schauten die Bauern auf die Felder mit der ausgesäten Gerste. Wo sie im letzten Mond erst die Körner in den Boden gestreut hatten, war nichts als eine Schlammpfütze. Das große Wasser, das früher so weit entfernt war, hatte das Land erobert. Nach langer Beratung beschlossen sie: Alle Tiere sollten zusammengetrieben, alles verbliebene Saatgut eingepackt werden. Am nächsten Tag brachen die Menschen auf – weg von der ständig steigenden Flut. Solche Szenen haben sich nach neuesten Forschungen von Geologen, Ozeanographen und Klimaforschern vor etwa 8200 Jahren vielfach am Schwarzen Meer zugetragen. Im Gepäck, so die Wissenschaftler, hatten die Siedler bei ihrem Aufbruch zwei Erinnerungen, die unsere Kultur bis heute prägen: Das Wissen um Ackerbau und Viehzucht, das sich im kommenden Jahrtausend in atemberaubendem Tempo unter den Jägern und Sammlern Europas verbreitete. Und die Bilder der Hütten, Felder und Wälder, die in den Fluten versanken.
Möglicherweise wurde aus diesen Geschichten – wieder und wieder erzählt – die Legende der Sintflut. Doch wie kam es zu dem Desaster? Am Ende der letzten Eiszeit, vor rund 11 000 Jahren, stiegen die Temperaturen auf der nördlichen Erdhalbkugel nach und nach um vier bis sieben Grad. Das riesige Laurentide-Eisfeld über dem nordamerikanischen Kontinent taute auf. Sein Schmelzwasser ließ den Meeresspiegel um 1,4 Meter steigen.
STÄRKER ALS DIE NIAGARAFÄLLE
Dass die Geschichte von Noah ihren Ausgang an den Ufern des Schwarzen Meeres nahm, vermuteten erstmals vor zehn Jahren die Meeresgeologen Walter Pitman und William Ryan vom US-amerikanischen Lamont-Doherty Earth Observatory in Palisades. Am Schwarzen Meer sei der Wasseranstieg am extremsten gewesen. Es war ursprünglich durch eine schmale Landbrücke vom Mittelmeer getrennt. Irgendwann hielt der Damm dem Druck nicht mehr stand und brach. Ryan und Pitman beschreiben das Horrorszenario so: „42 000 Kubikkilometer Wasser schossen pro Tag durch die Bruchstelle, das 200-fache Volumen der Niagarafälle. Am Bosporus röhrte und schäumte es für mindestens 300 Tage.” Am Ende, so die Wissenschaftler, hatte das Schwarze Meer 155 000 Quadratkilometer Land verschlungen. Die Datierung ihrer These basiert hauptsächlich auf zwei verschiedenen Arten von Krusten- und Schalentieren, die vom versunkenen Küstenrand stammten. Die einen waren Süßwasserlebewesen, die im Schwarzen Meer gelebt hatten, als es noch ein deutlich kleinerer Binnensee war. Die anderen kamen aus dem Salzwasser des Mittelmeeres. Ryan und Pitman datierten die Katastrophe anhand der Kalkschalen auf 9600 bis 7600 Jahre vor heute. Hinweise für die Richtigkeit der Theorie verdichteten sich: 1999 und 2000 startete der US-amerikanische Unterwasserarchäologe Robert Ballard eine Reihe von Expeditionen mit Tauchrobotern auf den Grund des Schwarzen Meeres. In 91 Meter Tiefe stießen „Argus” und „Little Hercules” tatsächlich auf Spuren menschlicher Siedlungen.
2004 simulierte der Ozeanograph Mark Siddall von der Universität Bern den Bosporus-Durchbruch auf dem Rechner. In seinem Modell schossen 60 000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Bresche. Statt 300 Tage – wie bei Ryan und Pitman – hätte es laut Siddall aber über 33 Jahre gedauert, bis das Schwarze Meer auf seinen heutigen Pegel gestiegen war. Dann gelang es den Geologen Chris Turney von der britischen University of Exeter und Heidi Brown von der australischen University of Wollongong, die vagen Zeitangaben Ryans und Pitmans einzugrenzen. Eine sehr präzise C-14-Analyse der Schalen- und Krustentiere datiert nun den Einbruch von Salzwasser in das Schwarze Meer auf die Spanne vor 8350 bis 8230 Jahren.
Turney und Brown interessierten auch die Folgen, die diese Katastrophe für die damalige Bevölkerung rund ums Schwarze Meer hatte. Sie rechneten verschiedene Modelle durch: Geht man von einer sehr hohen Populationsdichte an den Küsten des Schwarzen Meeres aus, hätten maximal 145 000 Bauern ihre Heimat verloren – und wären gen Norden und Westen geflohen. Davon scheint es Spuren zu geben: Vor etwa 8200 Jahren entdeckten die Europäer den Ackerbau und die Viehzucht. Von der Schwarzmeerküste aus rückte das Feld der neuen Siedlungen stetig vor, bis es vor etwa 7000 Jahren die Atlantikküste des Kontinents erreichte. „Noah”, lautet das Fazit der Geologen, „war einer der vertriebenen Siedler.” Anders als in der Bibel war dieser von den Fluten vertriebene Bauer aber sicher nicht der Urvater aller späteren Menschen. Analysen mitochondrialer DNA an neolithischen Skeletten aus Deutschland, Österreich und Ungarn deuten darauf hin, dass die bäuerlichen Einwanderer aus dem Osten kaum genetische Spuren in den heutigen Europäern hinterlassen haben. Noahs Erbe ist vielmehr das neuartige Konzept, Getreide anzubauen statt zu jagen und zu sammeln. Er selber mag mit seinen Stammesgenossen nur ein paar Kilometer ins Hinterland geflohen sein, aber er gab seine Idee an die neuen Nachbarn weiter – und setzte eine Kettenreaktion in Gang. All dies klingt plausibel. Doch bislang ist es trotzdem nicht mehr als eine Hypothese. ■
von Angelika Franz
VOM SÜSSWASSERSEE ZUM SALZIGEN MEER
Nach dem Anstieg des Meeresspiegels am Ende der letzten Eiszeit strömte das Salzwasser des Mittelmeers in den benachbarten Binnensee. Das so entstandene Schwarze Meer verschlang je nach Messung bis zu 155 000 Quadratkilometer Land.





