Ameisen sind in der Lage, sich neu zu orientieren und auf einem anderen Weg als dem bisher bekannten nach Hause zurückzukehren. Dabei gelingt es ihnen, schwierige Hindernisse zu umgehen und sich auch ohne chemische Duftmarkierungen in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Das haben Pedro Leite Ribeiro und sein Team von der Universität Sao Paulo in Brasilien mithilfe einer ausgeklügelten Versuchsanordnung herausgefunden. Die neu entdeckte Fähigkeit erlaube es den Insekten, auch in einer sich ständig verändernden Umgebung zu überleben, berichten die Forscher.
In der Versuchsanordnung der Biologen führte eine Brücke vom Nest der Blattschneiderameisen zu einer Schüssel, in der sie Futter fanden. Allerdings endete die Brücke kurz vor der Schüssel in der Luft, so dass die Ameisen sich fallen lassen mussten, um an das Futter zu kommen. Anschließend konnten sie außerdem nicht mehr auf dem gleichen Weg zurückkehren. Dafür existierte jedoch eine zweite Brücke, die auf dem Futtergelände begann und kurz vor dem Nest der Krabbeltiere in der Luft endete. Wollten die Ameisen also mit Nahrung nach Hause zurückkehren, mussten sie zunächst diesen neuen Weg entdecken.
Normalerweise benutzen Ameisen den gleichen Weg, auf dem sie gekommen sind, um zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren. Dabei orientieren sie sich vor allem an chemischen Duftstoffen, die sie und andere Ameisen auf dem Hinweg hinterlassen haben. Um die neue Aufgabe zu lösen, müssten die Blattschneiderameisen also in der Lage sein, ihren gewohnten Weg aufzugeben und sich in eine andere Richtung zu orientieren.
Tatsächlich ließen die Ameisen, die auf das Futtergelände gefallen waren, in 22 der 25 beobachteten Nester von ihrem bisherigen Weg ab und entdeckten schnell, dass sie auf der zweiten Brücke zu ihrem Nest zurückkehren konnten. Darüber hinaus behielten die Insekten das neue System über Monate hinweg bei und konnten so effizient Gräser sammeln und zu ihrem Nest transportieren. Im Dunkeln gelang es den Krabbeltieren allerdings nicht, den Weg zurück zum Nest zu finden ? was darauf hindeutet, dass sie bei der Orientierung auf visuelle Reize angewiesen sind.
Dass die Ameisen die neue Route rein zufällig beibehielten, konnten Ribeiro und sein Team in ihren Analysen ausschließen. Diese zeigten nämlich, dass die meisten Tiere direkt nach dem Aufnehmen der Gräser zielstrebig in Richtung der zweiten Brücke liefen. Die Biologen vermuten, dass die Ameisen das flexible Verhalten im Lauf der Evolution entwickelt haben, um mit den vielfältigen Veränderungen ihrer Umwelt zurechtzukommen.
Pedro Leite Ribeiro (Universität Sao Paulo, Brasilien) et al.: PLoS ONE, Ausgabe 1. April, doi: 10.1371/journal.pone.0005024 ddp/wissenschaft.de ? Christine Amrhein





