In Deutschland sind über 120.000 Menschen an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Ihr Immunsystem wendet sich gegen den eigenen Körper und führt zur Zerstörung von Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark. Die Folge sind je nach betroffenen Nerven Seh- und Sprachstörungen, zunehmende Schwierigkeiten bei der Bewegungskoordination und Müdigkeit. Die meisten leiden an der schubförmigen Form der MS, deren Verlauf mit Medikamenten und alternativen Therapien verzögert werden kann. Allerdings müssen die Wirkstoffe oft wöchentlich bis täglich über Injektionen verabreicht werden, was viele Patienten als sehr unangenehm empfinden. Doch mit neuen Medikamenten soll nicht nur der Erfolg der Therapie erhöht werden, sondern den Betroffenen kann durch orale Einnahme ein Teil der lästigen Prozedur erspart werden.
Die erfolgreichste Basistherapie der schubförmigen MS besteht derzeit aus so genannten Immunmodulatoren wie Interferonen oder dem Eiweißstoff Glatirameracetat. Sie sorgen dafür, dass die Schübe seltener auftreten und sich der Krankheitsverlauf verzögert. Während der Schübe werden Entzündungshemmer wie Cortison verwendet. Weitere Medikamente und Therapien wie Massagen eignen sich ergänzend zur Behandlung von Symptomen wie Schwindel, Koordinationsstörungen oder Schmerzen.
Die Behandlung der Krankheit könnte in den nächsten drei bis fünf Jahren durch mindestens vier Substanzen, die im Moment in klinischen Studien getestet werden, erheblich verbessert werden, vermutet Ralf Gold, Direktor des interdisziplinären MS-Forschungszentrums (IMSF) in Göttingen im Gespräch mit ddp. Eine davon ist der Wirkstoff FTY720, der bei Novartis bereits in einer so genannten Phase-II-Studie getestet wurde, wird als Tablette einmal pro Tag eingenommen. In einer solchen Studie wird das Konzept der Therapie überprüft und die geeignete Dosis gesucht.
FTY720 sorgt dafür, dass die entzündungsauslösenden Zellen des Immunsystems in den Lymphknoten bleiben und nicht ins Gehirn einwandern. Dadurch konnten die Schübe um die Hälfte, die über bildgebende Verfahren nachweisbaren Entzündungen sogar um 80 Prozent im Vergleich zu einem Placebo-Präparat reduziert werden. Die Wirkung zeigte sich schon nach zwei Monaten und nahm kontinuierlich zu.
Eine weitere Substanz ist die Fumarsäure, die bereits zur Behandlung der Schuppenflechte eingesetzt wird. Auch sie kann oral zwei- bis dreimal am Tag eingenommen werden. Ein Präparat mit diesem Wirkstoff wird momentan von BiogenIdec in Zusammenarbeit mit der Schweizer Firma Fumapharm in einer Phase-II-Studie untersucht, die Anfang dieses Jahres in mehreren europäischen Ländern begonnen wurde. Die Auswertung wird zu Beginn des nächsten Jahres erwartet.
Das MS-Medikament Laquinimod wurde bereits in einer Phase-II-Studie untersucht. In einer daran anschließenden Studie wird nun eine etwas höhere Dosis getestet. Es zeigte eine gute Verträglichkeit und bis zu 50 Prozent weniger aktive Entzündungsherde. Auch die weitere Schädigung von Nervenzellen konnte eingeschränkt werden. Teriflunomide schließlich ist ein Medikament, das bei der schubförmigen MS in Studien ebenfalls kaum Nebenwirkungen zeigte. Die Zahl der Entzündungsherde wurde um 60 Prozent gesenkt und das Fortschreiten der Krankheit signifikant verzögert. Bei Sanofi Aventis wird es bereits als Phase-III-Studie getestet.
Gold befürwortet auch das umstrittene Medikament Tysabri. In einer Studie konnte mit Tysabri das Fortschreiten der Behinderung durch MS um etwa 40 Prozent und die Schubrate um etwa 70 Prozent gesenkt werden. Allerdings waren für die Wissenschaftler unvorhersehbar zwei Todesfälle durch Virusinfektionen aufgetreten, wonach das Medikament Anfang dieses Jahres vom Markt zurückgezogen wurde. Die Todesfälle hatten aber laut Gold nur indirekt mit der Tysabri-Gabe zu tun. “Die Experten glauben momentan nicht, dass es sich zu einer Primärtherapie entwickeln wird, aber dennoch als Ersatz zu anderen Therapiemöglichkeiten eingesetzt werden wird”, erklärt Gold. Er betont, dass es auch bei anderen MS-Medikamenten wie beispielsweise Mitoxanthron durchaus ernste Nebenwirkungen gibt.
Bei chronischen Verläufen der Multiplen Sklerose gibt es momentan noch keine erfolgreiche Therapie. Ein Hoffnungsschimmer könnte da das als Dopingmittel bekannte Proteinhormon Erythropoetin (Epo) sein: Hannelore Ehrenreich vom Göttinger Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin untersucht zurzeit an einzelnen Patienten die Wirkung des Eiweißstoffes, der für die Bildung von roten Blutkörperchen sorgt. Vor einigen Jahren wurde entdeckt, dass es auch im Gehirn gebildet und bei Sauerstoffmangel der Nervenzellen aktiviert wird. Es schützt die Zellen vor dem Zelltod und vor radikalen Sauerstoff-Spezies und wirkt entzündungshemmend.
Ralf Gold berichtet von Fällen, bei denen der Gehradius der Patienten so von 100 Meter auf 350 Meter vergrößert werden konnte: “Das scheint nicht viel zu sein, aber bei Patienten, bei denen andere Medikamente keine Funktionsverbesserung zeigen, ist dies schon ein großer Erfolg.” Im nächsten Jahr soll in Göttingen eine Studie zur Wirkung von Erythropoetin bei MS beginnen.
ddp/wissenschaft.de Eva Maria Marquart





