Wird Müll nicht ordnungsgemäß entsorgt, landet er oft in der Umwelt und gelangt über Flüsse bis in die Meere. Als einer der größten Flüsse Europas transportiert der Rhein große Mengen an Abfällen in die Nordsee und damit ins Naturschutzgebiet Wattenmeer. Wie viel genau, war allerdings bislang unklar. Für die meisten bisherigen Schätzungen wurde die Müllmenge jeweils nur an einzelnen Tagen erfasst und dann auf das ganze Jahr hochgerechnet.

Abfälle gesammelt und analysiert
Ein Team um Nina Gnann von der Eberhard-Karls-Universität Tübingen hat nun über 16 Monate hinweg kontinuierlich Müll aus dem Rhein gefischt und analysiert. Dazu nutzten die Forschenden eine schwimmende Müllfalle namens „Rheinkrake“, die in Köln verankert ist und dem gemeinnützigen Verein K.R.A.K.E. (Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit) e.V. gehört. Die Falle fängt Abfälle auf, die an der Wasseroberfläche und bis zu 80 Zentimeter darunter schwimmen. Dabei filtert sie etwa 0,08 Prozent des gesamten Durchflusses.
Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern analysierten die Forschenden über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg, welche Arten von Abfällen in der Falle landeten. Alle Müllteile, die mindestens einen Zentimeter groß waren, wurden gesammelt, gewogen und kategorisiert. Innerhalb eines Jahres, von November 2022 bis November 2023, kamen auf diese Weise 17.523 Einzelteile mit einem Gesamtgewicht von 1955 Kilogramm zusammen. Auf die gesamte Breite des Rheins hochgerechnet sind das etwa 3000 bis 4700 Tonnen Müll im Jahr – mehr als 250-mal so viel wie frühere Schätzungen angenommen hatten.
„Die Menge der Abfälle schwankte um den Faktor 41 und war in Zeiten steigender Abflussmengen höher“, berichtet das Forschungsteam. In Zeiten, in denen der Rhein Hochwasser führte und auch am Ufer liegende Gegenstände aufnahm, enthielt die Falle wesentlich mehr Abfall als in Wochen mit niedrigem Wasserstand. Um die Müllmenge übers Jahr hinweg abzuschätzen, sind einzelne Sammeltage deshalb aus Sicht der Forschenden zu unzuverlässig.
Zusammensetzung des Mülls
Die Analyse der Abfälle offenbarte die verschiedenen Dimensionen des Müllproblems: „Wir haben festgestellt, dass private Verbraucher mit 56,4 Prozent die größte Quelle für Makroabfälle sind“, berichtet das Team. Dazu zählen Verpackungen von Nahrungsmitteln und Getränken sowie Zigarettenstummel. Industrielle Abfälle machten 5,9 Prozent des Mülls aus, 1,6 Prozent entfielen auf den Bereich Verkehr, Infrastruktur und Gebäude. Die übrigen Gegenstände konnten die Forschenden nicht eindeutig zuordnen.
Fast 70 Prozent der gesammelten Gegenstände bestanden aus Plastik – von Verpackungen über Spielzeuge bis hin zu Blumentöpfen. Gemessen am Gewicht hatte der Plastikmüll allerdings nur einen Anteil von 14,8 Prozent. „Das unterstreicht die Relevanz von Nicht-Kunststoff-Abfällen“, so Gnann und ihr Team. Dazu zählen unter anderem Holz, Glas, Keramik, Metalle, Pappe und Papier sowie Textilien. Eine eigene Kategorie bildeten Feuerwerksabfälle: Zum Jahreswechsel 2022/2023 landeten 1943 Reste von Raketen und Co. in der Müllfalle, darunter vor allem hölzerne Raketenstäbe und Plastikkappen. „Abgesehen von Silvester konnten wir keinen Zusammenhang zwischen einem kulturellen Ereignis und der Menge oder Art des Mülls feststellen“, berichten die Forschenden.
Indem die Studie aufschlüsselt, welche Arten von Müll im Rhein landen, kann sie dabei helfen, die Probleme gezielt anzugehen. Zudem kann die Erhebung dazu beitragen, den Erfolg von Strategien zur Müllvermeidung in Zukunft besser bewerten zu können.
Quelle: Nina Gnann (Eberhard-Karls-Universität Tübingen) et al., Communications Earth & Environment, doi: 10.1038/s44458-025-00007-5





