Text: Bettina Wurche
Die kleinen graubraunen Bogong-Motten wandern in jedem Frühling von ihren Brutstätten im Südosten Australiens 1.000 Kilometer weit in die kühlen Höhlen der Australischen Alpen, um dem heißen Sommer zu entfliehen. Im Herbst fliegen sie zu ihren Brutstätten zurück, um sich fortzupflanzen. Danach sterben sie. Im Frühling schlüpft dann die nächste Generation und macht sich auf die lange Reise – zu einem Ort, an dem sie nie selbst waren und den ihre Eltern ihnen nicht zeigen konnten. Wie finden die Motten ihren Weg?
Zur Orientierung dient wohl eine Kombination aus Erdmagnetfeld, geografischen Landmarken – und auf langen Strecken der Blick zum Himmel. Ein Forscherteam um Eric Warrant von der Lund University in Schweden hat die Nachtfalter im Flugsimulator unter einem künstlichen Sternenhimmel fliegen lassen. Rotierte der Sternenhimmel, richteten sich die Motten danach aus. Ließen die Forscher markante Sterne oder das Band der Milchstraße weg, verloren die Insekten die Peilung. In einem weiteren Experiment maßen die Forscher per Elektrode im Mottenhirn eine erhöhte Aktivität in den Arealen, die für die Verarbeitung visueller Informationen sowie für die Navigation und Steuerung zuständig sind. Laut einer 2025 erschienenen Veröffentlichung navigieren die unscheinbaren Insekten also tatsächlich nach Sternkarten.
Räumliches Gedächtnis
Auch Mistkäfer merken sich für ihre nächtlichen Aktivitäten Sternbilder. Die großen Käfer prägen sie sich bei einem „Tanz“ auf ihrer Mistkugel ein und rollen die runde Last dann auf einer imaginären Linie weiter. Tagaktive Tiere hingegen orientieren sich am Sonnenstand – sogar bei bewölktem Himmel. Die Ausbreitung von Sonnenstrahlen wird in der Atmosphäre so verändert, dass sie bevorzugt in einer Ebene schwingen, sie werden also polarisiert. Viele Insektenarten, darunter Libellen und Heuschrecken, erkennen mit speziellen, nach oben gerichteten Photorezeptoren am Rand ihrer Facettenaugen auch polarisiertes Licht. Diese Informationen werden zum Bauchmark weitergeleitet, dem zentralen Nervensystem der Insekten, das die Flügelmuskulatur steuert und so die Flugrichtung an der Polarisation ausrichtet. Den tageszeitlich unterschiedlichen Sonnenstand rechnen sie dabei heraus – wie, ist noch nicht bekannt.
Viele Insektenarten haben darüber hinaus ein ausgezeichnetes räumliches Gedächtnis. Besonders soziale Sechsfüßer wie Bienen und Ameisen sind ähnlich gute Navigatoren wie Säugetiere. Die kleinen Tiere prägen sich dafür signifikante Wegmarken ihrer Umgebung ein. Gemeinsam mit Entfernungs- und Kompassinformationen gelingt ihnen so die Bestimmung der eigenen Position sowie der Entfernung und Richtung des Nests. Solche Fähigkeiten werden als Pfadintegration bezeichnet: Insekten erstellen sogenannte kognitive Karten, also die Vorstellung eines Raums oder dreidimensional logischer Zusammenhänge. Dabei werden Verbindungen oft vereinfacht abgebildet. Menschen zeichnen mental etwa einen gebogenen Weg als gerade ein. Wie Insekten Abkürzungen abbilden, ist noch nicht bekannt. Verarbeitet werden diese komplexen Informationen jedenfalls im Navigationszentrum des Insektengehirns, dem Zentralkomplex. Diese Hirnregion ist für die sensorische Integration und die Bewegungsplanung zuständig. Die genaue Einschätzung der zurückgelegten Distanz ist insbesondere für fliegende Tiere eine große Herausforderung, da sie sich dabei auf den sogenannten „optischen Fluss“ stützen müssen – dieser beschreibt die Abfolge der optischen Eindrücke vor dem Auge während der Fortbewegung.








