Ein neu entwickeltes Mittel für örtliche Betäubungen schaltet nur den Schmerz aus, alle anderen Empfindungen bleiben erhalten. Auch Muskellähmungen treten bei diesem Medikament nicht auf. Das sagen amerikanische Wissenschaftler, die den Stoff an Ratten getestet haben. Nach Gabe des Anästhetikums fühlten die Nager keinen Schmerz mehr, sie konnten aber noch normal laufen und bemerkten auch einfache Berührungen, die nicht schmerzhaft waren. Bei Menschen könne das Medikament künftig zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt und von Zahnärzten oder bei Geburten verwendet werden.
Normalerweise legen örtliche Betäubungsmittel alle Nervenzellen an der Stelle lahm, an der das Medikament unter die Haut gespritzt wird ? unabhängig davon, ob die Nervenzellen Schmerzen weiterleiten oder die Bewegung der Muskeln steuern. Die Patienten fühlen dann zwar keine Schmerzen mehr, sie nehmen aber auch leichte Berührungen nicht mehr wahr, fühlen sich oft benommen und leiden unter Lähmungen, erklären die Forscher.
Der neue Stoff dagegen blockiert nur die Nervenzellen, die für die Schmerzempfindung zuständig sind. Verantwortlich dafür ist seine besondere Zusammensetzung: Er besteht aus zwei Komponenten, die bei der Lahmlegung der Nervenzelle zusammenarbeiten. Der erste Bestandteil, ein Molekül namens QX-134, schaltet die Zelle aus, so dass sie keine Informationen mehr weiterleiten kann. Dazu muss QX-134 allerdings in das Innere der Zelle vordringen, außerhalb ist es wirkungslos. An dieser Stelle springt der zweite Bestandteil des Betäubungsmittels ein: Capsaicin, normalerweise für die Schärfe von Chilischoten verantwortlich, macht Nervenzellen durchlässig für QX-134. Dabei öffnet es aber nur die Nervenzellen, die für die Schmerzen verantwortlich sind, alle anderen Zellen bleiben verschlossen und werden so auch nicht ausgeschaltet.
Um die Wirkung des Betäubungsmittels zu überprüfen, spritzten die Wissenschaftler das Medikament in das Hinterbein einer Ratte. Anschließend hielten sie die Rattenpfote an ein Hitze ausstrahlendes Gerät. Die Versuchstiere tolerierten viel mehr Hitze als gewöhnlich, liefen aber normal umher und reagierten auch auf gewöhnliche Berührungen, erklären die Forscher. Bis aus der Entwicklung ein Medikament zum Einsatz an Menschen entstehen kann, steht den Forschern jedoch noch einige Arbeit bevor: Zunächst müsse gezeigt werden, ob die Wirkstoffkombination auch an Menschen überhaupt funktioniere, erklärt der Schmerzforscher Edwin McCleskey in einem zur Studie erscheinenden begleitenden Kommentar.
Alexander Binshtok (Harvard-Universität) et al.: Nature, Band 449, Seite 607, DOI: 10.1038/nature06191 ddp/wissenschaft.de ? Anja Basters





