Die mungoartigen Erdmännchen haben eigene Traditionen, die sich selbst zwischen benachbarten Gruppen unterscheiden. Das haben Wissenschaftler von der Universität Cambridge herausgefunden, als sie in Südafrika untersuchten, wann die Individuen verschiedener Gruppen am Morgen ihren Bau verlassen und wann sie am Abend wieder darin verschwinden. Ergebnis: Die Erdmännchengruppen haben ganz unterschiedliche Gewohnheiten, die sie über mehrere Generationen beibehalten. Sogar Zuwanderer passen sich an die Zeiten ihrer neuen Gruppe an. Den Einfluss genetischer Faktoren oder regionale Unterschiede schließen die Forscher um Alex Thornton aus. Vergleichbare tägliche Verhaltensmuster waren bisher bei freilebenden Erdmännchengruppen noch nicht beobachtet worden.
Über einen Zeitraum von elf Jahren sammelten die Wissenschaftler in der Halbwüste Kalahari, dem spärlich bewachsenen Lebensraum der Erdmännchen, Daten von 15 Gruppen, die sich aus 2 bis 47 Individuen zusammensetzen und insgesamt 625 Erdhöhlen als Behausung nutzen. Dafür besuchten die Forscher die Tiere mindestens alle zwei Wochen. Die Beobachter notierten die Zeiten, zu denen das jeweils erste Erdmännchen einer Gruppe morgens die Höhle verließ. Zur eindeutigen Identitätsfeststellung trugen die einzelnen Tiere Markierungen auf dem Fell. Sie waren an Beobachtungen aus nächster Nähe gewöhnt, und die meisten von ihnen ließen sich gutmütig regelmäßig wiegen. Dabei erwiesen sich Stücke von hartgekochten Eiern, die auf der elektronischen Waage lagen, als ausgezeichneter Lockstoff. Um die Territorien der einzelnen Gruppen zu identifizieren, verwendeten die Forscher zudem GPS-Sender und bestimmten die Positionen alle 15 Minuten.
Bevor die Erdmännchen morgens zur Futtersuche aufbrachen, hielten sie sich meistens bis zu eine Stunde lang in und vor dem Bau auf, um in der Sonne zu baden, sich zu pflegen oder zu spielen. Typischerweise kehrten die Tiere kurz nach Sonnenuntergang in ihren Bau zurück. Dennoch zeigten sich sowohl morgens als auch abends deutliche Zeitunterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen. So kamen die Mitglieder einer als Gruppe F bezeichneten Gemeinschaft früher aus dem Bau als die der benachbarten Gruppen D und E. Einzelne Erdmännchen, die immer als erste ihrer Gruppe erscheinen, sind dafür jedoch nicht verantwortlich, denn die Identität des ersten Individuums wechselte häufig, während die Ausgehzeit unverändert blieb. Der Gruppenwechsel einzelner Tiere beeinflusste die gruppenspezifische Zeit ebenfalls nicht: Zuwanderer passten sich an die Zeiten ihrer neuen Gruppe an. Auch Futtermangel brachte die Tiere nicht dazu, ihren Bau früher zu verlassen.
Bei Untersuchungen anderer Tierarten hatten Wissenschaftler oft unterschiedliche Verhaltensmuster bei geografisch getrennten Gruppen festgestellt. Dabei sei jedoch anzunehmen, dass diese Unterschiede durch Umwelteinflüsse und genetische Unterschiede geprägt werden, sagen die Forscher. Im Fall der Erdmännchen seien diese Faktoren ausgeschlossen, da sich selbst benachbarte Gruppen, deren Territorien sich überschneiden, unterschiedlich verhielten und zwischen den Gruppen zudem ein reger Genaustausch stattgefunden habe. Wie die Erdmännchen ihre Gruppentraditionen auch über mehrere Generationen beibehalten, ist nach wie vor unklar. Anscheinend passen neue Gruppenmitglieder jedoch ihr Verhalten an das der Alteingesessenen an – vermutlich, weil die Integration in eine Gruppe mehr Sicherheit bietet als das Leben als Einzelgänger.
Alex Thornton (University of Cambridge) et al.: Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences, Online Vorabveröffentlichung, doi:10.1098/rspb.2010.0611 ddp/wissenschaft.de ? David Köndgen





