Der EmsRadweg windet sich um den Fluss und folgt ihm durch idyllische Landschaften. · Foto: Markus Quabach / stock.adobe.de
Die Ems entspringt mitten im trockenen Sennesand der Moosheide im Kreis Paderborn. Nach gut 370 Kilometern mündet sie in die Nordsee. Eine Radtour entlang eines Flusses, der lange geknebelt war, dessen Flusslauf und Auen jedoch in den letzten Jahren zunehmend ihr Leben zurückerhalten.
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Text: Oliver Abraham
In der Heide riecht es nach Kiefernharz und Sandstaub. Am östlichen Horizont ragt die Silhouette des Teutoburger Waldes empor, davor breitet sich eine mehrere Hundert Quadratkilometer große karge, trockene Sandlandschaft aus, die Senne. Unvermittelt fällt vor mir ein Tal ab, einige Meter tief, und unten blinkt und glitzert Wasser. Der Weg hinunter ist kurz und es herrscht eine angenehme Kühle an dem Ort, wo aus mehreren Sickerquellen die Ems entspringt. Ein paar Schritte weiter fließt sie schon munter der Nordsee entgegen.
Bis dorthin begleitet ein Radweg die Ems – mal nah am Wasser, mal etwas abseits – durch Westfalen und das Münsterland, durch das Emsland und Ostfriesland. Die Strecke führt fast nur durch weites, freies Bauernland, fernab von großen Städten. Ich freue mich auf eine schöne, unbeschwerte Tour mit viel Naturerleben.
Gewiss: Irgendwann in ihrem Verlauf wird die Ems auch Bundeswasserstraße. Doch jenseits davon hätten die Anwohner ihrem Fluss immer wieder das Leben wiedergegeben, versicherte man mir, als ich die Reise plante. Naturschützer hätten Ufer entfesselt und alte Kurven wieder angebunden, Lebensräume geschaffen für Flora, Fauna und ihren Fluss. Viel sei schon geschafft, und manches noch möglich. Am Ufer der Ems könne man inzwischen auf Sandbänke blicken, vor Steilufern paddeln und vielleicht sogar einen Eisvogel sehen. Ich bin gespannt!
Im Münsterland
Ich treffe mich mit Christian Göcking von der NABU Naturschutzstation Münsterland. Der Geograf erklärt mir die Problematik am Fluss: „Die Begradigung der Ems ist so weit fortgeschritten, dass eine Auenlandschaft auf natürliche Weise nicht mehr wirklich neu entstehen kann.“ Wird ein Fluss begradigt, fließt er schneller und gräbt sich in die Landschaft, damit sinkt auch der Grundwasserspiegel. Eine Grünfläche am Fluss ist dann zwar noch eine „Aue“, doch weit über dem heutigen Wasserstand gelegen, ist sie trockengefallen und hat nahezu keine ökologische Funktion mehr.
Das ist etwa für Fische wie die Quappe verheerend. Diese braucht zur Laichzeit im Winter die Überflutungen einer intakten Aue, erklärt Christian Göcking. Nachdem es das an der Ems kaum mehr in ausreichendem Maße gab, ist die Quappe nahezu verschwunden. Was mit der Begradigung – hier wie anderswo – ebenfalls verschwand, sind Sandbänke und Steilufer, ein breites Flussbett, totes Holz im Wasser, Flussschleifen und Altarme, die ganze Dynamik im Fluss. All das sei aber wichtig für eine vielfältige Flora und Fauna, betont Göcking, die Ems müsse wühlen können, Sand umlagern und immer wieder über Bord gehen.
Diese Struktur würde auch Hochwasserspitzen abpuffern. „Wir brauchen – erst recht vor dem Hintergrund zunehmender prognostizierter Starkregenereignisse – Schwammlandschaften, die das Wasser in der Fläche zurückhalten können“, erklärt Christian Göcking, „das ist auch eine Form der Daseinsfürsorge für uns – zum einen für den Hochwasserschutz dort, wo die Menschen leben, zum anderen für den Erhalt der biologischen Vielfalt.“
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Aber ist es nicht das, was wir hier sehen? Ja, in den Ems-Auen hinter Warendorf blicken wir auf Sandbänke und Steilufer, auf einen breiten Fluss und auf Baumstämme, die darin liegen. Uferschwalben nisten in der steilen Kante, Eisvögel fliegen gleich schillernden Edelsteinen übers Wasser. Wie das? „Die Emsauen zwischen Warendorf und Telgte sind ein Lebensraum aus zweiter Hand“, sagt der Geograf, „hier wurden Ufer gezielt entfesselt, das heißt, die Steinschüttungen wurden entfernt, mit dem Bagger wurden Kurven angelegt, der begradigte Lauf wurde abgedämmt, damit die Ems wieder in weiten Kurven fließen kann.“ Etwa 15 Jahre ist das jetzt her.
Nachdem der Umbau mit Geld vom Land NRW und der EU geschafft war, kam alles andere ziemlich zügig zurück, berichtet Göcking. Wenn die Ems in den Kurven auf die Ufer prallt und am Sand nagt, brechen die Kanten ab und die Bäume stürzen in den Fluss. Nicht weit entfernt liegt etwa ein Weidenbaum in der Flusskurve und bildet eine „Insel“ in der Ems. Im tiefen Wasser davor stehen Fische: Döbel, Hechte, Rotaugen, auf die es der einsame Angler dort drüben wohl abgesehen hat.
Hinter dem Baum hat sich eine Sandbank gebildet, in deren Strömungsschatten das Wasser flach ist, was ein anderer Fisch schätzt: der Steinbeißer (der nicht mit dem vom Fischfiletteller im Restaurant verwandt ist). Die Sandbänke selbst bieten Lebensraum für Watvögel wie Austernfischer oder Flussuferläufer. Es sind Inseln des Lebens.
An einer langen Kurve hat sich ebenfalls Sand angesammelt, er ist samtweich, wie ich beim Anfassen feststelle. Flächen mit offenem Sand sind wichtig für Reptilien wie Zauneidechsen oder Ringelnattern, auch für Wildbienen. Christian Göcking hebt Muschelschalen auf: „Schau hier, das ist eine Malermuschel, auch sie war einst heimisch und man findet sie jetzt wieder öfter.“
Den Raum zurückgeben
Der Mensch muss also nur wollen und anschieben, denke ich. Doch es ist komplexer. So sind etwa die Flächen für solche Maßnahmen stark limitiert. Denn die begradigte Ems ist viel schmaler als sie früher war und hat beidseitig steile, befestigte Ufer. Das Land, das durch die Einfassung des Flusses gewonnen wurde, wird längst anderweitig genutzt. Es ist gut möglich, dass vor 15 Jahren hier an der schnurgeraden Ems ein Maisacker war.
Für ein Zurück muss alles wieder geändert werden, rechtlich und praktisch vor Ort. Für den Rückbau sind einmalig massive Maßnahmen nötig, mächtige maschinelle Erdbewegungen, damit die Natur dann übernehmen kann. Christian Göcking weist auf den Sand: „Diese große Sandbank hat sich sofort gebildet, nachdem die Ems wieder aufgemacht wurde.“ Einmal „entfesselt“, macht die Ems alles Wichtige und Weitere selbst.
Die Ems ist hier mindestens 30 Meter breit, die Aue noch breiter. Wir queren eine kleine Brücke; dort ist ein verwunschener Pfad, ganz zart riecht es hier nach Bittermandel, von der Gemeinen Traubenkirsche (Prunus padus). Weiter drinnen im dichten Auwald aus Weiden und Erlen steht immer wieder Wasser.
Bald treffen wir wieder auf den Fluss, blicken auf strudelndes, strömendes Wasser, das am anderen Ufer arbeitet, dessen Böschung bisweilen senkrecht ins Wasser abfällt. Die Tage einer Eiche sind gezählt, sie steht schräg und ragt schon über das Wasser, darunter liegt bereits ein Baumstamm im Fluss, anderes Grünzeug wächst darauf, ein Fisch springt hoch. „Totholz gehört in jeden Fluss“, sagt Christian Göcking, „dort leben ganze Artengemeinschaften.“ Beispielsweise Larven von Köcherfliegen oder Eintagsfliegen, die dort Unterschlupf und Nahrung finden. Die Insekten werden von Fischen wie dem Döbel gefressen, diese wiederum werden von Kormoranen, Eisvögeln oder Graureihern geholt. Der Fischadler sei noch nicht da, sagt Göcking mit Hoffnung in der Stimme. Wieder flitzt wie ein blauer Blitz ein Eisvogel vorbei.
Weiter die Ems hinab
Ich sitze wieder auf dem Rad. Kurz vor Telgte stehen Störche auf einer Weide, dann erreiche ich mit dem Fluss zusammen die Stadt. An einer historischen Mühle tost die Ems mit Gewalt über das Wehr, vor dessen alten Mauern in satten Farben Rosen blühen.
Bald schon radle ich aber wieder auf freier Flur, im Himmel verwehen die Pfiffe der Bussarde, am Wegesrand stehen Kornblumen und Klatschmohn. Ein Hase läuft über einen sandigen Feldweg. Sanfte Winde tragen immer neue Düfte heran, mal riecht es nach Blüten, mal nach Kiefernharz.
Bei Münster-Gittrup querten schon die Leute aus der Bronzezeit den Fluss, um ihre Toten zu bestatten. Mächtige Pappeln rauschen im Wind, ein sandiger Pfad verschwindet im Unterholz. Am Wegesrand wächst Streuobst; Birnen, Äpfel. Von einer Brücke werfe ich einen Blick auf die Ems: Auch hier wurden in den letzten Jahren die Ufer verflacht, und hellgelber Sand zieht sich vom Wasser aufs Land.
Die Sonne bricht jetzt nur noch kurzzeitig durch die immer dichter werdenden, bleigrauen Wolken. Wo das gleißende Licht noch auf eine reflektierende Sandbank trifft, wird es seltsam überhell. Plötzlich gibt es Aufregung und Alarmrufe bei den Gänsen im Wasser, ein Greifvogel hat sich auf einem Baum am Ufer niedergelassen. Die Sonne verabschiedet sich nun ganz.
Auf Paddeltour
Bei Hembergen im Münsterland fließt die Ems mit stillem, starkem Strom. Die Sonne hat die letzten Morgennebel vertrieben und die Blätter der Silberweiden am Wegesrand flirren im Licht. Ich treffe Bernd Laukötter vom „CanuCamp“, der Touren anbietet und Boote vermietet. Die Glocke von St. Servatius schlägt 9:00 Uhr, als er das Kanu zu Wasser lässt und unser gemeinsamer Ausflug beginnt. Ein paar Paddelzüge noch und die Ems, die eben noch begradigt war, fließt in eine weite Kurve – das alte, in den 30er Jahren regulierte Flussbett ist hier seit ein paar Jahren abgedämmt, die ehemalige Schleife wurde wieder angebunden und aktiviert. Eine faszinierende Welt tut sich uns auf:
Die Ems wird immer breiter. Auf dem Flussgrund ist Sand zu erkennen, er blinkt hell und schimmert golden. Flach wird das Wasser an den Stellen, wo der Fluss zur Ruhe kommt und das mitgebrachte Sediment ablagert. Unergründliche, dunkle Tiefe herrscht dagegen da, wo das Wasser in der Kurve auf das Ufer prallt und am Sand nagt; Prallhänge heißen solche Steilufer, und bisweilen fallen sie fast senkrecht in den Fluss. Hier bricht Land ab, Tag für Tag gräbt sich die Ems weiter in die Landschaft hinein. Die Tage der Pappeln am steilen Ufer sind gezählt. Es ist still, nur die Vogelrufe empfangen uns bei unseren Einfahrten in die alten, neuen Emsschleifen.
An der Strömung des Wassers, den Strudeln und Wellen, erkennt Bernd, wo die Hindernisse sind. Manche der hier liegenden toten Bäume sieht man aus dem Wasser ragen, manche aber eben nicht. Im Vertrauen auf Bernd genieße ich eine ruhige Fahrt. Dass es hier auch anders sein kann, verrät der Blick ans Ufer. Dort hängen in den Ästen der Bäume die Hinterlassenschaften der letzten Überflutungen – Grasbüschel und Plastikteile – meterhoch über dem heutigen Wasserstand. Bei Hochwasser tobt sich die Ems hier mächtig aus. Sie darf es wieder. Was der Mensch ihr vor 100 Jahren genommen hat, ihr ursprüngliches Flussbett, haben die Leute im Münsterland ihr vor ein paar Jahren zurückgegeben.
Bernd trifft schnelle Entscheidungen: Wo das Paddel eintauchen, wohin das Kanu steuern, um nicht auf einer Sandbank zu stranden oder in einem toten Arm zu enden? Nicht auf verborgenen, versunkenen Baumstämmen umkippen oder unter die Äste gefallener Bäume geraten. Ein Schwan beäugt unser Treiben mit Argwohn.
Und dann passiert es doch, Sand knirscht unter dem Kanu, wir sind aufgelaufen, mitten im Flussbett. „Nach rechts, nach rechts, wir müssen nach rechts!“, ruft Bernd von hinten. Wir stechen die Paddel in den Sand, kaum mehr als knöcheltief ist das Wasser der Ems hier nur noch, und stoßen das Kanu Richtung tiefes Wasser. Immer wieder scheuert der Bootsrumpf leise über Sand, bald aber sieht man auf der Wasseroberfläche Strudel, es wird tiefer und es zieht uns wieder weiter. Wir sehen Eisvögel, und der gelbe Vogel da, war das ein Pirol? Möglich ist es.
Anderntags, andernorts. Die Fahrradreifen zischen auf nassem Asphalt und es riecht nach nassem Getreidefeld, wo schon geerntet wurde, leuchten die Stoppelfelder unter den Wolken wie altes Messing.
Vor einem Bauernhof steht ein Körbchen mit Fallobst, man darf sich gern einen Apfel mitnehmen. Das ist fein, dieses Land ist weit, wild und wunderbar. Von hier aus kann ich – wie auch schon an anderen Stellen – die alte Terrasse erkennen, die Geländestufe, mit der das Land in die Emsaue abfällt. Unten liegen saftig grüne Weiden, manchmal mit Pferden darauf, manchmal mit Gruppen alter Bäume. Eine Kirchturmuhr schlägt 12:00 Uhr, ich radle ich weiter, immer weiter.
Durchs Emsland
Nordwestlich der Stadt Meppen wurde vor langer Zeit, um die damals zunehmend wichtige Schiffbarkeit der Ems zu verbessern, eine mächtige Flussschleife abgetrennt. Die in dem stillen Altarm liegende Halbinsel wird seit Jahrhunderten – auch heute noch – als Hute genutzt, als extensive Viehweide. Dabei wirkt das „Borkener Paradies“ wie ein Bild aus uralten Tagen mit mächtigen Solitäreichen, Heide und offenem Sand.
Auch im Emsland sind große Projekte am Start, um der Ems wieder mehr Leben zu geben und den Biotopverbund entlang des Flusses zu stärken. Dazu gehört etwa die „EmsLand – Auenentwicklung an der Ems zwischen Salzbergen und Dörpen“ aus dem Bundesprogramm „Blaues Band Deutschland“. Damit sollen die Bedingungen für Auwälder als Lebensräume verbessert werden, wechselfeuchte Bereiche hergestellt und tiefer liegende Sekundärauen als Überschwemmungsgebiete geschaffen werden. Einzelne Altgewässer sollen wieder an die Ems angeschlossen, Fluss und Aue stärker miteinander verbunden werden. Das Projektgebiet umfasst rund 160 Flusskilometer und eine Fläche von rund 16.500 Hektar noch überflutbarer Aue im Landkreis Emsland.
Ankunft am Meer
Inzwischen bin ich im ostfriesischen Ditzum – ganz oben, fast am Ende der Ems – angekommen und habe mir ein Krabbenbrötchen gekauft. Ich gehe entlang der Ems dorthin, wo das Watt des Dollart, der großen Nordseebucht, beginnt. Mit mächtiger Strömung absolviert die Ems ihre letzten Kilometer, es wirkt, als ob die nahe Nordsee den Fluss nun aufs Meer hinauszieht. Der Himmel färbt sich abendlich rot, ich sehe die hochragenden Kräne der Hafenstadt Emden, rieche die See.
Mit Felix Närmann vom NLWKN, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, besuche ich am nächsten Tag das Petkumer Vorland, das Land zwischen Ems und Deich, unmittelbar vor der Mündung des Flusses ins Watt des Dollart.
Dieses Vorland wird regelmäßig überflutet und ist weitgehend intakt. „Durch seine Nähe zum Watt und der Nordsee und wegen seiner Anbindung an das Grünland im Hinterland hat es einen großen Reichtum an Vogelarten“, sagt Närmann und baut sein Beobachtungsfernrohr auf. Als Schnittstelle – nicht mehr Land und noch nicht Meer – ist dieses Vorland wichtig für Brut- und Zugvögel. Wir beobachten Säbelschnäbler, wie sie mit ihrem gebogenen Schnabel von links nach rechts durch das seichte Wasser streichen und so ihre Nahrung finden. Brachvögel hingegen, ebenfalls mit großem Schnabel ausgestattet, bohren in die Tiefe; beide Arten brauchen solche Flächen.
Kiebitze und Bekassinen fliegen auf, wohl weil ein Turmfalke unterwegs ist. Es sind seltene Vogelarten, die hier existieren. Närmann spricht von einer Raubseeschwalbe, die hier zwar nicht brüte, im Herbst aber regelmäßig raste. Das Blaukehlchen, einst selten, ist seit Längerem wieder da, auch Flussuferläufer landen hier. Wenig später beobachten wir einen Fischadler, wie er wohl einen Fisch in der Ems schlägt und mit seiner Beute am Ufer zwischen Schilf und Bäumen landet. „Der Fischadler ist auf Durchzug, meines Wissens brütet er hier nicht“, sagt Felix Närmann, der Vogelexperte staunt selbst bei diesem seltenen Anblick, „aber er könnte wieder ein Brutvogel an der Ems werden.“ Möglich ist vieles, und machbar auch. //
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