Doch der weltweit verbreitete westliche Lebensstil hat die natürliche Zusammensetzung des menschlichen Mikrobioms offensichtlich verändert: die Zahl der verschiedenen Bakterienarten ist bei Bürgern aus Industrienationen stark geschrumpft, wie ein Team US-amerikanischer und venezolanischer Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances berichtet. Die Forscher haben dagegen im Mikrobiom völlig isoliert lebender Yanomami-Indianer die größte bakterielle Artenvielfalt gefunden, die je an Menschen dokumentiert wurde. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat Jose Clemente von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York Bakterienproben von Bewohnern eines Yanomami-Dorfes analysiert, das erst 2008 entdeckt wurde. Im Zuge einer medizinischen Expedition gaben 34 Yanomami freiwillig Proben ab – 28 von der Haut und aus dem Mund, elf stellten Stuhlproben zur Verfügung. Zuvor hatten die Indianer ohne Kontakt zur Außenwelt in der Abgeschiedenheit des Regenwaldes Venezuelas gelebt – als halbnomadische Jäger und Sammler, so wie es ihr Volk seit Jahrtausenden praktiziert.
US-Amerikaner beherbergen 40 Prozent weniger Arten
Die bakteriellen Mitbewohner dieser Menschen untersuchen zu können, bedeutet für die Forscher eine enorme Chance. Denn obwohl inzwischen bekannt ist, wie wichtig das Mikrobiom für den Menschen ist, ist eins noch immer nicht geklärt: inwiefern sich die Mikrobengemeinschaft durch den westlichen Lebensstil und unsere Ernährungsweise verändert hat und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Welche Mikrobiome sind also unseren Vorfahren am ähnlichsten? Und welche Rolle spielt eine große bakterielle Artenvielfalt für die Gesundheit des Menschen?
Erste Antworten geben nun die Proben der Yanomami. Darin fanden die Wissenschaftler weit mehr Bakterienarten als in den Vergleichsproben einer Gruppe US-Amerikaner – etwa 40 Prozent mehr Arten tummelten sich im körpereigenen Ökosystem der Indianer. Während bei ihnen keine Bakteriengruppe dominierte, fanden sich im Mikrobiom der US-Amerikaner unter anderem überdurchschnittlich viele Staphylokokken und Propionibakterien. Auch im Vergleich zu Proben von Malawiern und Stammesangehörigen des Guahibo-Volkes, die langsam mehr Kontakt zu westlichen Lebensweisen bekommen, war das Mikrobiom der Yanomami artenreicher. Besonders im Stuhl und auf der Haut fiel die Diversität den Forschern zufolge proportional mit dem zunehmenden Zugang zu Antibiotika und industriell verarbeiteten Lebensmitteln.
Moderne Überraschung im Yanomami-Mikrobiom
Mit dem Verlust von Bakterien schwindet auch ihr potenzieller gesundheitlicher Nutzen: „Es gibt offensichtlich auf der einen Seite einen Zusammenhang zwischen einer geringeren bakteriellen Artenvielfalt, industrieller Ernährung und modernen Antibiotika. Auf der anderen Seite gehen genau diese Faktoren der westlichen Lebensweise mit einer Zunahme immunologischer und metabolischer Erkrankungen wie Adipositas, Allergien und Diabetes einher”, sagt Mitautorin Maria Dominguez-Bello. Etwas müsse diese Krankheiten im Laufe der vergangenen Jahrzehnte begünstigt haben: „Wir glauben, dass das Mikrobiom damit zu tun hat.”





