Meist gehen Menschen erst dann zum Arzt, wenn sie bereits krank sind. Ideal wäre es dagegen, schon zuvor das Krankheitsrisiko zu kennen, um frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen. Dass diese Vision bald Realität werden könnte, zeigt nun eine aktuelle Studie. Ein Forscherteam hatte die komplette Genomsequenz des Gruppenleiters entschlüsselt, um dessen erblich bedingte Risiken für Krankheiten zu bestimmen. Die Analysen ergaben unter anderem ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes. So konnte sich Michael Snyder von der Stanford University erfolgreich vor den Folgen der Erkrankung schützen, als sie tatsächlich eintrat.
Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte hat zunehmend offenbart, dass die Neigung eines Menschen zu vielen Erkrankungen auf einer genetischen Veranlagung basiert. Bestimmte Versionen spezieller Erbanlagen werden dabei beispielsweise in Zusammenhang mit Krebserkrankungen, Herzproblemen, Diabetes und vielem mehr gebracht. Im Fall von Michael Snyder ergab der Vergleich seiner Gensequenz mit bekannten Risiko-Versionen von Genen eine Neigung zu Basalzellkarzinomen, hohen Blutfettwerten und zur Entwicklung eines Typ-2-Diabetes. Rund acht Prozent der Bevölkerung sind von dieser häufigsten Form der sogenannten Zuckerkrankheit betroffen, dazu kommt vermutlich eine große Dunkelziffer. Bleibt die Erkrankung unentdeckt, kann es zu Gewebeschäden durch den überhöhten Zuckergehalt des Blutes kommen.
Durch die Ergebnisse der Genanalyse vorgewarnt, ließ Michael Snyder regelmäßig seine Blutzuckerwerte untersuchen. Zu Beginn der Studie waren sie noch normal, dies änderte sich allerdings plötzlich nach einer Grippeinfektion. Die Erkrankung hatte offenbar die Entwicklung des Typ-2-Diabetes in Gang gesetzt. Doch in dem er seine Ernährung änderte, durch Bewegung und leichte Medikamente konnte der Wissenschaftler den Blutzuckerspiegel wieder senken, ohne sich Insulin spritzen zu müssen. Snyder hofft nun, dass ähnlich glimpfliche Abläufe bald zur Regel werden: “In Zukunft sollten Informationen aus Gensequenzierungen ein wichtiger Bestandteil des Gesundheitswesens werden?, sagt der Forscher. Noch sind allerdings Genomsequenzierungen teuer und aufwendig. Es gibt jedoch bereits verschiedene Projekte, die eine günstige Sequenzierung für jeden zum Ziel haben.
Aktive Gene und Eiweiße als Gesundheitsmarker
Die Analyse des genetischen Codes ist den Wissenschaftlern zufolge aber nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer personalisierten Medizin. Akute gesundheitliche Probleme geben sich auch durch die Aktivität bestimmter Gene und dem Profil der gebildeten Eiweiße im Körper eines Menschen zu erkennen. Diese Informationen könnten somit zukünftig ebenfalls der gesundheitlichen Überwachung dienen. Auch diese Parameter haben die Forscher an ihrem Gruppenleiter und gleichzeitigen Probanden Snyder getestet.
Im Studienzeitraum hatte sich Snyder gleich zweimal eine Virusinfektion eingefangen. Die Analysen seiner Blutproben während dieser Erkrankungen spiegelten die Auswirkungen wider, berichtet das Team: Über 4.000 Gene zeigten eine veränderte Aktivität während der Infektionszeit. Snyders Immunsystem bildete außerdem beispielsweise sogenannte pro-inflammatorische Zytokine – Eiweiße, die der Koordination der Körperabwehr dienen. Bei einer der beiden Infektionen offenbarten die Analysen ein erhöhtes Vorkommen eines Proteins, das sich an eine Erkennungsstelle für Insulin anheftet, und auch entsprechende Genaktivitäten. Dies könnte mit der nachfolgenden Entstehung des Typ-2-Diabetes in Zusammenhang gestanden haben, vermuten die Wissenschaftler.
Michael Snyder (Stanford University) et al.: Cell, Doi: 10.1016/j.cell.2012.02.009 © wissenschaft.de ? Martin Vieweg





