Am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie dreht sich alles um den Menschen. Was ist er? Und vor allem: Wie ist er zu dem geworden, was er heute ist?
Forscher sind in der Regel zufriedene Menschen. Sie machen das, was ihnen Spaß bringt und werden dafür auch noch bezahlt. Besonders groß scheint die Arbeitszufriedenheit am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) in Leipzig zu sein. Kein schlechtes Wort über das Institut ist zu hören. „Es gibt einfach nichts zu kritteln”, sagt zum Beispiel die junge Primatologin Julia Ostner, seit drei Jahren am MPI-EVA. Und: „Auf der Welt findet sich kein besserer Platz zum Forschen”, meint der amerikanische Psychologe Brian Hare, der von 2003 bis 2007 in Leipzig forschte und jetzt an der Duke University in Durham (USA) lehrt. Viel Lob auch vom französischen Paläontologen Jean-Jacques Hublin, der 2004 als letzter von fünf Direktoren ins Haus kam. „Es ist ein fantastisches Institut”, sagt er. „Das Beste, was mir in meiner wissenschaftlichen Karriere passieren konnte.”
Zehn Jahre alt wird das Leipziger Institut in diesem Jahr. Feiern will man nicht, obwohl die rund 400 Mitarbeiter Grund hätten, stolz zu sein. Denn das Institut ist unter Wissenschaftlern hoch angesehen und auch in der Öffentlichkeit sehr populär. Anfragen von Medien kommen aus aller Welt. „Rund 2000 Pressekontakte hatten wir 2003″, sagt Forschungskoordinator Jörg Noack. „Seitdem haben wir aufgehört zu zählen.”
SELBST DER NAME WAR UMSTRITTEN
Abzusehen war das alles bei der offiziellen Gründung des Instituts im Oktober 1997 nicht. Das Projekt war, so Noack, „ein Versuchsballon” der Max-Planck-Gesellschaft – und durchaus umstritten. Der Grund: Während des Dritten Reichs hatte die deutsche Anthropologie die nationalsozialistische Rassentheorie übernommen und sich damit völlig diskreditiert. Deshalb stritt man selbst darum, ob das Wort „Anthropologie” überhaupt im Institutsnamen erscheinen sollte. Ein Versuchsballon war das geplante Institut auch aus inhaltlichen Gründen. Wolfgang Klein, Direktor am MPI für Psycholinguistik in Nijmegen (Niederlande), hat in der zwölfköpfigen Gründungskommission mit „viel Begeisterung” mitgearbeitet. Fasziniert hatte ihn die Idee, dass in Leipzig als „weltweit Erstes seiner Art” ein interdisziplinäres anthropologisches Forschungsinstitut entstehen sollte: Auf drei Forschungsgebieten würden Natur- und Geisteswissenschaftler eng zusammenarbeiten: Genetiker, Sprachforscher, Psychologen, Sozialwissenschaftler und Biologen.
Der Schweizer Biologe Christophe Boesch traf als Erster der heute fünf Direktoren in Leipzig ein. Ende 1997 bezog er sein Büro im ehemaligen Gebäude des Reclam-Verlages. Fünf Jahre arbeiteten die Forscher in dem Jugendstilbau im Zentrum Leipzigs, bis sie einen bemerkenswerten Neubau am Deutschen Platz bezogen. Zu Boesch, der die Abteilung für Primatenforschung aufbaute, gesellte sich der amerikanische Psychologe Michael Tomasello, Direktor der Abteilung für Entwicklungs- und vergleichende Psychologie. Beide sollten das Thema „Entwicklung der Kognition” bearbeiten. Boesch konzentriert sich auf Primaten, insbesondere auf Schimpansen. In Tomasellos Abteilung befasst man sich mit den kognitiven Leistungen von Kindern, Schimpansen und Hunden.
EXPERIMENTE IM PONGOLAND
Einzigartige Versuchsmöglichkeiten finden die Psychologen seit sieben Jahren ein paar Straßenbahnstationen vom MPI entfernt im „ Wolfgang-Köhler-Zentrum für Primatenforschung”. Das Zentrum ist nach Wolfgang Köhler (1887–1967) benannt, dem Pionier der experimentellen Verhaltensforschung an Menschenaffen. Es ist Teil des Leipziger Zoos und unter dem Namen „Pongoland” inzwischen ein Publikumsrenner. In großen Freigehegen leben dort die vier großen Menschenaffen Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Die Forscher können sie in mehreren Versuchsräumen testen, während Zoobesucher dabei zusehen.
Christophe Boesch wird man im Pongoland nicht finden. Auch im Institut ist er nicht allzu oft anzutreffen. Der 57-jährige Forscher ist vor allem da, wo die Menschenaffen leben – etwa im Regenwald Westafrikas. Seit fast drei Jahrzehnten beobachtet Boesch Schimpansen in ihren natürlichen Lebensräumen im Tai-Nationalpark (Elfenbeinküste). Ein Foto auf seiner Homepage trifft ihn gut: Da steht er bis über die Knie im Wasser, gestützt auf einen langen Stock, das Hemd halboffen, die Haare nass, abgekämpft. Schimpansen zu studieren, so sagt Boesch, helfe uns zu verstehen, was „typisch menschlich” ist. Seit fünf bis sieben Millionen Jahren gehen Mensch und Schimpanse getrennte Wege.
Fast 99 Prozent des Erbguts haben sie immer noch gemeinsam. Der Mensch hat es „geschafft”: Mit sechs Milliarden Exemplaren bevölkert er heute die Erde. Der Schimpanse war weniger erfolgreich: Vielleicht 100 000 seiner Art leben in den noch verbliebenen Wäldern West- und Zentralafrikas. Nicht nur Menschen, auch Schimpansen haben „Kultur”, deren Techniken sie erlernen. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Boesch’s chen Feldforschung. So verwenden westafrikanische Schimpansen Steine, um Nüsse zu knacken – und das schon seit Jahrtausenden. Bei Ausgrabungen fanden die Forscher vor zwei Jahren entsprechende Steinwerkzeuge. Sie waren 4800 Jahre alt. Auch das Schema „Mann – Jäger, Frau – Sammlerin” findet sich bei Schimpansen, genauso wie beim Menschen.
UNSERE GEFÄHRDETE VERWANDTSCHAFT
Affen leben in einer Vielfalt von Sozialsystemen. Fragen nach dem Paarungsverhalten oder der Art von Kooperation sind deshalb besonders interessant. Die Nachwuchsforschungsgruppe von Julia Ostner etwa beobachtet bei Makakengruppen im Nordosten Thailands eine verblüffende Breite im Sozialverhalten: Sie reicht von autoritärer Herrschaft mit zahlreichen Konflikten bis hin zu einem egalitären, auf Ausgleich bedachten Zusammenleben. Ein Genetik-Labor gehört zur primatologischen Abteilung. Gen-Analysen sind inzwischen unerlässlich, etwa um herauszufinden, wer mit wem in einer Gruppe verwandt ist oder welchen Einfluss Verwandtschaften auf das Verhalten haben. Boeschs Abteilung studiert Schimpansen, Gorillas und Bonobos in sechs afrikanischen Nationalparks. Sorge bereitet dem Direktor, dass die wenigen noch vorhandenen Populationen immer stärker unter Druck geraten. Um sie zu bewahren, hat er die „Wild Chimpanzee Foundation” gegründet. Denn: „Stirbt der Schimpanse aus, verschwindet ein Teil der Geschichte des Menschen.”
Geht man über die Flure des Instituts, hört man schon mal Kinderstimmen und Kinderlachen. Dann ist man bei den Psychologen in Michael Tomasellos Abteilung gelandet. Kinder im Alter von neun Monaten bis vier Jahren sind hier Probanden – und haben offensichtlich Spaß daran. Die Forscher untersuchen ihr sozial-kognitives Verhalten. Damit ist eine breite Palette von geistigen Leistungen im Umgang mit anderen gemeint: Gesten und Absichten des Partners verstehen, nachahmen, zusammenarbeiten, täuschen, sprechen lernen.
SOZIALE INTELLIGENZ
Zum Vergleich mit den Menschenkindern machen die Leipziger Psychologen Verhaltensexperimente mit Hunden und Menschenaffen, auch im direkten Wettbewerb. „Haushunde interessieren uns”, meint Hundeforscher Brian Hare, „weil sie aufgrund bestimmter sozialer Fähigkeiten sehr erfolgreich mit Menschen zusammenleben” (siehe auch den Beitrag „Der Mensch im Hund” in diesem Heft). Die Menschenaffen sind unsere nächsten Verwandten: Ein Blick auf ihr Verhalten erlaubt einen Rückblick auf die Wurzeln des menschlichen Zusammenlebens. Was ist nun die Erklärung für die menschliche Erfolgsgeschichte? Nicht das größere Gehirn mache den Menschen so viel schlauer, meint Tomasello. Es seien seine sozialen Fähigkeiten, seine Kultur: „Menschen sind dazu geschaffen, in einer bestimmten Art von sozialer Umwelt zu leben” , sagt der Psychologe. „Ohne diese würden sie sich weder sozial noch kognitiv normal entwickeln.” Im Laufe der Evolution hat der Mensch gelernt, sich in andere hineinzuversetzen, ihre Gefühlswelt zu verstehen und die eigenen Emotionen mit ihnen zu teilen. Mit dieser ausgeprägten sozialen Intelligenz als wichtigstem Rüstzeug hat der Mensch seine nächsten Verwandten weit hinter sich gelassen. Diese Aussage haben die Leipziger Forscher durch eine Studie untermauert, bei der 105 Kleinkinder im Alter von etwa zwei Jahren gegen 106 Schimpansen und 32 Orang-Utans antraten. Die drei Gruppen mussten die gleichen Aufgaben lösen: Futter aus einem Rohr holen (nachdem der Versuchsleiter vorgemacht hat, wie es geht), verstecktes Futter finden und Futter mit einem Stock angeln. Bei den beiden letzten Aufgaben, in denen es um Knobeln und Probieren geht, waren die Affen besser. Beim Nachahmen hingegen lagen die Kinder klar vorne. Dieses Ergebnis, sind die Leipziger Forscher überzeugt, widerlegt die Annahme, dass der Mensch einfach generell klüger sei. Sein Vorteil sei vielmehr die höhere soziokulturelle Intelligenz. Warum und wann ist sie entstanden? Die weitere Forschung soll diese noch vollkommen offene Frage beantworten.
In der Abteilung Evolutionäre Genetik nimmt man die Menschwerdung auf der molekularen Ebene unter die Lupe. Leiter ist der Schwede Svante Pääbo, der seit Jahren zu den Stars der „ genetischen Archäologie” zählt. 1997 war es dem heute 53-jährigen Forscher, damals noch an der Universität München, als Erstem gelungen, Genmaterial aus Knochen des Neandertalers zu isolieren. Ein Gen-Vergleich zeigte, dass der Neandertaler kein direkter Vorfahre des Menschen, sondern nur ein entfernter Verwandter ist. Die Forschung am Erbgut des Neandertalers hat am MPI immer noch eine große Bedeutung. So haben die Genetiker aus der DNA unseres ausgestorbenen Verwandten entnehmen können, dass es auch Neandertaler mit roten Haaren gab.
DIE GENE, DIE UNS UNTERSCHEIDEN
Außerdem haben sie bei ihm dieselbe Variante des Sprach-Gens FOXP2 entdeckt (siehe bdw 5/2008, „Wie die Sprache auf die Erde kam”), die auch der moderne Mensch besitzt. Die Untersuchung alter DNA ist inzwischen weltweit zu einem heißen Forschungsfeld geworden, betont Michael Hofreiter, der mit seiner Nachwuchsforschungsgruppe auf diesem Gebiet ganz vorne dabei ist. Ermöglicht hat dies der enorme Fortschritt bei DNA-Sequenziertechniken: „Inzwischen verdoppelt sich die Menge der in Datenbanken gespeicherten Sequenzen alle 16 Monate”, sagt Hofreiter. Das schlägt das Moore’sche Gesetz für Computer, wonach sich die Rechnergeschwindigkeit alle 24 Monate verdoppelt. Derzeit nutzen die Leipziger die neuen Techniken, um das gesamte Erbgut des Neandertalers zu entschlüsseln. Im Laufe dieses Jahres wollen sie damit fertig werden. Durch die Genom-Sequenz wird man dann nicht nur mehr über den Neandertaler wissen. „Sie weist auch auf Regionen in unserem eigenen Erbgut hin”, erläutert Pääbo, „ die sich seit der Abspaltung des Neandertalers besonders stark verändert haben.” Derartige Veränderungen können eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Menschen gespielt haben. Solche „ Wendepunkte” zu finden, ist auch Ziel eines weiteren Projektes der Genetiker um Pääbo: Dabei werden die Gene des Menschen mit denen des Schimpansen verglichen. Nicht die gemeinsamen 99 Prozent sind interessant, sondern diejenigen Gene, die sich unterscheiden. Die meisten Unterschiede, so eines der Forschungsergebnisse, finden sich in den für das Gehirn zuständigen Erbgutabschnitten.
Die Geschichte von Genen und Sprachen verläuft parallel: Wenn Menschengruppen wandern, nehmen sie beides mit. Auf diesen Zusammenhang hat schon der renommierte Populationsgenetiker Luca Cavalli-Sforza von der kalifornischen Stanford University hingewiesen. Die Planer des Leipziger Instituts haben deshalb Genetiker und Linguisten unter dem Leitmotiv „genetische und sprachliche Vielfalt” zusammengefasst. Rund 6500 Sprachen gibt es noch auf der Welt. „Nur zehn Prozent davon sind gründlich erforscht, im Wesentlichen die Nationalsprachen”, sagt der britische Linguist Bernard Comrie, Direktor der linguistischen Abteilung des Instituts. Die Leipziger widmen sich deshalb vor allem den kleineren Sprachen, die oft nur von wenigen Hundert oder Tausend Leuten gesprochen werden. Damit bewahren die Forscher auch vom Aussterben bedrohte Idiome.
Im Jahr 2005 veröffentlichten die Leipziger Linguisten den „ Weltatlas der Sprachstrukturen”. Vierzig Autoren haben darin kartografiert, wie sich Sprachen nach bestimmten Merkmalen auf der Erde verteilen. Martin Haspelmath, Initiator und federführend bei der Erstellung des Atlas, bescheinigt dem Werk eine „ durchschlagende Wirkung auf die vergleichende Sprachwissenschaft” . Die Forschung verfüge jetzt über eine Datenbasis, auf der sich fundiert diskutieren lasse. Derzeit ist ein weiteres Monumentalwerk in Arbeit: ein vergleichendes elektronisches Wörterbuch für Tausende von Sprachen, auf das man im Internet zugreifen kann.
DIE NEUEN JUNGGRAMMATIKER
Schon einmal war Leipzig eine wichtige Adresse für Sprachforscher. Im ausgehenden 19. Jahrhundert machten die Leipziger „Junggrammatiker” Front gegen eine Linguistik, die sich nur mit Griechisch, Latein und Minnesang befasste. „Zu den Sprechern gehen, die psychologischen und gesellschaftlichen Bedingungen von Sprache untersuchen – das war das Postulat der Leipziger Schule”, sagt Haspelmath. Diese Richtung schlagen auch die heutigen Leipziger Sprachforscher ein. Derzeit untersuchen sie weltweit über 30 Sprachen – vor Ort und an „wirklichen Menschen”. In der indonesischen Hauptstadt Djakarta unterhalten sie seit acht Jahren eine Außenstation. Von ursprünglich drei Leuten hat sich die „Jakarta Field Station” inzwischen auf etwa zwanzig Mitarbeiter vergrößert, zwei Drittel davon Indonesier. Für Sprachforscher sind die indonesischen Inseln ein Paradies: Rund 800 Sprachen existieren dort nebeneinander. Die Forscher zeichnen Sprachen und Dialekte auf und untersuchen Entwicklung und Wandel: Wie verändern sich Sprachen, die miteinander in Kontakt stehen? Nach welchen Prinzipien werden Lehnwörter übernommen? Wie setzen sich Fremdwörter durch? Herausfinden will man, wie sich Sprachen unterscheiden und wo sie sich gleichen. Irgendwann soll daraus ein Stammbaum entstehen, der von den vorhandenen Sprachen und Dialekten zur Ursprache des Menschen führt.
Die Abteilung für Humanevolution ist der Nachzügler des Instituts. Sie entstand 2004 und wird vom französischen Paläontologen Jean-Jacques Hublin geleitet, der zuvor an der Universität Bordeaux geforscht hat. Der dienstjüngste Direktor des Instituts freut sich immer noch über die „unglaubliche Möglichkeit”, die sich ihm vor vier Jahren bot: „Mal ehrlich”, sagt er, „wann erhält man auf meinem Forschungsgebiet schon das Angebot, eine Abteilung mit 60 Leuten von Grund auf neu aufzubauen?” Die Forschungsziele hat er formuliert, alle Leute selbst ausgesucht. „Wenn es schief geht”, sagt er, „ist es allein meine Schuld.” Aber es geht nicht schief. Bernard Wood etwa, renommierter Fachkollege von der amerikanischen George Washington University, ist voll des Lobes. „Obwohl die Abteilung für Humanevolution erst seit kurzer Zeit existiert”, so sagt er, „hat sie bereits einen außerordentlichen Einfluss auf die Paläoanthropologie.” Die Disziplin der Paläoanthropologen befasst sich mit dem Ursprung, der Geschichte und der Entwicklung des Menschen.
KNOCHEN WERDEN VIRTUELL
Ihr Forschungsgegenstand sind die wenigen Knochen, die von vielen Generationen verstorbener Menschen geblieben sind. Früher vermaß und beschrieb man diese fossilen Überbleibsel, zeichnete oder fotografierte sie. Meist verstaubten sie dann in Schubladen oder Museumsschränken. Die Zeiten sind vorbei. Am MPI rückt man den Fossilfunden mit biochemischen Methoden, DNA-Sequenziermaschinen und Computertechnik zu Leibe. Die Forscher untersuchen alte DNA und alte Proteine und extrahieren Isotope. Isotope aus Kollagen zum Beispiel sagen etwas über die Ernährung der Frühmenschen aus. Pionierarbeit leistet Hublins Abteilung auf einem neuen spektakulären Forschungsgebiet namens „ virtuelle Paläoanthropologie”. Hier arbeitet man nicht mit den Fossilien selbst, sondern mit deren dreidimensionalen Abbildern, die man mittels Mikro-Computertomographie (Mikro-CT) erhält. bild der wissenschaft wird demnächst detailliert darüber berichten. In 15 Jahren, so schätzt Hublin, werden Wissenschaftler nur noch mit virtuellen Fundstücken arbeiten.
Die Bilanz des MPI-EVA nach zehn Jahren kann sich sehen lassen. „Es ist ein sehr erfolgreiches Institut”, urteilt Wolfgang Klein über die Einrichtung, an deren Planung er mitgearbeitet hat, „und mit seiner Breite an Forschungsthemen ist es weltweit einzigartig.” In der Tat: Die globale Forschergemeinde schätzt das Institut. Und mehr als die Hälfte der Wissenschaftler kommt aus dem Ausland. Doch wie steht es mit der interdisziplinären Ausrichtung des Instituts, einem der Eckpfeiler des ursprünglichen Konzepts? Da sind die Meinungen geteilt. Forschungskoordinator Noack lobt die „abteilungs- und gruppenübergreifende Zusammenarbeit”. Die Direktoren reden miteinander, tauschen Ideen aus, sagt Hublin. Dagegen meint Wolfgang Klein, dass sich die Zusammenarbeit einzelner Forscherpaare „nicht so hat realisieren lassen, wie wir es geplant hatten”. Statt Plänen scheinen die kommunikativen Bahnen eher Zufällen zu folgen oder Sympathien.
DER RUF NACH SYNTHESE
Brian Hare war in seinen Leipziger Jahren sehr angetan von der „herzlichen wissenschaftlichen Gemeinschaft” im Institut. Der Psychologe freute sich darüber, dass bei den Vorträgen seiner Abteilung stets Genetiker dabei waren und dass man auf individueller Ebene gut zusammenarbeitete. Und wie Hare schwärmen viele Kollegen von der „coolen Cafeteria”, in der es nicht nur gutes Essen gibt, sondern auch viele fachübergreifende Gespräche. Wolfgang Klein kann verstehen, warum eine tiefer gehende Zusammenarbeit nicht einfach ist: „Dagegen stehen methodische Unterschiede und der wahnsinnige Wettbewerbsdruck der Wissenschaftler.” Comrie, der Linguist, müsse zuallererst für seine Fachgemeinschaft etwas leisten, ebenso der Genetiker Pääbo. Alles andere sei Hobby. Es geht aber auch anders: „Was Brigitte Pakendorf macht, ist Klasse”, lobt Sprachforscher Martin Haspelmath seine Kollegin. Pakendorf hat in Biologie und in Linguistik promoviert, leitet eine Nachwuchsforschungsgruppe und arbeitet tatsächlich interdisziplinär. Ihr Team besteht aus Wissenschaftlern und Doktoranden beider Fachrichtungen, ist offiziell bei den Linguisten eingebunden und hat bei den Genetikern einige Laborplätze. Die Gruppe untersucht unter anderem, wie sich die kleine Volksgruppe der Ewenen im eisigen Nordosten Sibiriens mit benachbarten Stämmen vermischt hat. „Wir erfassen zunächst, wie sich die Sprache des kleinen Volkes unter dem Einfluss der Nachbarn verändert hat”, erklärt die Jungforscherin. Durch Genanalysen überprüft man dann, wie die Ewenen mit ihren Nachbarn verschmolzen sind.
Zusammenarbeit lässt sich nicht erzwingen. Aber fördern könne man sie schon, meint Haspelmath: Anreize bieten, etwa mehr Doktorandenstellen für interdisziplinäre Projekte. Regelmäßige Treffen mit den Kollegen aus der Genetik. Mehr gemeinsame Publikationen und Symposien. Noch forscht jede Abteilung im Großen und Ganzen für sich. Dabei rufen die verschiedenen Forschungsstränge, die alle die Menschwerdung zum Thema haben, geradezu nach Synthese, zum ganzheitlichen Menschenbild. Vielleicht entwickelt es sich von selbst dahin. Aber vielleicht lässt sich das Zusammenwachsen auch beschleunigen. ■
HEINZ HOREIS hat schon etliche Forschungsinstitute porträtiert. In bdw 4/2007 beschrieb er „Garching – das Zentrum des Universums”.
von Heinz Horeis
Mehr zum Thema
INTERNET
Homepage der Max-Planck-Gesellschaft: www.mpg.de
Homepage des MPI-EVA: www.eva.mpg.de
Wolfgang-Köhler-Primatenforschungszentrum: wkprc.eva.mpg.de
Leipziger Zoo mit Pongoland: www.zoo-leipzig.de
Wild Chimpanzee Foundation: www.wildchimps.org
Von Linguisten für Linguisten: www.glottopedia.org
LESEN
Michael Tomasello DIE KULTURELLE ENTWICKLUNG DES MENSCHLICHEN DENKENS Zur Evolution der Kognition Suhrkamp, Frankfurt 2006, € 12,–
HÖREN
Klaus Wilhelm DIE BERGGORILLAS VON BWINDI SWR2 Wissen (14.4.2008), als Podcast hier aus dem Internet abrufbar: mp3.swr.de/swr2/wissen/podcast/swr2_wissen_080414_die_berggorillas _von_bwindi.6444m.mp3
Kompakt
· Das Leitmotiv der Forschung am MPI-EVA lautet: Was macht die Einzigartigkeit des Menschen aus?
· Genetiker und Sprachforscher, Biologen, Psychologen und Paläontologen arbeiten unter einem Dach.
· Mit Biochemie, DNA-Analyse und Computertechnik stoßen die Forscher zu den Anfängen der menschlichen Evolution vor.




