Wie verändert sich das Hochwasserrisiko?
Doch ob dies ausreicht und wer in welchem Maße nachbessern muss, um künftige Überschwemmungen zu verhindern, war bisher nur in Teilen bekannt. Willner und seine Kollegen haben nun erstmals bis auf die Ebene einzelner Städte und Regionen hinein ermittelt, wo wieviel getan werden muss, um den Hochwasserschutz zumindest auf dem heutigen Niveau zu halten. Dafür kombinierten sie Daten zum Hochwasserschutz mit zehn hydrologischen und fünf klimatischen Modellen und simulierten, wie sich die maximalen Pegel der Flüsse zwischen 1971 und 2044 entwickelt haben beziehungsweise noch entwickeln werden. Weil das Klimasystem träge reagiert, wird die Entwicklung bis in die 2040er Jahre hinein größtenteils von den Emissionen geprägt, die die Menschheit bereits freigesetzt hat. “Das ermöglicht es uns, die Veränderungen des Überschwemmungsrisikos in den nächsten 25 Jahren unabhängig von möglichen Klimaschutztrends zu berechnen”, erklären die Forscher.
Das Ergebnis: “Wir waren überrascht, dass selbst in Industrieländern mit guter Infrastruktur noch große Anpassungen nötig sind”, berichtet Koautor Anders Levermann vom PIK. Den Prognosen nach wird sich das Hochwasserrisiko vor allem in Nordamerika, dem Norden Europas und dem Nordosten Asiens in den nächsten Jahrzehnten stark erhöhen. Ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen wie verstärkte und erhöhte Deiche, strengere Bauvorschriften und ein verbessertes Flussmanagement könnten in diesen Regionen künftig zehn Prozent mehr Menschen von Überschwemmungen betroffen sein, wie die Forscher ermittelten. In Nordamerika wären es statt heute 100.000 dann bereits eine Million. In Deutschland könnte die Zahl der potenziell Betroffenen um das Siebenfache steigen – von 100.000 auf 700.000, so die Prognose.
Auch Deutschland muss aufstocken
Das bedeutet: In diesen Regionen muss der Hochwasserschutz weiter verbessert werden – selbst wenn er bereits heute relativ gut ist. “Unser Maßstab dabei ist, dass Menschen das Schutzniveau, das sie heute haben, auch in Zukunft behalten wollen”, erklärt Levermann. “Sie wollen nicht, dass die Lage schlimmer wird.” Um dies zu gewährleisten, muss rechtzeitig aufgerüstet werden: Maßnahmen, die heute gegen alle 20 Jahre auftretende Pegelstände schützen, müssen beispielsweise so angepasst werden, dass sie auch “Jahrhunderthochwassern” standhalten – denn diese werden dank des Klimawandels bald deutlich häufiger auftreten.
Konkret ermittelten die Forscher, dass Norddeutschland seinen Hochwasserschutz um eine bis drei Stufen erhöhen muss, in Frankreich müssen die Gebiete entlang der Rhone, Loire und Seine um mindestens eine Stufe aufstocken. In den USA werden 42 der 50 Bundesstaaten vermehrte Überschwemmungen erleben, wenn sie nicht ebenfalls zwischen einer und drei Stufen aufrüsten, so die Prognose. In Asien trifft es die Regionen besonders, die schon heute unter ständigen Hochwassern leiden: In Pakistan, Indien und Teilen Chinas werden gut 80 Millionen Menschen zusätzlich von Überschwemmungen betroffen sein, wie die Wissenschaftler ermittelten. Will man dies verhindern, muss der dort oft nur sehr rudimentäre Hochwasserschutz erheblich verbessert werden.





