natur: Herr Notz, wie war der Sommer in der Arktis?
Notz: Auf jeden Fall extrem. Das Grönlandeis ist stark geschmolzen, aber vor allem ist das Meereis so stark zurückgegangen wie seit mehr als tausend Jahren nicht mehr. Im aktuellen Bericht des Weltklimarats wurde der Zustand, den wir jetzt sehen, erst für 2070 vorhergesagt. Die Eisschmelze geht alarmierend schnell voran.
Wie werden denn die Eismengen ermittelt?
Man misst in der Regel die Eisbedeckung nicht direkt, sondern indirekt über die Oberflächentemperatur. Grob vereinfacht heißt das: Je kälter die Oberfläche, desto mehr Eis ist da. Natürlich gibt es leichte Abweichungen in den Ergebnissen der einzelnen Forschergruppen. Aber alle sind sich einig, dass die Fläche abnimmt. Indirekte Abschätzungen der früheren Eisausdehnung haben ergeben, dass wir seit mindestens 1500 Jahren nicht mehr so wenig Eis in der Arktis hatten wie heute. Wie es vorher genau aussah, wissen wir nicht.
Und wie sah die Arktis im 20. Jahrhundert aus?
Damals war im Sommer üblicherweise fast der ganze Ozean zwischen Sibirien, Spitzbergen, Grönland, Nordkanada und Alaska von Eis bedeckt, rund sieben Millionen Quadratkilometer. Das Eis wuchs über mehrere Jahre bis auf drei, vier Meter Dicke an, trieb irgendwann in die Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen und schmolz dann im Atlantik ab. Heute ist so eine Formation selten geworden. Der größte Teil des heutigen Meereises wurde erst im vergangenen Winter gebildet und ist deswegen nur zwischen einem und eineinhalb Meter dick. Auch das Volumen des Eises hat um drei Viertel abgenommen. In den 70er Jahren waren es noch 18 000 Kubikkilometer, heute sind es nurmehr 4000. Auf so dünnem Eis kann man keine Forschungsstation mehr aufstellen.
Seit wann geht das Eis zurück?
Schwer zu sagen. Die Eisausdehnung unterliegt ohnehin großen natürlichen Schwankungen. Aber seit mindestens zehn Jahren lässt sich der Schwund nicht mehr natürlich erklären.
Die plausibelste Ursache ist der menschengemachte Klimawandel.
Ist der Zustand irreparabel?
Meereis kann im Prinzip sehr schnell reagieren. Damit es sich erholt, müssten wir es schaffen, den derzeitigen Stand der Klimaerwärmung wenigstens zu halten.
Gibt es denn ein Minimum, eine Fläche, die das Eis immer bedecken wird?
Im Prinzip kann die Arktis irgendwann auch komplett eisfrei sein. Alle, die sich mit dem Klimawandel und dem Eisrückgang beschäftigen, richten ihr Augenmerk aber auf zwei Geschehnisse: Einmal den Sommer, in dem die Arktis frei von Meereis sein wird. Wobei frei in dem Fall bedeutet, die Fläche beträgt weniger als eine Million Quadratkilometer, und heute sind es noch vier. Das zweite Augenmerk gilt dem Zeitpunkt, wenn sich im Winter kein neues Eis bildet.





