Lecks, Havarien oder Versenkung im Meer – geraten Bohrinseln in die Schlagzeilen, geht es meist um Gefahren für die Umwelt. Jetzt richtet sich erstmals das Interesse von Chemikern und Pharmazeuten auf die bis zu zehn Stockwerke hohen Stahlkolosse. Die Forscher interessiert die Chemie der exotischen Lebensgemeinschaften der Plattformen. In Schwämmen, Seegurken oder Muscheln hoffen sie Wirkstoffe gegen Erkrankungen von Kopfschmerz bis Krebs zu finden, wie ABC News berichtete.
Was macht gerade diese festsitzenden Organismen für die Wissenschaftler so interessant? Steve Gaines, Direktor des Instituts für Meeresforschung der Universität von Santa Barbara erklärt:” Da sich diese Lebewesen nicht durch Flucht vor Feinden schützen können, müssen sie sich mit einer Reihe chemischer Waffen gegen Räuber zur Wehr setzen.”
Normalerweise entwickeln sich die festsitzenden Lebensgemeinschaft auf harten Oberflächen im Küstenbereich, vor allem auf Riffen. Hier wachsen sie in Ritzen und Spalten. Selbst beim Sammeln kleinerer Mengen von Organismen für die Untersuchung der Inhaltsstoffe war es meist notwendig, größere Teile eines Riffes zu zerstören. An den Ölinseln hingegen bevölkern sie massenhaft und freizugänglich die gigantischen Stahlrohrbeine. Die Ölfirmen lassen die Tiere von Tauchern regelmäßig entfernen, da sie die Zug- und Druckkräfte der Strömung auf die Säulen erhöhen. Gaines und seine Kollegen haben mit den Firmen deshalb eine Vereinbarung getroffen: Bevor Taucher mit den Reinigungsarbeiten beginnen, dürfen die Wissenschaftler ihre Proben nehmen, ohne dafür natürliche Riffe beschädigen zu müssen.
500.000 Dollar stellt das US-Innenministerium den Forschern zur Verfügung. Dabei ist völlig offen, ob am Ende wirklich neue Pharma-Produkte entdeckt werden. Die Arbeit der Wissenschaftler gleicht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Sie zerkleinern und extrahieren unzählige Proben, bereiten sie auf und trennen verschiedene chemische Substanzklassen voneinander. Dann folgt eine Vielzahl von Tests, um zu sehen, was erfolgversprechend sein könnte. Findet sich schließlich eine neue interessante Substanz, geht für die Pharma-Industrie das Puzzle-Spiel erst richtig los. Dann wird an der chemischen Zusammensetzung gearbeitet, um zu einem Produkt für die Anwendung beim Menschen zu kommen.
Trotz des ungewissen Ausgangs ist Gaines optimistisch. “Wenn man sich die Vielzahl der pharmazeutischen Produkte ansieht, dann sind die meisten Wirkstoffe von Pflanzen oder Tieren abgekupfert” so Gaines. “Nie haben sich die Forscher hingesetzt und gesagt: O.K. lasst uns mal diesen Wirkstoff erfinden. Meistens stammt der Ausgangsstoff von einer Pflanze oder einem Tier und dann verändert man einzelne Eigenschaften des Moleküls.” Im letzten Schritt ändern die Chemiker die Struktur des Moleküls nur noch geringfügig und beobachten, zu welchen Verbesserungen diese Veränderungen führen.
Ingo Ensminger





