Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen gehören zum Standard – doch manche Tiere besitzen noch eine weitere Wahrnehmungsfähigkeit, wie viele Studien gezeigt haben: Einige Vogelarten, Fische, Schildkröten und auch Säugetiere wie Delfine, Wale oder Fledermäuse besitzen bei großräumigen Bewegungen ein Orientierungsvermögen, das offenbar nicht auf den klassischen fünf Sinnen beruht. Man geht mittlerweile davon aus, dass sie in der Lage sind, Magnetfelder wahrzunehmen und als Navigationshilfen zu nutzen. Experimente lassen bereits vermuten, dass diese Fähigkeit auf Eisenoxid-Partikeln in bestimmten Körperzellen beruht, die als „mikroskopische Kompassnadeln“ fungieren. Vor allem bei den Säugetieren mit sechstem Sinn ist allerdings unklar, wo diese richtungsweisenden Zellen sitzen könnten.
Wo sitzt der Kompass?
Bisher gab es nur Hinweise darauf, dass Graumulle durch Sinnesrezeptoren in ihren verkümmerten Augen Magnetfelder wahrnehmen können, um sich in ihren verzweigten Tunnelsystemen zurechtzufinden. Im Rahmen ihrer Studie sind nun die Forscher um Oliver Lindecke vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin der Frage nachgegangen, ob auch bei Säugetieren mit einem weiträumigen Zugverhalten der Magnetsinn im Auge sitzen könnte. Im Fokus standen dabei die in Europa beheimateten Rauhautfledermäuse (Pipistrellus nathusii), die, ähnlich wie einige Vogelarten, von ihren Sommerquartieren in Nord- und Osteuropa für den Winter in Bereiche mit mildem Klima ziehen.
Für die Studie fingen die Wissenschaftler nachts einige Rauhautfledermäuse an der Ostseeküste ein, die sich auf ihrem spätsommerlichen Zug in den Süden befanden. Einem Teil der Tiere verabreichten sie einen Tropfen Oxybuprocain in die Augen. Dabei handelt es sich um ein nur kurz wirksames Betäubungsmittel, das in der menschlichen Augenheilkunde bei diagnostischen und chirurgischen Verfahren verwendet wird. Es betäubt dabei Nerven in der Hornhaut (Cornea). Das Sehvermögen wird allerdings nicht beeinträchtigt, wie die Wissenschaftler im Rahmen ihrer Studie auch im Fall der Fledermäuse durch Versuche nachgewiesen haben. Dadurch konnten sie ausschließen, dass die beobachteten Effekte auf einer Beeinträchtigung des Sehsinns beruht, den Fledermäuse neben ihrem Echoortungssystem ebenfalls noch manchmal zur Orientierung nutzen.
Bei einer Gruppe der Fledermäuse behandelten die Wissenschaftler beide Augen, bei einer zweiten wurde hingegen nur die Hornhaut eines Auges betäubt. Als Kontrollgruppe fungierten Fledermäuse, denen nur eine wirkungslose Kochsalzlösung als Augentropfen verabreicht wurde. Anschließend ließen die Forscher die Tiere in elf Kilometer Entfernung vom Fangplatz auf einem freien Feld wieder einzeln frei. Dabei erfassten sie, in welche Richtungen die Tiere in die Dunkelheit davonflogen.





