Auf der Erde sterben immer mehr Tier- und Pflanzenarten aus. Gründe dafür sind vor allem der Klimawandel und das Zerstören der Lebensräume durch den Menschen, zum Beispiel durch Jagd oder Abholzung. Davon sind längst auch die Primaten betroffen – die Tiergruppe, zu der auch wir Menschen gehören. Neben uns und unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, gehören auch Lemuren, Loris, Makis und Affen dazu. Um auf die Gefährdung dieser Tiergruppe aufmerksam zu machen, veröffentlicht eine Expertengruppe aus Mitgliedern der Internationalen Naturschutzunion (IUCN), von Conservation International (CI) sowie der Internationalen Primatologischen Gesellschaft (IPS) alle zwei Jahre eine Liste mit den am stärksten bedrohten Primatenarten.
Die meisten bedrohten Arten leben in Asien
Mit der Liste wollen die Primatenforscher auf den notwendigen Schutz der aufgelisteten Primaten aufmerksam machen. „Jede Primatenart, die wir verlieren, bedeutet nicht nur einen unwiederbringlichen Verlust für die Natur, sondern auch für uns Menschen“, sagt Roos. „Denn Primaten sind nicht nur faszinierende Tiere – sie sind auch Schlüsselarten unserer Ökosysteme.“ Stirbt eine sogenannte Schlüsselart aus, ist keine andere Art in der Lage, ihre ökologische Nische zu besetzen, und das entsprechende Ökosystem verändert sich stark. Dann könnten auch andere von ihr abhängige Arten aussterben.
Die jetzt veröffentliche aktuelle Liste zeigt: Von den 25 zurzeit als besonders bedroht eingestuften Primatenarten stammen neun aus Asien, sechs aus Afrika, sechs aus der Neuen Welt und vier aus Madagaskar. „Die Situation ist dramatisch“, sagt Christian Roos vom Deutschen Primatenzentrum. „Wenn wir nicht jetzt handeln, werden wir einige dieser Arten für immer verlieren. Aber es gibt Hoffnung – wenn Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gemeinsam aktiv werden.“ Vor allem Zerstörung der Lebensräume, Jagd, Klimawandel und illegaler Handel mit den Affen stellen die größte Bedrohung für sie dar.
Tapanuli-Orang-Utan am stärksten betroffen
Eine der neun für Asien aufgelisteten Primatenarten gilt als am weltweit stärksten bedrohter Primat. Der Tapanuli-Orang-Utan (Pongo tapanuliensis) lebt auf der Insel Sumatra und wurde erst 2017 von Forschenden des Deutschen Primatenzentrums entdeckt. Nicht nur seine Schädelform und sein Gebiss unterscheiden diese Menschenaffenart von anderen Orang-Utans – auch seine Gene sind anders. Heute könnten auf Sumatra nur noch etwa 767 dieser Primaten leben, schätzen Serge Wich von der Liverpool John Moores University und sein Team.
„Aufgrund der starken Umwandlung und Fragmentierung von Lebensräumen sowie der illegalen Jagd und Wilderei hat der Tapanuli-Orang-Utan in den letzten 150 Jahren einen starken Bestandsrückgang erlitten“, erklären die Forschenden. Ihren Analysen zufolge umfasst das heutige Verbreitungsgebiet dieser Orang-Utan-Spezies nur noch 2,5 Prozent der Fläche ihres Verbreitungsgebiets Ende des 19. Jahrhunderts. Zudem pflanzen sich die Tapanuli-Orang-Utans vergleichsweise langsam fort: Weibchen bekommen nach ihrem ersten Nachwuchs erst nach etwa acht Jahren ein weiteres Junges. Zurzeit bedrohen zudem Bergbauarbeiten einer Gold- und Silbermine das verbleibende Verbreitungsgebiet des Primaten. Außerdem könnte ein Staudamm den Lebensraum des Affen weiter fragmentieren.






