“Linden werden schon seit dem Mittelalter in Europa angepflanzt – auch als Nektarlieferanten für Honigbienen”, berichten Hauke Koch von den Royal Botanic Gardens in Kew und Philip Stevenson von der University of Greenwich. Denn die Lindenbäume produzieren reichlich Nektar. Umgekehrt aber gibt es seit dem 16. Jahrhundert auch immer wieder Berichte über tote Bienen unter diesen Bäumen. “Immer wieder werden unter blühenden Linden tausende toter Bienen gefunden”, so die Forscher. Besonders häufig sind solche Massensterben bei der aus Südosteuropa stammenden Silberlinde (Tilia tomentosa). Wegen ihrer dekorativen silbrig-grauen Blattunterseite und ihrer Robustheit gehört sie heute zu den am häufigsten gepflanzten Straßenbäumen in ganz Europa und Nordamerika. Doch gerade unter diesen Bäumen werden bis heute immer wieder massenhaft tote Bienen und Hummeln gefunden – auch in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien. “Nach wie vor aber herrschen Verwirrung und Ungewissheit, wenn es um die Ursachen dieses Bienensterbens geht”, erklären Koch und Stevenson.
Giftiger Nektar oder Spritzmittel?
Einer Hypothese nach soll der Nektar der Silberlinden schuld sein. Einige Forscher vermuteten, dass der Lindennektar besonders viel von dem Einfachzucker Mannose enthält und dass die Bienen diesen nicht richtig verstoffwechseln können. Als Folge bildet sich ein Abbauprodukt, das Mannose-6-Phosphat, das sich anreichert und die energieliefernden ATP-Moleküle in den Zellen der Insekten zerstört – so die Hypothese. Tatsächlich schien eine frühe Studie dies sogar zu belegen, denn in einem Fraßversuch mit acht Hummeln erwiesen sich Mannose-haltige Nektare als ungeeignet – die Hummeln verhungerten sozusagen vor vollen Tellern. Inzwischen allerdings wurde der Lindennektar mit modernen chemischen Analysemethoden untersucht und es stellte sich heraus: Weder die Silberlinden noch andere Lindenarten produzieren Mannose. “Nur die nichtgiftigen Zucker Saccharose, Glucose und Fructose wurden nachgewiesen”, berichten Koch und Stevenson. Und auch im Verdauungstrakt von 80 sterbenden Hummeln unter Silberlinden konnte keine Mannose nachgewiesen werden. Die Vergiftung der Bienen durch den Lindennektar sei demnach ein Mythos – auch wenn diese Hypothese weiterhin zitiert werde, betonen die Wissenschaftler.
Eine weitere Möglichkeit wären Insektizide, denn viele Lindenbäume werden gegen Blattläuse gespritzt. Tatsächlich berichten Koch und Stevenson über einen spektakulären Fall, bei dem 50.000 Hummeln tot unter Lindenbäumen in Wilsonville im US-Bundesstaat Colorado gefunden wurden. Wenig später stellte sich heraus, dass die Kommune kurz zuvor das Neonicotinoid Dinotefuran gespritzt hatte. Dieses Pestizid gilt als neurotoxisch für Hummeln und Bienen und wurde daher als Todesursache angenommen. Allerdings: “Bienensterben unter Linden gab es schon lange vor der Einführung der Neonicotinoid-Insektizide in den 1990er Jahren”, sagen die Forscher. “Sie können dieses Phänomen daher nicht generell erklären, auch wenn sie für einzelne Fälle verantwortlich sind.”





