Giftiger Nektar oder Spritzmittel?
Einer Hypothese nach soll der Nektar der Silberlinden schuld sein. Einige Forscher vermuteten, dass der Lindennektar besonders viel von dem Einfachzucker Mannose enthält und dass die Bienen diesen nicht richtig verstoffwechseln können. Als Folge bildet sich ein Abbauprodukt, das Mannose-6-Phosphat, das sich anreichert und die energieliefernden ATP-Moleküle in den Zellen der Insekten zerstört – so die Hypothese. Tatsächlich schien eine frühe Studie dies sogar zu belegen, denn in einem Fraßversuch mit acht Hummeln erwiesen sich Mannose-haltige Nektare als ungeeignet – die Hummeln verhungerten sozusagen vor vollen Tellern. Inzwischen allerdings wurde der Lindennektar mit modernen chemischen Analysemethoden untersucht und es stellte sich heraus: Weder die Silberlinden noch andere Lindenarten produzieren Mannose. “Nur die nichtgiftigen Zucker Saccharose, Glucose und Fructose wurden nachgewiesen”, berichten Koch und Stevenson. Und auch im Verdauungstrakt von 80 sterbenden Hummeln unter Silberlinden konnte keine Mannose nachgewiesen werden. Die Vergiftung der Bienen durch den Lindennektar sei demnach ein Mythos – auch wenn diese Hypothese weiterhin zitiert werde, betonen die Wissenschaftler.
Eine weitere Möglichkeit wären Insektizide, denn viele Lindenbäume werden gegen Blattläuse gespritzt. Tatsächlich berichten Koch und Stevenson über einen spektakulären Fall, bei dem 50.000 Hummeln tot unter Lindenbäumen in Wilsonville im US-Bundesstaat Colorado gefunden wurden. Wenig später stellte sich heraus, dass die Kommune kurz zuvor das Neonicotinoid Dinotefuran gespritzt hatte. Dieses Pestizid gilt als neurotoxisch für Hummeln und Bienen und wurde daher als Todesursache angenommen. Allerdings: “Bienensterben unter Linden gab es schon lange vor der Einführung der Neonicotinoid-Insektizide in den 1990er Jahren”, sagen die Forscher. “Sie können dieses Phänomen daher nicht generell erklären, auch wenn sie für einzelne Fälle verantwortlich sind.”
In den Hungertod gelockt?
Was aber ist dann schuld am Tod der Hummeln und Bienen? Einer weiteren Hypothese nach könnte die späte Blüte der Linden eine Rolle spielen: “Die Silberlinde blüht später als andere Lindenarten, in Europa meist zwischen Mitte Juli und Anfang August”, erklären die Forscher. Zu dieser Zeit aber haben viele Hummelarten bereits das Ende ihres Kolonie-Lebenszyklus erreicht. Es könnte daher sein, dass die blühenden Bäume viele sehr alte Bienen anziehen, die dann dort eines natürlichen Todes sterben, beispielweise an Altersschwäche. Doch auch diese Vermutung erweis sich bei näherer Untersuchung als nicht haltbar: “Die große Mehrheit der toten Insekten gehörte zu jüngeren Altersklassen und auch viele junge Königinnen waren darunter”, berichten Koch und Stevenson. “Das schließt das Alter als Todesursache aus.”





