Madagaskar gilt unter Anthropologen als besonders rätselhaft: Obwohl diese Insel relativ nah vor der Küste Ostafrikas liegt, breitete sich der Mensch erst sehr spät auf ihr aus. Archäologischen Hinweisen zufolge könnten zwar schon früher kleinere Menschengruppen auf Madagaskar gelebt haben, doch deutlichere Spuren stammen dann erst aus der Zeit von vor rund 2000 Jahren. Besonders überraschend erscheint: Die heutigen Bewohner der Insel sprechen trotz der Nähe zu Ostafrika eine deutlich asiatisch geprägte Sprache. Linguistische, genetische und archäologische Hinweise belegen mittlerweile, dass die heutige Bevölkerung maßgeblich auf zwei Gruppen zurückzuführen ist: eine austronesischsprachige aus Asien und eine bantusprachige aus Afrika. Was sich allerdings genau abgespielt haben könnte, blieb bisher unklar.
Fragender Blick auf Bevölkerungsgeschichte und Megafauna
Neben der weiteren Erforschung der Besiedlungsgeschichte stand im Fokus der Studie des internationalen Teams um Alva Omar von der Universität Toulouse auch die mögliche Verknüpfung mit den Verlusten in der Tierwelt der Insel. Madagaskar gilt zwar immer noch als ein Ort einzigartiger biologischer Vielfalt, doch einst war sie um große Arten reicher: In den letzten Jahrtausenden sind alle Tiere mit über zehn Kilogramm Gewicht verschwunden – darunter herausragende Arten wie Riesenlemuren, Schildkröten, spezielle Flusspferde und die gigantischen Elefantenvögel. Klimatische Veränderungen, aber auch der Einfluss des Menschen werden damit bereits in Verbindung gebracht. Doch auch bei dieser Entwicklung erscheinen die Abläufe unklar.
Um mehr über die Geschichte der madagassischen Bevölkerung zu erfahren, haben die Wissenschaftler genetische Daten ausgewertet, die im Rahmen des Projekts „Madagascar Genetic and Ethnolinguistic“ gesammelt wurden. Ihr Fokus lag dabei auf bestimmten Segmenten der menschlichen Chromosomen, die Rückschlüsse auf Ursprünge und Entwicklungsprozesse in der Bevölkerungsgeschichte ermöglichen können. Die Ergebnisse wurden dabei auch mit lokalen Abstammungsinformationen verknüpft und außerdem führten die Forscher Computersimulationen durch, um zu beleuchten, auf welchen Prozessen die genetischen Hinweise basieren könnten.
Bevölkerungswachstum nach Vermischung
Wie die Forscher berichten, bestätigten die Ergebnisse, dass die Geschichte der Madagassen maßgeblich auf die Mischung einer asiatischen und einer afrikanischen Gruppe zurückzuführen ist, wobei die asiatische die ursprünglichere bildete. Im Detail legten bestimmte Spuren im Erbgut dabei nun nahe, dass die asiatische Urbevölkerung Madagaskars mehr als 1000 Jahre lang isoliert gelebt hat. Den genetischen Spuren zufolge muss es sich um eine überraschend kleine Gruppe gehandelt haben: Das Team vermutet nur wenige hundert Individuen.





