Zum Verrücktwerden! Seit zwei Tagen kriechen wir nun schon durch den Busch, um eine Gruppe von Schimpansen zu finden. Aber nichts. Alle Tiere scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Unser Führer schüttelt den Kopf: „Das wird nichts mehr.“ Frustriert machen wir uns auf den Weg zurück in unser Camp im Gombe-Nationalpark in Tansania.
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Doch dann, kurz bevor die Sonne untergeht, fasst er mich am Arm. „Kusimama.“ – Stopp! auf Suaheli – raunt er mir zu und deutet auf eine Baumgruppe, vielleicht 150 Meter entfernt. Ich sehe nichts, aber er meint, Schimpansen entdeckt zu haben. Die Müdigkeit verwandelt sich in Aufregung. Wir wollen näher heran. Behutsam, leise schleichen wir durch den Busch. Versuchen es zumindest, denn selbst ein tauber, blinder und fußlahmer Affengreis hätte uns wohl bemerkt.
Plötzlich steht wie aus dem Nichts ein ausgewachsenes Schimpansen-Männchen vor uns: beeindruckend, kräftig, vor Testosteron strotzend. Höchstens zwölf Meter entfernt. Wir stehen uns gegenüber, sekunden-, minutenlang. Wir mustern uns. Interessiert. Stumm. Dann dreht er ab und trollt sich zwischen die Akazienbüsche.
Unglaublich. Die Anspannung fällt ab und mir wird bewusst, wie schlecht wir Menschen für diese Landschaft ausgestattet sind; ich schwitze, bin geschafft, meine Unterarme sind zerkratzt.
Gestern erst war das, und die roten Streifen auf meiner Haut erinnern mich noch an das Erlebnis. Im Schatten eines Mopanebaumes lasse ich unsere Reise Revue passieren. Wir sind Gäste im Gombe-Nationalpark. Hier hat die berühmte Primatenforscherin Jane Goodall vor mehr als 50 Jahren ihre Forschungen an Schimpansen begonnen. Das Jane Goodall Institut hat inzwischen im benachbarten Kigoma seinen Sitz. Man kann hier viel über Afrikas Probleme lernen – und auch über Lösungsansätze. Gombe ist Afrika im Kleinen. Gombe ist Kult. Und die Gäste, deren Reiseführer ich bin, bekommen alles hautnah zu spüren. Sie sehen auf dieser Tour nicht nur das Postkartenafrika, sondern erleben auch die Widersprüche des Kontinents. Dichter als hier kommt man als Tourist nicht an Afrika heran.
Als Jane Goodall in Gombe zu forschen begann, war es nur ein kleines Gebiet in einem großen Wald am Rande des Tanganjika-Sees. Heute ist Gombe ein letztes Refugium, quasi selbst zur Insel geworden. Der Druck auf das Kleinod ist groß, die Probleme sind vielfältig. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich die Bevölkerung Tansanias mehr als vervierfacht. Und alle Menschen wollen ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Hier am Tanganjika-See ist Fisch eine wichtige Nahrungsquelle, und die Boote der Fischer sind nach wie vor aus Holz. Holz aus den Wäldern. Die Boote aber halten im Schnitt nur acht Jahre. So verwundert es nicht, dass die Wälder am See seit Jahrzehnten schrumpfen.




Erzählt von Henning Prox, Protokoll: Peter Laufmann
