Wenn Säuglinge länger als drei Monate lang übermäßig schreien, könnte das ein Hinweis auf Entwicklungsstörungen sein. Das schließen amerikanische Wissenschaftler aus einer Studie, in der sie das Schreiverhalten und die spätere geistige Entwicklung von gut 300 Kindern untersuchten. Im Alter von fünf Jahren zeigten dabei die Kinder, die als Säuglinge sehr lange sehr viel geschrien hatten, deutlich häufiger eine eingeschränkte Entwicklung ihrer geistigen Fähigkeiten als Kinder, deren Schreiverhalten maximal drei Monate lang auffällig gewesen war. Das berichtet der Online-Dienst der Fachzeitschrift Science.
Wenn ansonsten gesunde, normal entwickelte Kinder während ihrer ersten drei Lebensmonate sehr viel und sehr ausgiebig schreien, liegen dem häufig die so genannten Drei-Monats-Koliken zugrunde. Das Schreien wird dabei wahrscheinlich von Bauchschmerzen verursacht, die durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten, aber auch psychische Faktoren wie Spannungen in der Familie ausgelöst werden können. Nach etwa drei Monaten gehen diese Schreianfälle meistens stark zurück oder hören ganz auf.
Ständige Schreiattacken nach diesem Zeitraum sollten Familien dagegen als Alarmsignal betrachten, schreibt das Team um Mallo Rao vom National Institute of Health (NIH) in Bethesda. Die Forscher hatten die Daten von 327 Kindern ausgewertet, die bis zum Alter von 13 Monaten regelmäßig medizinisch untersucht worden waren. Diese Daten verglichen die Wissenschaftler mit Informationen aus Fragebögen, die die Mütter fünf Jahre später ausfüllten. Bei den Schreikindern waren dabei Verhaltensstörungen, eingeschränkte feinmotorische Fähigkeiten, Hyperaktivität und schlechtere Werte bei IQ-Tests sehr viel häufiger als bei ihren Altersgenossen, die weniger geschrien hatten.
Dieser Zusammenhang war auch dann noch vorhanden, wenn andere Faktoren wie Gesundheitsprobleme, Bildungsstand der Eltern und sozioökonomischer Status der Familie berücksichtig wurden. Wie genau das Schreien und die späteren Entwicklungsprobleme zusammenhängen, können die Forscher jedoch noch nicht sagen. Sie vermuten jedoch, dass Schreikinder aufgrund von neurologischen Störungen insgesamt reizbarer sein könnten als andere Kinder, und dass diese Störungen auch für die verzögerte Entwicklung verantwortlich sein könnten.
Die Originalveröffentlichung der Forscher ist in der Fachzeitschrift Archives of Disease in Childhood erschienen (Bd. 89, S. 989).
ddp/bdw ? Ilka Lehnen-Beyel





