Schäden an Nervenhülle regeneriert
Eine weitere regenerative Wirkung der Bewegung haben nun Matías Alvarez-Saavedra von der University of Ottawa und seine Kollegen entdeckt. Für ihre Studie untersuchten sie, wie sich regelmäßiges Laufen auf Mäuse auswirkt, deren Kleinhirn durch einen genetischen Defekt geschädigt ist. Die schützende Myelinhülle um die Nervenverbindungen dieses Hirnteils fehlte größtenteils. Weil das Kleinhirn die Koordination der Bewegungen und das Gleichgewicht steuert, taumeln die von diesem Defekt betroffenen Mäuse beim Laufen, gleichzeitig ist ihre Lebensdauer stark verkürzt: Sie leben nur 25 bis 40 Tage statt mehr als ein Jahr. Im Experiment erhielt ein Teil dieser Mäuse die Möglichkeit, regelmäßig auf einem Laufrad zu trainieren, die anderen Mäusen wurden in Käfigen ohne Laufrad gehalten.
Dabei zeigte sich: Hatten die Mäuse ein Laufrad im Käfig, nutzten sie es häufig und ausgiebig – trotz ihrer Laufprobleme. Das aber führte im Laufe der Zeit zu fast schon erstaunlicher Besserung ihres Befindens: Ihre Bewegungen wurden sicherer, das Taumeln ließ nach und die Mäuse blieben zudem mehr als zwölf Monate lang am Leben, wie die Forscher berichten. Während die zwangsweise “faulen” Mäuse schon nach einem Monat starben, erreichten ihre laufenden Artgenossen damit fast die Lebensspanne normaler, gesunder Mäuse. Den Grund für diese Besserung enthüllte ein Blick ins Gehirn dieser Tiere: Die zuvor stark geschädigten Schutzhüllen der Hirnzellen im Kleinhirn hatten sich bei den laufenden Mäusen teilweise regeneriert. “Wir haben gesehen, dass die dort existierenden Neuronen wieder besser isoliert waren und stabiler wurden”, berichtet Alvarez-Saavedra. “Die zuvor geschädigten Schaltkreise im Gehirn wurden dadurch gestärkt und bekamen ihre Funktionsfähigkeit zurück.” Allerdings: Diese heilsame Wirkung des Laufens hielt nur so lange an, wie die Mäuse in Bewegung blieben. Entfernten die Wissenschaftler das Laufrad aus ihre Käfig, kehrten ihre Symptome schnell zurück.
Wachstumsfaktor als wirksamer Akteur
Um herauszufinden, auf welchem Weg die Bewegung ihre heilsame Wirkung auf das Gehirn entfaltet, analysierten und verglichen die Forscher die Genaktivität der laufenden und “faulen” Mäuse. Dabei stellten sie fest, dass der Wachstumsfaktor VGF im Gehirn der laufenden Mäuse besonders reichlich vorhanden war. Von diesem Peptid ist bekannt, dass es beim Laufen ausgeschüttet wird und unter anderem die Stimmung und den Hirnstoffwechsel beeinflusst. Als die Forscher dieses Peptid kranken, aber faulen Mäusen verabreichten, zeigten sich auch bei ihnen die gleichen Besserungen wie bei ihren trainierenden Artgenossen. “Das VGF scheint demnach wichtig zu sein, um die Heilung in geschädigten Hirnbereichen anzustoßen”, erklärt Seniorautor David Picketts von der University of Ottawa.





