Der Himmel der Kreidezeit war nicht nur das Reich der Flugsaurier. Neben diesen geflügelten Reptilien hatten auch bereits Vertreter der Vögel die Luft erobert: Man geht davon aus, dass sie sich im Laufe des Jura- und Kreidezeitalters aus zweibeinigen Dinosauriern entwickelt haben. Dabei entstanden zwei Linien: die Vorfahren unserer heutigen Vögel sowie die sogenannten Enantiornithes. Sie ähnelten den modernen Vögeln, besaßen aber spezielle Flügelmerkmale und meist noch eher schnauzenartige Schnäbel mit Zähnchen. Die Enantiornithes waren in der Kreidezeit die dominierende Vogelform und brachten bereits eine beachtliche Vielfalt hervor, wie zahlreiche Fossilienfunde aus der ganzen Welt belegen. Im Gegensatz zu den Vorfahren unserer heutigen Vögel starben sie allerdings in der Folge des Asteroideneinschlags vor 66 Millionen Jahren allesamt aus.
Dieser geheimnisvollen Gruppe der Vögel hat nun ein chinesisch-US-amerikanisches Forscherteam einen interessanten neuen Vertreter hinzugefügt. Das detailliert erhaltene Fossil wurde in 120 Millionen Jahre alten Sedimentgesteinen im Nordosten Chinas entdeckt. Es zeigt einen etwa spatzengroßen Vogel aus der Gruppe der Enantiornithes mit ungewöhnlichen Merkmalen. Die Paläontologen implementierten sie in die wissenschaftliche Bezeichnung: Die neuentdeckte Art wurde Brevirostruavis macrohyoideus genannt – das bedeutet soviel wie “Vogel mit kurzer Schnauze und langer Zunge”.
Ein „freches“ Urvögelchen zeichnet sich ab
Wie die Forscher berichten, besaß das Tier eine auffallend kurze schnabelartige Schnauze mit kleinen Zähnchen und außerdem zeichnete sich eine erstaunliche Struktur in dem gut erhaltenen Schädel ab: ein extrem langer Zungenbeinapparat. Der Vogel besaß demnach lange und gebogene Knochen, die mit der Zunge verbunden waren. Insgesamt war diese dadurch fast so lang wie sein ganzer Kopf. Wie die Wissenschaftler erklären, haben Vögel keine großen, muskulösen Zungen wie wir Menschen. Stattdessen besitzen sie eine Reihe von stabförmigen Elementen aus Knochen und Knorpel, die den Zungenbeinapparat bilden, der am Grund ihres Schnabels sitzt.
Viele Vogelarten benutzen ihre Zungen durchaus ähnlich wie wir – sie befördern Nahrung in den Mund, sorgen für Bewegung und helfen beim Schlucken. Einige heutige Vögel wie Kolibris und Spechte haben das System allerdings auf die Spitze getrieben: Bei ihnen sind die entsprechenden Strukturen etwa so lang wie oder sogar länger als ihr Schädel. Dadurch können sie ihre Zungen weit herausstrecken, um an ihr Futter zu kommen. Den Forschern zufolge liegt somit nahe, dass auch Brevirostruavis macrohyoideus entsprechende Fähigkeiten besaß.
Wozu genau der kreidezeitliche Vogel sein Mundwerkzeug weit herausschnellen lassen konnte, lässt sich allerdings nicht genau klären. Denn bei dem Fossil konnten keine Spuren des einstigen Mageninhalts nachgewiesen werden. Prinzipiell kommen aber wohl zwei Möglichkeiten in Frage, sagen die Paläontologen: Der Vogel könnte seine lange Zunge zum Erbeuten von Insekten genutzt haben – möglicherweise auch ähnlich wie Spechte, die sie einsetzen, um Insekten aus Löchern im Holz zu holen. Vielleicht ernährte sich der Vogel aber auch schon ähnlich wie Kolibris: Er könnte Pollen oder nektarähnliche Flüssigkeiten von Pflanzen geleckt haben.





