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Landwirtschaft mit Nebelwasser
Schon die Ureinwohner der Kanarischen Insel El Hierro nutzten in der Landwirtschaft bestimmte Baumarten, die horizontalen Regen mit ihren verzweigten Blättern auffingen, abtropfen ließen und so ganze Bereiche bewässerten. Eine Methode, die der austrocknenden Insel helfen kann.
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Text und Fotos: Stefanie Ludwig und Augustin Campos
Ein frischer Wind streicht durch die Lorbeerwälder auf El Hierro, der kleinsten der Kanarischen Inseln. Es ist ein früher Morgen, Nebel hängt schwer zwischen den Baumkronen, feine Tropfen legen sich auf Haut, Blätter, Erde. Es hat nicht geregnet – und doch ist alles nass. Die Feuchtigkeit aus der Luft wird von den Passatwinden gegen die Berghänge gedrückt und erzeugt so den „horizontalen Regen“. Gewissermaßen unsichtbaren Niederschlag. Und Leben spendend für eine Insel, auf der Wasser immer knapper wird.
Für den polnischen Biologen Michal Mos, der seit acht Jahren auf El Hierro lebt, ist dieser Nebel mehr als ein Naturphänomen. Er ist Grundlage und Hoffnung zugleich für ein ambitioniertes Projekt, das die Landwirtschaft der Zukunft auf El Hierro neu denken will. Und ein Baum spielt dabei die Hauptrolle: Morella faya (Gagelbaum) – auch kurz Aya genannt.
Diese endemische Pflanze wächst seit jeher in den Lorbeerwäldern der Kanaren und ist kein spektakulärer Exot, aber ein stiller Helfer. Was den Baum so besonders macht, ist seine Fähigkeit, Wasser aus Nebel zu gewinnen – nicht in großen Mengen, dafür kontinuierlich und effizient.
„Der Baum hat diese schöne Verzweigung, mit einer idealen Blattstruktur, um Wasser weiterzuleiten. Ähnlich wie ein Netz bei einem Nebelfänger“, erklärt Mos, der am frühen Morgen durch das feuchte Gras seiner Farm geht. In seiner Hand hält er einen Morella faya-Setzling, der mit vielen weiteren heute auf seinem Grundstück gepflanzt werden soll.
Den Nebel fangen
Auf den von Dürre geplagten Kanaren wurden in den letzten Jahren überall Nebelfänger aufgestellt, um Wasser nachhaltig zu gewinnen. Auch Michal Mos testete zeitweise ein Modell mit 3D-Netz auf seinem Grundstück.
Aber Bäume wie Morella faya „benötigen keinen betonierten Untergrund und trotzen selbst den starken Winden, die über die Insel fegen“, betont er. Dabei ist ihre Wirkungsweise zuverlässig: Die winzigen Wassertröpfchen der feuchten Atlantikluft kondensieren an der Blattoberfläche, sammeln sich, laufen langsam an Stamm und Blattwerk entlang, bis sie schließlich auf den Boden tropfen. Dort versickert das Wasser in die tieferen Schichten des Erdreichs und erreicht die Wurzeln der Pflanzen, die in der Nähe wachsen. Keine Bewässerungsanlage, keine Pumpen, keine Entsalzungsanlagen. Nur Nebel, Wind und ein Baum, der daraus eine Lebensgrundlage macht.
Häufig wird in diesem Zusammenhang auch vom Garoé-Effekt gesprochen. Der Garoé ist ein Baum im Norden der kleinen Insel, den die Einwohner auch Arbol santo (heiliger Baum) nennen. Er lieferte schon den Ureinwohnern El Hierros, den Bimbaches, lebensnotwendiges Wasser, indem er den horizontalen Regen verwandelte. Der Legende nach soll er die gesamte Insel versorgt haben. „Bei wirklich idealen Bedingungen, etwa wenn ein solcher Baum in einer Senke steht und der Nebel in einer bestimmten Geschwindigkeit von unten nach oben steigt, kann es sogar regelrecht vom Baum regnen“, erklärt Jose Javier Garcia, Leiter der größten Baumschule auf El Hierro.
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Das Wissen um diese Möglichkeit der Wassergewinnung, die auch die Bimbaches schon damals für die Landwirtschaft genutzt hatten, will Michal Mos sich heute zunutze machen. Doch der Weg dorthin ist lang.
Ein sich selbst erhaltender Waldgarten
Sein Projekt beginnt mit einem Grundstück, auf dem in über 1.000 Metern Höhe Obstbäume, vor allem Avocado- und Zitronenbäume, gepflanzt worden waren. Ein heute über 80-jähriger Herreño hatte dabei mit der Idee eines Waldgartens experimentiert – einem Garten, in dem Fruchtbäume für ein selbst erhaltendes, lebendiges Ökosystem mit feuchtigkeitsliebenden Arten wie Morella faya kombiniert werden.
Die Ayas hatte er dafür in zwei Reihen – eine links, eine rechts – um den Obstgarten gepflanzt. Doch dann sah sich der Spanier wegen seines fortgeschrittenen Alters gezwungen, seinen Hof abzugeben. Eine Bekannte erzählte Michal Mos von dem zum Verkauf stehenden Grundstück. Nach ersten Bedenken ging dann zunächst alles ganz schnell: „Als ich das Gelände zum ersten Mal sah, wusste ich gleich, was der Plan des Vorbesitzers war. Und mir war auch klar, wenn ich es nicht kaufe, würden sein Plan sehr wahrscheinlich nicht weitergeführt und die Bäume möglicherweise in kürzester Zeit gefällt werden.“
Für Mos stand es außer Frage, dass die jahrelange Arbeit fortgesetzt werden musste. Doch wenn der Garten langfristig bestehen sollte, musste er das Wassersystem erweitern, und zwar bergauf. Deshalb kaufte Mos zusätzlich die beiden kahlen Hügel oberhalb des Gartens.
Auf diesen 3,5 Hektar sollten in einem Zeitraum von zwei Jahren insgesamt etwa 5.000 Setzlinge – in erster Linie Morella faya, aber auch Lorbeergewächse – gepflanzt werden, die in einigen Jahren dann als Bäume das Wasser aus dem Nebel einfangen würden. Der Biologe orientierte sich bei seinen Plänen an dem, was einmal war: Einst war der Hügel bewaldet, bevor die Bäume vor wenigen Hundert Jahren wie an vielen anderen Orten auf der Insel Rodungen zum Opfer fielen, die dem Brennholzbedarf geschuldet waren.
Doch ob Michal Mos’ Vorstellungen tatsächlich Realität werden konnten, war nach dem Kauf lange ungewiss. Vier Jahre kämpfte er um Genehmigungen, Unterstützung, Bäume. Immer wieder wurde er von der Inselregierung, die er um die Umsetzung und Finanzierung der Aufforstung gebeten hatte, vertröstet. „Das ist eine sehr gute Idee, aber gerade ist es kompliziert. Nächste Woche kommen wir“, hieß es immer wieder. Aber der Biologe blieb hartnäckig. Bis endlich das Telefon klingelte: „Morgen geht es los.“
Am frühen Morgen, die Sonne ist noch hinter den Bäumen versteckt und ein milchiger Dunst hängt über den Gräsern, machen sich Arbeiter des Umweltamts auf seinem Grundstück ans lang ersehnte Werk. Die Pflanzgruben wurden bereits vorbereitet. Der Biologe wirkt erleichtert – hin und wieder noch ungläubig darüber, dass das lange Warten nun endlich ein Ende haben soll. „Ich meine, mal ehrlich, wer bitte hätte so lange gewartet?“, sagt er und muss herzhaft lachen. „Warum es jetzt plötzlich funktioniert hat: Ich weiß es nicht.“
Landwirtschaft ohne künstliche Bewässerung
Es ist der Auftakt eines Experiments, das mehr ist als bloße Aufforstung. Denn was Michal Mos angestoßen hat, ist eine leise Revolution auf diesem Fleckchen Erde, dem südlichsten Punkt Europas. „Ein Nebelwald kann Wasser speichern, den Boden befeuchten und dadurch landwirtschaftliche Produktion sichern – ganz ohne künstliche Bewässerung“, erklärt er. Nur zu Beginn, in den ersten 24 Monaten nach der Pflanzung, kommt ein Löschfahrzeug, beauftragt von der lokalen Baumschule, das die jungen Bäume insgesamt mit fünf Bewässerungseinheiten versorgt. Besonders auf El Hierro, wo in den letzten fünf Jahren kaum noch Regen fiel, ist das ein Signal.
Dass die natürliche Bewässerung funktioniert, hat der Wissenschaftler mit seinen Messungen bewiesen. Rund um seine Obstbäume hat er dafür Sensoren installiert, die Bodenfeuchtigkeit und Temperatur dokumentieren. Die Daten zeigen: In den Bereichen, in denen Morella faya bereits vom Vorbesitzer gepflanzt wurden, ist der Avocado-Ertrag „um etwa 70 Prozent höher“ als im Zentrum des Gartens. Die äußeren Bäume sind vitaler, die Erde feuchter, die Mikroorganismen aktiver.
Zwar sind die Früchte kleiner als die massengezüchteten Supermarktavocados – doch für Mos ist das kein Nachteil, sondern Notwendigkeit. „Das muss langfristig der neue Standard für Avocados werden“, sagt er und ergänzt mit Nachdruck: „Denn im Moment ist diese Frucht einer der Umweltsünder schlechthin.“ Besonders in trockenen Regionen wird sie unter hohem Wasserverbrauch angebaut – eine ökologische Absurdität, findet Mos. Seine wasserbewussten Avocados exportiert er in kleinen Mengen nach Großbritannien und in die USA – für 50 Euro pro Kilo. Doch auch auf der Insel selbst finden die Früchte Abnehmer. Marcos Tavio, der einzige biozertifizierte Gastronom El Hierros, bezieht Avocados direkt von Mos’ Hof. Für ihn ist das nicht nur ein Produkt, sondern ein Symbol. „Was Michal macht, ist eine Fortsetzung der Geschichte der Bimbaches mit den Mitteln der Wissenschaft“, sagt Tavio.
Ein Gewinn für den Garten ist auch ein Zitronenbaum, der jährlich 200 Kilogramm Früchte „ohne einen Tropfen Wasser von außen“ produziert. Der Biologe, jetzt seinen Obstgarten durchstreifend, greift nach einer großen, sonnengelben Frucht am Baum. In Zukunft will er neben weiteren Zitronenbäumen noch verstärkt auf Obstbäume setzen, die ähnlich wenig Wasser brauchen: Apfel- und Birnbäume zum Beispiel.
Auch Nussbäume, etwa Esskastanien, kann er sich in seinem Garten vorstellen. Diese sollen nicht nur Früchte liefern, sondern in erster Linie Schatten spenden, den Boden kühlen und die Verdunstung verringern. „Es wird zwar eine Weile dauern, bis sie hoch genug sind, um die Obstbäume zu beschatten, aber wenn es dann so weit ist, wird das in vielerlei Hinsicht einen positiven Effekt auf den Garten haben“, sagt Mos und schaut mit zufriedenem Blick um sich. „Es ist wichtig, konstant darüber nachzudenken, wie dieser Kreislauf gestaltet werden kann.“
Die Insel wird trockener
Damit die Feuchtigkeit im Boden bleibt, testet er verschiedene Mulchmethoden. Besonders effektiv: klein geschnittener Feigenkaktus. Dieser wächst auf den Kanaren überall. „Er ist reich an Wasser, wirkt kühlend und düngt gleichzeitig. Aber man muss ihn sehr klein schneiden – sonst wächst er weiter“, sagt der Biologe. Auch alte Holzpaletten nutzt er als Abdeckung rund um die Bäume. Alles, was hilft, die kostbare Feuchtigkeit im Boden zu halten, ist willkommen. Denn die Zeichen sind eindeutig: Die Insel wird trockener. Die Sommer werden heißer, die Böden verlieren schneller Feuchtigkeit, und Calima-Stürme aus der Sahara nehmen zu.
Um diese Entwicklung wissenschaftlich zu begleiten, hat Mos schon vor Jahren fünf Wetterstationen aufgestellt – zwei davon auf seinem Grundstück. Es sind die ersten Wetterstationen auf El Hierro. Die Daten dokumentieren die abnehmenden Regenfälle, immer längere Trockenperioden und stetig steigende Temperaturen.
Gleichzeitig werden auf der Insel weiter große Mengen Wasser für Bananen- und Ananasplantagen verwendet. Für die Exportfrüchte wird Meerwasser aufwendig entsalzt, was die Meeresökosysteme schädigt, wenn nach der Aufbereitung massenhaft Salzlake dort zurückgelassen wird. Auch Pestizide sind in El Hierros Landwirtschaft weit verbreitet, Biolandwirtschaft ist hingegen eine Ausnahme und die Versorgung erfolgt fast vollständig durch Importe. Für Mos ist deshalb klar: So kann es nicht weitergehen. „Meine Idee war es von Anfang an, den Menschen hier begreifbar zu machen, dass wir intelligenter sein müssen – und unabhängiger, indem wir konsumieren, was wir vor Ort produzieren. Wenn wir uns dabei nicht gegenseitig unterstützen, wird es bald zu spät sein.“
Ein langsamer Wandel
Aber nicht alle sind überzeugt von Michal Mos’ Ansatz. Viele auf der Insel hielten das Pflanzen eines Waldes für unsinnig. „Warum pflanzt er nicht Obstbäume?“ oder „Hier weiden unsere Kühe“ waren typische Reaktionen. Sogar jetzt, da die Bäume gepflanzt sind, lässt ein Nachbar seine Tiere noch auf Mos’ Grundstück weiden – sehr zum Ärger des Wissenschaftlers, der schon mehrfach gebeten hat, Rücksicht auf die Setzlinge zu nehmen.
Hier prallen Welten aufeinander: Die Erinnerungen an frühere Hungersnöte, ausgelöst durch Dürre und Wassermangel, sitzen tief bei den Bewohnern der Insel. „Der Fokus der Einheimischen liegt immer noch darauf, dass man vor allem essen muss. Und ein Wald ernährt nun mal nicht direkt“, analysiert Jose Javier Garcia die Situation. Der Baumschulenleiter, der lange Zeit im Ausland lebte, ursprünglich aber aus El Hierro stammt, nimmt aber auch ein langsam einsetzendes Umdenken wahr.
„Die Leute sehen, dass er Ayas gepflanzt hat und dass seine Obstbäume blühen. Das prägt sich bei ihnen ein. Und irgendwann probieren sie es selbst. Es funktioniert wie ein Virus – ein positiver Virus“, so Garcia, aus dessen Baumschule die Pflanzen für Michal Mos’ Garten stammen. Auch Mos bekam erst neulich wieder Grund zur Hoffnung. „Ein Nachbar meinte letztens zu mir: ,Wenn das bei dir klappt, dann probiere ich es auch‘“. Es braucht eine Weile, bis die Dinge hier in Gang kommen. Aber es bewegt sich etwas.
Das Nebelwasserprojekt als Positivbeispiel
Jetzt, da das Projekt angelaufen ist, plant Michal Mos langfristig: In den nächsten drei Jahren will er einen zweiten Obstgarten anlegen – größer, vielfältiger, ergänzt durch Bienenvölker einer lokalen Imkerin, die dank des Biologen nun endlich eine pestizidfreie Fläche gefunden hat. Auf El Hierro keine Selbstverständlichkeit.
Noch trägt sich das Nebelwasserprojekt nicht finanziell. Aber davon ist Mos nicht abhängig. Seine Einnahmen stammen von außerhalb: Auf dem spanischen Festland führt er eine erfolgreiche Miscanthus-Baumschule – eine Pflanze, die zu Bioplastik verarbeitet wird. Darüber hinaus forscht er im Bereich der Pflanzenkommunikation in Kooperation mit internationalen Institutionen. Jährlich investierten Mos und sein Geschäftspartner bislang rund 10.000 Euro in die experimentelle Farm, bis das Projekt überhaupt ins Rollen kam. Auf Dauer soll der Betrieb rentabel werden und ein positives Beispiel geben, wie Landwirtschaft nachhaltig funktionieren kann. Obwohl der optimistische Biologe von seinem Vorhaben überzeugt ist, bleibt er realistisch: „Ich behaupte nicht, die Lösung gefunden zu haben. Aber wir versuchen etwas – und das ist mehr, als einfach abzuwarten.“
Oben auf den Hügeln glitzert der Morgentau auf den ersten gepflanzten Bäumen. Die Sonne zeigt sich hinter den Baumwipfeln und die Luft wird wärmer. Noch messen die gerade gepflanzten Morella faya-Setzlinge nur wenige Zentimeter. „Bis in drei, vielleicht vier Jahren sollte ein kleiner Wald entstanden sein“, sagt Michal Mos, die Hände in die Hüften gestemmt, den Blick hinunter ins Tal gerichtet. Am Horizont ziehen Schiffe übers Meer. „Wir haben hier alles, was wir brauchen – wir müssen es nur nutzen.“
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