Gleich einem gelben Schemen fliegt ein Pirol im Schatten turmhoher Pappeln durch die Kühle am Kanal. In der Ferne ist ein Trecker zu hören und Reinhold Mertensmeier kurbelt an einem Wehr. Schnell staut sich das Wasser im Boker-Heide-Kanal und läuft innerhalb weniger Minuten über das nahe Ablasswehr in die Gräben. Zu…
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Text: Oliver Abraham
Gleich einem gelben Schemen fliegt ein Pirol im Schatten turmhoher Pappeln durch die Kühle am Kanal. In der Ferne ist ein Trecker zu hören und Reinhold Mertensmeier kurbelt an einem Wehr. Schnell staut sich das Wasser im Boker-Heide-Kanal und läuft innerhalb weniger Minuten über das nahe Ablasswehr in die Gräben. Zu Acker und Weide. Wasser tut Not für die Bauern in den Ausläufern der wüsten Senne, sie bauen auf Sand.
Der Kanal ist ein Kunstwerk. Seit 170 Jahren wird nahe Paderborn der Lippe Wasser entnommen, durch das künstliche Bett geleitet und dem Fluss später wieder zugeführt – der Kanal ist 32 Kilometer lang und wird flankiert von rund 100 Kilometern Be- und Entwässerungsgräben. Stefan Kellner ist Landwirt aus Delbrück in Westfalen und Vorsteher des Wasserverbandes. Er sagt: „Mittels 15 Kanalschleusen und unzähligen Wehren in den Gräben ließ sich einst der Wasserstand auf weiten Flächen im Einzugsbereich des Boker-Kanals steuern.“ Das System ist noch heute sinnvoll, wenn auch in anderer Form – nämlich zur Grundwasserregulierung.
Das Wasserrecht hat Kaiserzeit und Drittes Reich überdauert, noch heute wacht der Wasserverband über die Verteilung. Es ist nicht so, dass die Bauern auf Zuruf Wasser bekommen oder sich selbst bedienen dürfen. Die beiden Kanalwärter Reinhold Mertensmeier und Wigbert Wecker machen das stillschweigend, sie sind ständig im Gebiet unterwegs, haben Erfahrung und beschicken die Gräben während der Trockenphasen gleichmäßig und gerecht.
Sie erledigten das sogar im Dürre-Sommer 2022, als der Kreis Paderborn im August und September der Landwirtschaft eine technische Wasserentnahme aus oberirdischen Fließgewässern verbot; nicht aber den Betrieb des Boker-Kanals. „Business as usual“ hieß es dort. Zwar wurde der Lippe weniger entnommen, im Boker-Kanal aber hatten sie trotzdem so viel Wasser, dass es für das Anstauen des Kanals und den nötigen Einstau in den Gräben genügte, mit Augenmaß und manchmal mit einem Staubrett weniger. Viele Nutzer waren dankbar für das Wasser, denn dort sah es in Wochen der Trockenheit besser aus als anderswo.
500 Liter pro Sekunde müssen fließen, um den Kanal und seine längst schützenswerte wie seltene Flora und Fauna zu erhalten, maximal anderthalb Kubikmeter sind es zu Hoch-Zeiten. Stefan Kellner erklärt: „Rund 20 Kilometer Gräben rechts und links vom Kanal können durch Einstau zur Regulierung des Grundwasserstandes genutzt werden.“ Damit dienten Kanal und Gräben indirekt noch immer zur Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen; der Grundwasserkörper könne in trockenen Sommern gesichert, gehalten oder gehoben werden. „Rund 2000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche profitieren vom Wasser aus dem Boker-Kanal“, betont Kellner. Die Versorgung der Landwirtschaft mit Wasser durch den Boker-Kanal ist wichtig und notwendig. Eine elektronische Steuerung? Die sucht man hier vergebens. Augenmaß und Achtsamkeit, darauf kommt es an, seit 170 Jahren schon. Und nichts verschwenden, weil sie hier wissen, wie wertvoll Wasser ist.
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Knapp 40 Kilometer westlich von Paderborn: In dem kleinen Ort St. Vit lebt Christoph Sandhäger, ein konventioneller Landwirt in vierter Generation. Zusammen mit seinem Vater Bruno bewirtschaftet der 26-Jährige 90 Hektar Acker. „Auf einer zwei Hektar großen Fläche haben wir Ende vergangenen Jahres 80 Walnussbäume gepflanzt“, sagt er. Denn zunehmende Trockenphasen machen den Landwirten zu schaffen. „Ich konnte zusehen, wie mein Getreide innerhalb weniger Wochen kaputtgegangen ist. Eine Bewässerung rentiert sich bei herkömmlichen Ackerfrüchten wie Getreide oder Mais nicht.“
Die Bäumchen sind heute kaum zwei Meter groß, aber sie sind ein Anfang. Wind und Sonneneinstrahlung begünstigen eine Verdunstung auf der Fläche. Die in Reihen quer zur Hauptwindrichtung gepflanzten Walnussbäume bremsen den Wind, das verringert die Verdunstung. Sind die Bäumchen einmal groß, werfen sie einen im Tagesverlauf über den Acker streichenden Schatten. „Eine komplette Beschattung ist nicht sinnvoll, dann wachsen Mais und Getreide auch nicht recht“, erklärt Christoph Sandhäger. Die Baumreihen bieten auch Schutz vor Sturm, der in Verbindung mit starkem Regen die Pflanzen niederdrückt.
Nun wird er auf diesem Acker Sonnenblumen anbauen. „Und danach stehen mir alle Möglichkeiten offen; Getreide, Kartoffeln oder Mais – es ist viel möglich“, sagt er. Für Christoph Sandhäger ist Agroforst ein sinnvolles Experiment. Aber: „Der heilige Gral ist das sicher auch nicht. Ich werde sehen, wie sich die Erträge entwickeln, von zwei Tonnen mehr pro Hektar gehe ich nicht aus – aber das könnte eine ganz gute Sache werden. Warten wir die nächsten zehn, 20 Jahre ab.“
Zwischen die Walnussbäume – mit einem Ertrag an Nüssen rechnet er frühestens in zehn Jahren – pflanzte der Landwirt Pappeln. „Das ist Energieholz, wenn die Walnussbäume groß genug sind, ernten wir die Pappeln.“ Aus den Nüssen will er Öl herstellen lassen, und Nüsse für Salami verwenden, aus dem Fleisch seiner Tiere vom Metzger vor Ort verarbeitet. „Es war immer mein Traum, Landwirt zu werden, und ich möchte der kommenden Generation eine gesunde Kulturlandschaft übergeben.“
Humus als natürlicher Wasserspeicher
Agroforstsysteme sind nach Meinung von Christian Böhm von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) eine Komponente, um die Landwirtschaft gegenüber zunehmenden Trockenphasen widerstandsfähig zu machen. Ein weiterer Effekt: „Wenn über die Blätter der Bäume Wasser verdunstet, wird die Umgebungstemperatur spürbar reduziert“, erklärt der Forstwissenschaftler. Baumreihen, also Agroforstsysteme, können Böhm zufolge die Temperatur auf Landschaftsebene reduzieren und auch damit einer Verdunstung entgegenwirken. Nur: „Wenn es in der Vegetationsperiode über lange Zeit gar nicht mehr regnet, kann auch kein Wasser auf der Fläche gehalten werden, dann helfen uns auch keine Bäume auf dem Acker mehr, dann kommen wir wirklich an die Grenze.“
Christian Böhm plädiert auch dafür, vorhandene Drainagesysteme auf dem Acker abzudichten, diese gebe es seiner Ansicht nach vielerorts viel zu großflächig. „Damit kann man dem Wasserverlust auf dem Acker entgegenwirken. Niederschlagswasser muss man für trockenere Phasen zurückhalten. So kann der Boden häufig viel Wasser, das nicht drainiert wird, speichern.“ Böhm fordert zudem, großflächige künstliche Beregnungen auf ein absolutes Mindestmaß zu reduzieren. „Wenn es für eine Ertragsstabilität wirtschaftlich angezeigt ist, dann sollten nur noch wertvolle Sonderkulturen, und diese möglichst im Halbschatten eines Agroforstsystems, bewässert werden, dann aber per Tröpfchenbewässerung.“
Auch dem Boden lässt sich auf natürliche Weise helfen: Humus im Acker beispielsweise ist für zentrale Bodenfunktionen von großer Bedeutung – für Wasserhaushalt, Nährstoffverfügbarkeit und Erosionsminderung. Mit Erhalt oder Steigerung des Humusgehaltes im Ackerboden kann Landwirtschaft gegenüber zunehmenden Trockenphasen widerstandsfähiger werden. Axel Don ist Bodenwissenschaftler am Thünen-Institut in Braunschweig. „Auf rund 150 konventionellen und ökologischen Betrieben, verteilt auf zehn Regionen in Deutschland, untersuchen wir die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von humusbildenden Maßnahmen“, erzählt er. Sprechen Wissenschaftler und Bauern von Humusaufbau, dann denken sie in Zeiträumen von bis zu 40 Jahren.
Mehrkosten durch Zwischenfrüchte
Humus bildet sich durch die Verrottung von Pflanzen im Boden durch Lebewesen, dabei werden Nährstoffe freigesetzt und der entstehende Humus kann Wasser speichern. „Wir untersuchen und erproben den Aufbau von Humus etwa durch verschiedene Fruchtfolgen, den Anbau von Zwischenfrüchten oder anderen Bewirtschaftungsmethoden wie Agroforst, der Neuanlage von Hecken oder mehrjährigen Kulturen“, sagt Bodenwissenschaftler Don. Ergebnisse werden Landwirten zur Verfügung gestellt. Auf Basis bisheriger wissenschaftlicher Erkenntnisse erstellten die Experten einen Maßnahmenkatalog, aus dem die Bauern das für sich Sinnvolle auswählen können. Es gehe erst einmal darum, sich ein Bild vom aktuellen Zustand des Bodens zu machen und sich zu fragen: „Wo stehe ich als Landwirt mit dem Humusgehalt in meinen Böden?
Grundsätzlich bedeutet mehr Biomasse auf dem Boden mehr Humus im Boden: „Oft wird jedoch nach der Ernte keine Zwischenfrucht angebaut“, berichtet Axel Don. Wenn Zwischenfrüchte nicht geerntet werden, sondern im Winter und Frühjahr auf dem Acker verrotten, tragen sie zur Humusbildung bei. Auch über neue Nutzungsformen müsse nachgedacht werden. So sei Luzerne eine perfekte Kultur zum Humusaufbau. Außer als Rinderfutter gebe es derzeit aber kaum Nutzungsmöglichkeiten. „Dabei sind Luzernenblätter eiweißreich und könnten statt Soja als Schweinefutter genutzt werden“, betont Axel Don.
Wasser im Boden halten und Zwischenfrüchte anbauen – das praktiziert Hermann Dedert, Landwirt in Hiddenhausen, 20 Kilometer nördlich von Bielefeld. Auch er ein konventioneller Bauer in vierter Generation. Dedert pflanzt Zuckerrüben auf Löß, ein Sediment mit normalerweise guter Wasserhaltekapazität. Doch die anhaltende Trockenheit im Sommer 2022 bewirkte einen Wachstumsstopp bei seinen Rüben. „So flächendeckend und lange habe ich das noch nie erlebt“, berichtet der 56-jährige Agraringenieur. Er rechne auch künftig mit längeren Trockenphasen. Deshalb müsse er das Wasser im Boden halten. Dedert sagt: „Ich werde den Boden nicht mehr so tief und so oft bearbeiten, denn je flacher ich den Boden bearbeite, desto weniger Wasser kann verdunsten.“
Auch eine zweite Möglichkeit werde er verstärkt nutzen: die Zwischenfrucht. Zwar würden durch Saatgut und Aussaat die Kosten steigen, aber eben auch die Bodenqualität. Hermann Dedert blickt über sieben Hektar junge Gerste: „Wenn im Sommer diese Gerste geerntet ist, sähe ich hier Senf, Ölrettich und vermutlich Phacelia ein, das ist mein Plan für die Zwischenfrucht.“ Im Frühjahr 2024 folgen dann Zuckerrüben.
Dedert baut die Klassiker an: Getreide, Mais, Raps und Rüben, Erbsen und Bohnen. Für Biogas und Schweinefutter. Bei ihm wachsen auch Roggen und Weizen für Brot. „Ich kann noch mit der Zusammensetzung meiner Ackerfrüchte spielen und diese vor dem Hintergrund der zunehmenden Trockenphasen anders zusammenstellen, damit es wirtschaftlich bleibt und ich die Ernterisiken minimiere“, berichtet er. Selbst innerhalb einer Fruchtart gebe es längst Varianten, die resistenter gegen Trockenheit seien. Vielleicht müsse er auch etwas völlig Neues anbauen. Erbsen für vegetarische Fleischersatzprodukte vielleicht? „Klar ist das möglich – der Markt muss es den Bauern aber auch abnehmen und entsprechend bezahlen.“
Hilfreiche Exoten
Forstwissenschaftler Christian Böhm von der BTU in Brandenburg spricht davon, Trockenphasen hinzunehmen und manche Ackerfrucht langsamer gedeihen zu lassen. „Es gibt Tomatensorten, deren Früchte bei geringem Wasserangebot zwar kleiner, gleichzeitig aber aromatischer und süßer sind“, sagt Böhm. „Womöglich könnte künftig stärker gelten: Klasse statt Masse, also über bessere Qualität den Verbraucher erreichen.“
Laut Böhm sei es zudem sinnvoll, über neue Produkte nachzudenken. Vielfalt stehe für Stabilität, Diversifizierung für Risikominimierung. „Es gibt Nutzpflanzen, die eine viel höhere Trockenheitstoleranz haben als die uns bekannten Produkte.“ Teff, die Äthiopischen Zwerghirse, sei dafür ein gutes Beispiel. „Natürlich sind solche Umstellungen lange Prozesse. Aber die Betriebe sollten sich jetzt schon ernsthaft Gedanken machen, und viele, auch konventionelle Landwirte, tun das ja auch bereits“, sagt Christian Böhm. „Allein bei den Körnerfrüchten gibt es einige interessante Arten, Amaranth oder Buchweizen, die sich stärker etablieren können.“
Die Kartoffel – heute auf den Feldern nicht mehr wegzudenken – stammt aus Südamerika und sie wurde erst auf Druck des Preußenkönigs Friedrich der Große auf den armen und mageren Sandböden angebaut.
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