Der Mensch hat es vergleichsweise leicht: Wir haben nur zwei Arme, die im Vergleich zu Tentakeln recht starr sind und nur wenige unterschiedliche Positionen einnehmen können. Deshalb weiß unser Gehirn stets, welche Lage unsere Gliedmaßen zueinander haben und ob sie sich gerade berühren. Doch beim Oktopus ist das anders: Er hat nicht nur acht Arme, sie sind auch noch hochflexibel und führen teilweise eine Art Eigenleben. Sie wuseln in alle Richtungen und ertasten die Umwelt in unzähligen Verrenkungen. Es würde enorme Hirnleistungen erfordern, um die Positionen der Tentakel im Raum fortlaufend neu zu erfassen – vermutlich ist eine solche „Rechenleistung” sogar unmöglich. Entsprechend gab es auch bereits Untersuchungsergebnisse, die nahelegten, dass Oktopusse tatsächlich nicht genau wissen, wo ihre Tentakel gerade sind. Doch genau dies warf die Frage auf: Warum grapschen sie sich dann nicht gegenseitig, wie etwa einen Beutefisch?
„Die einfache und zugleich brillante Lösung der Oktopusse für dieses scheinbar komplizierte Problem hat uns sehr überrascht”, sagt Guy Levy, einer der Forscher von der Hebrew University in Jerusalem. Das Team untersucht bereits seit einigen Jahren die beeindruckenden Fähigkeiten der bizarren Wesen zur Koordination ihrer hochflexiblen Arme. Die Forscher entdeckten den Selbsterkennungs-Mechanismus durch Beobachtungen bizarrer Szenarien: Nämlich wie abgetrennte Oktopus-Arme auf Oktopus-Haut reagieren. Ein amputierter Tentakel ist noch bis zu einer Stunde nach dem Abtrennen aktiv: Er heftet sich mit seinen Saugnäpfen beispielsweise an der Glasscheibe des Aquariums fest. Tests der Forscher zeigten jedoch, dass sich die Saugnäpfe der abgetrennten Tentakel nicht an Oktopus-Haut festsetzen.
Mögliches Konzept für Soft-Roboter
Da diese Kontrolle nicht vom Oktopus-Hirn ausgehen kann, muss es einen anderen Mechanismus geben, folgerten die Forscher. Weitere Untersuchungen belegten dann, dass der Effekt von der Haut selbst ausgeht: Einen gehäuteten Tentakel grapschten sich die Saugnäpfe des abgetrennten Tentakels nämlich durchaus. Petrischalen, die die Forscher mit Oktopus-Haut bezogen hatten, mieden sie hingegen. Der Faktor scheint dabei eine Substanz in der Haut zu sein, legte ein weiteres Versuchsergebnis nahe: Die Forscher fertigten Extrakte von Oktopus-Haut an und bestrichen damit Petrischalen. Auch in diesem Fall hefteten sich die Saugnäpfe nicht an diese Objekte an. Interessanterweise kann der Oktopus das Selbst-Vermeidungs-System allerdings „willentlich” ausschalten: Die Tiere können mit ihren Saugnäpfen sehr wohl aktiv nach einem abgetrennten Tentakel greifen und ihn zu sich heranziehen, zeigten Beobachtungen. Wenn der Oktopus also Oktopus-Haut greifen möchte, kann er den Vermeidungs-Mechanismus offenbar ausschalten und zupacken.





