Der in Südasien beheimatete Gavial (Gavialis gangeticus) ist für Menschen ungefährlich, aber für Biologen von großem Interesse. „Gaviale, die auch als Ghariale bezeichnet werden, sind aufgrund ihrer langen Schnauzen und der knolligen ‚Ghara‘-Struktur am Schnauzenende der erwachsenen Männchen sehr besondere Krokodile”, erklärt Seniorautorin Phoebe Griffith vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Die Funktion dieser Knollennase ist noch unbekannt.
Aus evolutionärer und ökologischer Sicht ist diese Krokodilart ziemlich einzigartig. Denn sie hat nicht nur ein ungewöhnlich schmales und langes Maul, sondern hat sich auch bereits vor mehr als 40 Millionen Jahren von anderen Krokodilen abgespalten und ernährt sich vorwiegend von Fisch. Zudem haben die bis zu sechs Meter langen Flusskrokodile ein bemerkenswertes Sozialleben. Die Reptilien pflegen gemeinschaftliche Kinderstuben, in denen bis zu 1000 Jungtiere verschiedener Weibchen leben. Doch solche großen Zusammenkünfte sind heute selten geworden, denn es gibt immer weniger Gaviale. Weltweit leben Schätzungen zufolge nur noch 300 bis 900 Exemplare.
Grüner Status: „kritisch dezimiert“
Um die Entwicklung dieser und anderer ökologisch wichtiger Tierarten zu verfolgen, hat die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) jüngst den „Green Status of Species ” eingeführt. Die nun erstmals veröffentlichte Expertenbewertung ergänzt die bekannte „Rote Liste“. Diese regelmäßig aktualisierte Liste dient weltweit als Standardreferenz, um das Aussterberisikos einzelner Arten zu bewerten. Der „Green Status” schätzt ergänzend dazu künftig ein, wie weit die Art von einer vollständigen Erholung entfernt ist. Dabei berücksichtigt werden die Erfolge bisheriger Naturschutzbemühungen sowie das Potenzial für eine zukünftige Erholung in verschiedenen Weltregionen. Die zugehörige „Grüne Liste“ dient auch als Würdigung und Zertifikat für gelungene Naturschutzgebiete.

In dieser erstmaligen Bewertung des „Green Status“ wurde der Gavial als „kritisch dezimiert” eingestuft. In der Roten Liste ist das Krokodil als „vom Aussterben bedroht“ aufgeführt. Grund dafür ist nach Einschätzung der Forschenden, dass es kaum noch frei fließende Flüsse in der Heimat der Gaviale gibt, in Indien und Nepal. Dort haben die Krokodile eine lange Geschichte. Asiatische Kunstwerke aus den letzten 5000 Jahren mit Darstellungen schwimmender Gaviale zeugen davon, dass die Tiere zuvor weit verbreitet waren. „Diese Art ist ein wichtiger Teil des kulturellen Erbes, mit dem die Menschen die Flüsse über Jahrtausende hinweg gefahrlos geteilt haben. Erst mit dem Aufkommen großflächiger Flussinfrastrukturen seit der Kolonialzeit ging es für die Gaviale bergab“, erklärt Griffith. Demnach wurden die Gavialbestände durch menschengemachte Veränderungen der Flussläufe dezimiert, beispielsweise die Entnahme von Sand und Felsen und der Bau von Staudämmen. Den Krokodilen fehlt es dadurch an Sandbänken zum Sonnen und für die Eiablage.
Stärkerer Schutz der Lebensräume benötigt
Nach Ansicht der Forschenden braucht es daher mehr Maßnahmen, um die verbliebenen natürlichen Lebensräume der Gaviale in Südasien zu schützen und veränderte Flusslandschaften in Indien und Nepal zu renaturieren. Das käme auch vielen anderen Arten in den Flüssen zugute. Dass solche Schutzbemühungen wirken, zeigen bisherige Maßnahmen. So wurden mancherorts bereits Schutzgebiete eingerichtet, etwa im Chitwan National Park in Nepal. In den dortigen Flüssen Rapti und Narayani erholen sich die Bestände nun langsam wieder, wie das Team um Griffith in einer aktuellen Studie berichtet. Zudem wurde vielerorts die Fischerei mit Kiemennetzen verboten, in denen die Krokodile oft als Beifang landen. Auch die Jagd und das Sammeln von Eiern der Gaviale sind dort verboten. Ohne diese Maßnahmen wäre der Gavial höchstwahrscheinlich bereits ausgestorben, betonen die Forschende.
Um weitere Erfolge beim Artenschutz erzielen zu können, müssen künftige Schutzmaßnahmen jedoch strategischer und zielgerichteter angesetzt werden. Bei der Einschätzung, wie und wo die Gaviale besonders sinnvoll geschützt werden können, helfen nun unter anderem die „Grüne Liste“ und der „Grüne Status“ der IUCN. „Die Bewertung hilft uns, bestehende Populationen zu identifizieren, deren Erholung durch innovative, evidenzbasierte Schutzmaßnahmen gefördert werden könnte“, sagt Griffith.
Quellen: IUCN „Green List“, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB); Fachartikel: Reptiles & Amphibians, doi: 10.17161/randa.v31i1.21018





