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Kosmetik: Alternativen zu Tierversuchen
Erde & Umwelt

Kosmetik: Alternativen zu Tierversuchen

Bevor Cremes, Lotionen und Reinigungsprodukte für den Kosmetik-Markt zugelassen werden, wird ihre Verträglichkeit oft an Tieren getestet. Das soll sicherstellen, dass die Kosmetikprodukte keine Allergien oder Hautreaktionen auslösen. Doch wie viele Tiere kommen dabei tatsächlich zum Einsatz und wofür genau? Wie erkennt man tierversuchsfreie Artikel? Und welche anderen Wege als Tierversuche gibt es, um die Sicherheit der Pflegeprodukte zu gewährleisten?
Autor
Claudia Krapp
11. September 2025
Lesezeit
5 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Tierversuche sind für viele Menschen ein emotionales Thema. Öffentliche Diskussionen darüber sind schwierig, obwohl wir ihnen einiges verdanken. Viele medizinische Erkenntnisse wurden erst durch Tierversuche möglich und ohne sie gäbe es keine sicheren Medikamente. Auch die Vermarktung vieler Alltagsprodukte ginge nicht ohne vorherige Tests an Tieren. Aber wie viele Tiere sind es tatsächlich und wofür werden sie eingesetzt?

Keine Tierversuche für Kosmetika in der EU?

Im Jahr 2023 wurden in Deutschland Versuche an rund 2,13 Millionen Tieren durchgeführt, wie aus der Statistik des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) hervorgeht. Rund zwei Drittel von ihnen wurden in der Grundlagenforschung oder angewandten Forschung benötigt – also überwiegend zur Erforschung von Körperfunktionen, Krankheiten und deren Therapien. Rund 246.650 Tiere (rund 17 Prozent) wurden für die „Qualitätskontrolle, Toxikologie und andere Unbedenklichkeitsprüfungen“ verwendet. Unter diese Kategorie fallen neben Routinetests in der Produktion von Lebensmitteln, Chemikalien, Arzneimitteln und Medizinprodukten offiziell auch Tierversuche für Kosmetika. Allerdings wurden in dieser Rubrik tatsächlich Null Tiere verwendet.

Das ist kein Zufall. Denn innerhalb der Europäischen Union sind Tierversuche im Zusammenhang mit Kosmetika seit 2013 grundsätzlich und gänzlich verboten. Das gilt sowohl für fertige Kosmetika wie Cremes, Lotionen, Duschgele, Shampoos und Makeup als auch deren Einzelbestandteile. Auch verkaufen darf man Kosmetika in der EU nicht mehr, wenn diese an Tieren getestet wurden. Alle Produkte, die mit unserer Haut, Haaren, Nägeln, Zähnen oder Mundhöhle in Kontakt kommen sind also prinzipiell ohne Tierleid entstanden – sofern sie in der EU entwickelt, produziert oder verkauft wurden.

Zu beachten ist hierbei allerdings, dass viele Bestandteile von Pflegeprodukten als Chemikalien gelten, weil sie nicht ausschließlich in Kosmetika, sondern auch in anderen Produkten verarbeitet werden – etwa in Wasch- oder Putzmitteln, Medikamenten oder Farben. Bei deren Zulassung und Produktion sind Tierversuche zur Qualitätskontrolle und Sicherheit durch das Chemikaliengesetz routinemäßig vorgeschrieben, sofern keine tierfreien Alternativen möglich sind. Wird eine Substanz also nicht nur in Kosmetika verwendet, wird sie in den Tierversuchsstatistiken als Chemikalie gelistet.

Logo des Leaping Bunny
Der “Leaping Bunny” ist eines von mehreren Siegeln, die tierversuchsfreie Kosmetik auszeichnen. © Leaping Bunny Organization / CC-by 4.0

Was bedeuten die Siegel auf Kosmetika?

Wer sicher gehen will, dass das gewünschte Kosmetik- und Pflegeprodukt tatsächlich komplett ohne Tierversuche zustande kam, sollte daher genau hinschauen. Wirklich verlässlich kann man tierversuchsfreie Produkte nur an Siegeln wie dem „Leaping Bunny“ erkennen. Dieses Hasensymbol stammt von Tierschutzorganisationen und ist international gültig. Es gibt an, dass ausnahmslos alle verwendeten Inhaltsstoffe und Rezepturen ohne Tierversuche auskommen, auch jene aus dem EU-Ausland oder von Partnerfirmen. In Deutschland gibt es zusätzlich ein Siegel mit ähnlichem Aussehen und derselben Bedeutung, den „Hasen mit der schützenden Hand“. Einziger Unterschied: Das Verbot gilt unterschiedlich lange rückwirkend für in der Vergangenheit getestete Zutaten.

Kosmetika mit solchen Siegeln sind tierversuchsfrei, können allerdings durchaus Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs enthalten, zum Beispiel Bienenwachs, Honig oder Milch. Sie sind also nicht zwingend vegan. Anders sieht es bei Produkten aus, die mit dem Siegel der „Veganblume“ gekennzeichnet sind. Dieses Label steht für Kosmetik, die gleichzeitig vegan ist und ohne Tierversuche hergestellt wurde.

Wenn auf dem Produkt hingegen ausschließlich das Vegan-Zeichen (V-Label) oder ein Siegel für Naturkosmetik – wie Label von BDIH, Natrue oder Cosmos – abgedruckt ist, sind die Inhaltsstoffe zwar vegan und/oder natürlichen Ursprungs. Sie können aber durchaus an Tieren getestet worden sein, soweit es die Schlupflöcher der EU-Verordnung für alle Hersteller zulassen. Die Naturkosmetik-Richtlinien schränken die Tierversuche zwar zusätzlich ein, etwa durch eine Begrenzung auf die Inhaltstoffe, verbieten sie aber nicht grundsätzlich.

Weniger Tierversuche dank Alternativen

Das internationale 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine) sieht vor, die Zahl der Versuchstiere zu senken – unter anderem, indem Tierversuche durch alternative Methoden ersetzt werden (Replace). Dieses in den 1950er Jahren entwickelte ethische Prinzip zeigt inzwischen Wirkung und die Zahlen sind seit einigen Jahren tatsächlich rückläufig, sowohl in der Forschung als auch bei Tierversuchen für Chemikalien und Kosmetik-Inhaltsstoffe. Um die Hautverträglichkeit von Kosmetika zu untersuchen, stehen inzwischen zahlreiche Alternativen zur Verfügung. „Zu den gängigen Alternativmethoden zählen etwa künstlich erzeugte organähnliche Strukturen in der Zellkultur“, schreibt die Initiative „Tierversuche verstehen“ in ihrem „Kompass Tierversuche 2025“.

Diese Zellkulturen, Gewebe und Organoide ahmen die Bedingungen im menschlichen Körper oder einzelnen Organen nach. Mit Kulturen von menschlichen Hautzellen können Wissenschaftler zum Beispiel durch ein Mikroskop beobachten, wie diese auf eine bestimmte Substanz reagieren. Zudem gibt es dreidimensionale Zellkulturen als In-vitro-Modelle der menschlichen Haut samt ihrer verschiedenen Schichten. Solches Hautgewebe kann sogar aus lebenden Zellen und Hydrogelen per 3D-Druck erstellt werden. An diesen Hautimitaten können die Bestandteile von Cremes, Lotionen und Co sicher und ohne Tierleid auf mögliche Hautreizungen getestet werden. Darüber hinaus ist es möglich, verschiedene Zelltypen und Mini-Organe auf einem Chip zu kombinieren und so die Gesamtwirkung einer Chemikalie oder eines Kosmetik-Produkts auf den menschlichen Körper zu simulieren.

KI ersetzt Tierversuche

Eine weitere Chance liegt im technologischen Fortschritt und computergestützten Methoden: „Auch Künstliche Intelligenz (KI) kann bei der Reduktion von Tierversuchen helfen: unter anderem, um Simulationen durchzuführen und so giftige chemische Verbindungen zu erkennen, aber auch, um selbstständig Analysen durchzuführen und Schlussfolgerungen zu ziehen“, heißt es im „Kompass Tierversuche“. Die KI-Systeme vergleichen dabei bestehende Forschungsdaten zu bekannten Substanzen mit neuartigen Chemikalien und Produkten. Daraus schließen sie dann, wie ähnlich sich die Moleküle, Zutaten und Rezepte sind und welche Wirkung auf den menschlichen Körper zu erwarten ist. Die KI-Systeme sagen so voraus, wie giftig eine Substanz für uns ist – zum Beispiel ein bestimmter Kosmetik-Inhaltsstoff.

Diese Vorgehensweise ersetzt zwar nicht gänzlich direkte Labor- und Tierversuche, denn die Vorhersagen müssen trotzdem überprüft werden. Künstliche Intelligenz kann aber Hinweise liefern, worauf bei den Versuchen besonders geachtet werden sollte und welche Substanzen wahrscheinlich am geeignetsten sind. So können gezielt nur vielversprechende Kandidaten an entsprechenden Zellkulturen, Organ- oder Tiermodelle getestet werden. Dadurch werden insgesamt weniger Tiere verwendet. „Wie stark durch solche KI-basierte Methoden Tierversuche reduziert werden könnten, lässt sich allerdings noch nicht beziffern“, so die Initiative „Tierversuche verstehen“, zu der mehr als 100 deutsche Forschungseinrichtungen gehören. Wie hilfreich KI bei der Reduktion von Tierversuchen ist, wird sich wahrscheinlich erst in den nächsten Jahren zeigen.

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