Mehr als ein Drittel der weltweit kommerziell genutzten Fischbestände gilt als überfischt oder von Überfischung bedroht. In der westlichen Ostsee und damit vor der deutschen Küste hat der Dorschbestand in diesem Sommer bereits einen Kipppunkt erreicht, dessen Überschreitung vermutlich kaum rückgängig zu machen sein wird. Und auch der Hering in der westlichen Ostsee hat so niedrige Bestände, dass derzeit eine anhaltende Befischung aus Expertensicht weder lukrativ noch nachhaltig möglich ist.
Wie nachhaltig war die Ostseefischerei früher?
Bisher galt dieser dramatische Rückgang der Fischbestände vor allem als Folge der industrialisierten Fischerei und ihrer hochmodernen Fangflotten. Kombiniert mit dem Klimawandel sorgt diese nicht nachhaltige Überfischung dafür, dass sich die Populationen kaum erholen können. Gängiger Ansicht nach soll die Ostseefischerei dagegen in früheren Zeiten nachhaltiger gewesen sein. Ob das so war, hat nun ein interdisziplinäres Team aus Biologen, Fischereiökonomen und Historikern erstmals genauer erforscht. Im Rahmen ihrer Studie rekonstruierten sie die Entwicklung der Heringsfischerei in der Ostsee zwischen 1200 und 1650.
Für ihre Analyse stützten sich die Wissenschaftler auf Informationen aus historischen Quellen, die indirekte Hinweise auf die Fischbestände zu jener Zeit lieferten. So analysierten sie mittelalterliche Literatur, um Daten wie etwa zur Produktion von Salz, das zur Konservierung von Salzheringen gebraucht wurde, zusammenzutragen. Die Menge der Salzproduktion gab den Forschern entscheidende Anhaltspunkte für die damaligen Fangmengen. Auch historische Zollbücher der Hansestadt Lübeck und anderer Städte lieferten wertvolle Hinweise auf die damaligen Fangmengen und Fischereitätigkeit.
Kollaps der Bestände schon vor fast 500 Jahren
Die Auswertungen der historischen Quellen förderten Überraschendes zutage: Schon vor fast 500 Jahren führten das Zusammenspiel aus negativen Umwelteinflüssen und Überfischung zu einem Zusammenbruch der Sundfischerei in der westlichen Ostsee. Die damals wichtigste Fischerei auf den herbstlaichenden Hering kollabierte in den 1580er Jahren innerhalb kürzester Zeit – und hat sich bis heute davon nicht vollständig erholt. “Im Grunde zeigen unsere historischen Daten zum herbstlaichenden Hering das gleiche Muster, wie wir es heute beim Dorsch und neuerdings auch für den frühjahrslaichenden Hering in der westlichen Ostsee vorfinden“, erklärt Rüdiger Voss, Fischereiökonom an der Universität Kiel, am iDiv und an der Universität Leipzig.
Den Ergebnissen zufolge führte die Kombination aus einem Klimawandel und der Überfischung zum Zusammenbruch der Bestände. So sanken Mitte des 16. Jahrhunderts die Durchschnittstemperaturen der Ostsee insgesamt um 0,85 Grad Celsius. Als Folge verringerte sich die Produktivität der Heringsbestände, da die Jungfische nicht überlebten. Gleichzeitig wurden die Heringe aber weiterhin intensiv befischt: Das Fangpotenzial der Fischereiflotten in der frühen Neuzeit stand jenem der heutigen Fischerei kaum nach. So legen archäologische Funde beispielsweise nahe, dass allein im Ort Falsterbo in Südschweden rund 45.000 Fischer gelebt haben könnten.





