Das farbenfrohe Gefieder vieler Vögel ist oft das Ergebnis sexueller Selektion: Wer besonders prachtvoll aussieht, hat die besten Chancen beim anderen Geschlecht. Meist sind es die Männchen, die bunt gefärbt sind, während die Weibchen eher Tarnfarben haben. So sind sie bei der Brut besser geschützt. Aus dem gleichen Grund sind auch Jungtiere in der Regel eher unauffällig gefärbt. Erst mit der Geschlechtsreife entwickeln die Männchen ihr Prachtgefieder.
Anders ist es jedoch bei einigen Kolibriarten, darunter dem Weißnackenkolibri, der in Süd- und Mittelamerika verbreitet ist. „Das Interessante am Weißnackenkolibri ist, dass alle Jungtiere zu Beginn ein männlich aussehendes Gefieder haben“, sagt Jay Falk von der Cornell University in New York. Auch ein Teil der erwachsenen Weibchen ist männlich gefärbt. Gemeinsam mit seinen Kollegen ist Falk diesem Phänomen auf den Grund gegangen. Dazu fingen die Forscher zunächst 436 wildlebende Weißnackenkolibris ein und dokumentierten Färbung, Geschlecht und Alter.

Aggressionen gegen Weibchen
Das Ergebnis: Rund 20 Prozent aller erwachsenen Weibchen haben ebenso wie die Männchen einen leuchtend blauen Kopf und eine weiße Brust. Die übrigen 80 Prozent sind in einem unauffälligeren Grün gefärbt. Die Jungtiere weisen unabhängig vom Geschlecht die männlich scheinenden Farben auf. Als nächstes testeten die Forscher, wie die Weißnackenkolibris auf unterschiedlich gefärbte Artgenossen reagieren. Dazu setzten sie ausgestopfte Männchen und Weibchen an Futterstellen und beobachteten, wie die echten Kolibris mit ihnen interagierten. „Die Kolibris zeigten sich gegenüber typisch gefärbten Weibchen wesentlich häufiger aggressiv als gegenüber Männchen und männlich gefärbten Weibchen“, berichten die Forscher.
Auch sexuelle Verhaltensweisen bezogen sich in allen Versuchen als erstes auf die typisch unauffällig gefärbten Weibchen. „Wenn das männlich wirkende Gefieder der Weibchen das Ergebnis sexueller Selektion wäre, dann hätten die Männchen stärker von Weibchen mit männlichem Gefieder angezogen werden müssen“, sagt Falk. „Das ist aber nicht passiert..” Stattdessen zeigten die männlichen Weißnackenkolibris eine klare Präferenz für unauffällige Tarnfarben tragende Partnerinnen.“ Auch die Tatsache, dass bereits Jungtiere, die noch nicht geschlechtsreif sind, ein buntes, eher männlich aussehendes Gefieder haben, spricht gegen die Hypothese von der sexuellen Selektion.





