Seit gestern verhandeln in Marrakesch die Delegierten der 22. Weltklimakonferenz über die technischen Details und die Finanzierung des Klima-Abkommens von Paris. Rückenwind und Ermutigung bekommen sie dabei von der überraschend schnellen Ratifizierung dieses Abkommens: Bereits am 4. November 2016, nicht einmal ein Jahr nach Beschluss, ist das Abkommen offiziell in Kraft getreten. Möglich war dies, weil bis dahin mehr als die nötigen 55 Staaten mit zusammen 55 Prozent der Treibhausgas-Emissionen den Vertrag unterzeichnet und ratifiziert hatten. In dem Abkommen hatten sich die Staaten geeinigt, die globale Erwärmung möglichst auf unter zwei Grad gegenüber den vorindustriellen Werten zu begrenzen. Der Grund dafür: “Zwei Grad der Erwärmung gilt als Schwelle, ab der die Klimafolgen inakzeptabel stark werden”, erklären Svetlana Jevrejeva vom National Oceanography Centre in Liverpool und ihre Kollegen. Angesichts der Tatsache, dass die globale Erwärmung schon jetzt ein Grad erreicht hat, ist fraglich, ob ein Überschreiten dieser Schwelle noch verhindert werden kann. Bisher würden die beim UN-Klimasekretariat eingereichten nationalen Klimaschutzpläne nur ausreichen, um die Erwärmung auf drei Grad zu begrenzen.
Lokal schwere Folgen schon bei zwei Grad
Im Kontext dieser Situation haben nun Jevrejeva und ihre Kollegen neue Prognosen zur Entwicklung der Meeresspiegel veröffentlicht. Ihre Berechnungen zeigen nicht nur, wie sich der globale Pegel der Ozeane verändern könnte, sondern auch, wie sich die lokalen Meeresspiegel für die 136 größten Küstenstädte der Erde entwickeln werden. Denn durch Meeresströmungen, Schwerkrafteffekte von Eiskappen und Gletschern und weitere komplexe Wechselwirkungen kann der lokale Pegel stark von den globalen Durchschnitten abweichen. Die Wahrscheinlichkeits-Analysen der Forscher umfassen die Ergebnisse von 33 Modellen und 5000 Simulationsdurchgängen. Die Ergebnisse zeigen, wie hoch der Meeresspiegel global und in den verschiedenen Regionen steigen würde, wenn bis Mitte des Jahrhunderts zwei Grad Erwärmung und bis 2083 vier Grad Erwärmung erreicht würden – eine Entwicklung, die dem business-as-usual-Szenario des IPCC entspricht.
Das Ergebnis: Wenn die globale Erwärmung bis 2050 zwei Grad erreicht, dann könnten die Meeresspiegel bis Mitte des Jahrhunderts im globalen Mittel um 20 Zentimeter ansteigen. Das entspricht in etwa der oberen Spanne der vom IPCC im letzten Weltklimabericht prognostizierten Entwicklung. Allerdings: “Mehr als 90 Prozent der Küstenregionen werden einen deutlich stärkeren Anstieg erleben”, berichten die Forscher. So könnten die Pegel entlang der US-Ostküste und in Norwegen um bis zu 40 Zentimeter ansteigen. Für die deutsche Nordseeküste prognostizieren sie rund 25 Zentimeter bis 2050. Deutlich stärker treffen könnte es dagegen die dicht besiedelten Ballungsräume Süd- und Südostasiens, denn dort senkt sich der Untergrund wegen exzessiver Entnahme von Grundwasser ab und verstärkt damit den Effekt der steigenden Pegel, wie die Forscher erklären. “Bis 2025 wird Jakarta dadurch um 1,80 Meter absinken, Manila um 40 Zentimeter, Bangkok um 19 und New Orleans um 20 Zentimeter”, berichten Jevrejeva und ihre Kollegen. Teile dieser Metropolen könnten dadurch bis Mitte des Jahrhunderts unter Wasser liegen.





