Die globale Erwärmung macht Tieren und Pflanzen zu schaffen – genau wie die wachsende Urbanisierung. Doch einige Arten sind erstaunlich anpassungsfähig.
Ahmed Djoghlaf macht sich Sorgen. „Wir verlieren unsere Artenvielfalt in einem beispiellosen Tempo”, beklagte der Sekretär des Umweltprogramms der Vereinten Nationen auf dem letzten Biodiversitätsgipfel in Hyderabad. „Wir erleben eine Katastrophe.” Derzeit sind 15 Prozent aller Säugetierarten und 11 Prozent aller Vogelarten vom Aussterben bedroht, und jeden Tag büßt die Erde 150 bis 200 Spezies ein. Seit dem Verschwinden der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren war es noch nie so schlecht bestellt um die Artenvielfalt unseres Planeten.
Vor allem Arten, die selten Nachwuchs bekommen, haben es schwer, wie eine Studie von Loren Riesenberg an der University of British Columbia in Vancouver zeigt. Der Evolutionsbiologe berechnete die Überlebenschancen von über 120 Tierarten, die in nördlichen Temperaturregionen leben. Resultat: Arten, die länger als zwei Jahre brauchen, um sich fortzupflanzen, können mit dem gegenwärtigen Tempo der Erderwärmung nicht Schritt halten. Und wer hat in diesem Überlebensspiel die besten Trümpfe in der Hand? „Arten mit einem hohen Verteilungsgrad, großen Populationen und kurzen Generationszeiten”, prognostiziert Riesenberg.
Genau diese Eigenschaften treffen auf die Mücke Wyeomyia smithii zu. Sie hat eine Generationszeit von nur acht Wochen, das heißt in acht Wochen verdoppelt sich die Zahl der Tiere einer Population. Das Insekt, das die Moorlandschaften der amerikanischen Westküste in Millionenstärke bevölkert, überraschte die Fachwelt. „Bei Evolution denken wir immer an Jahrhunderte oder gar Jahrtausende”, sagt William Bradshaw, Biologe an der University of Oregon und seit den 1970er-Jahren Fachmann für Wyeomyia smithii. „Aber hier gab es eine Veränderung innerhalb weniger Jahre – das ist eine halsbrecherische Geschwindigkeit!”
Überlebenswichtige Winterruhe
Gemeinsam mit seiner Ehefrau Christina Holzapfel fand Bradshaw heraus, dass sich die Larven der Mücken zwischen 1997 und 2002 plötzlich ungewohnt verhalten hatten: Ihre Winterruhe begann acht Tage später als gewohnt. Offenbar passten die Larven den Zeitpunkt an die immer später einsetzenden Winter an. Die Wissenschaftler vermuten, dass das richtige Timing der Larvenruhe enorm wichtig für das Überleben ist, da ausgewachsene Mücken in der kalten Jahreszeit sterben. Entscheidet sich die Larve zu früh für die Ruhephase, verbraucht sie unnötig viele Reserven. Wartet sie jedoch zu lange, erfriert sie.
Auch ein verändertes Nahrungsangebot kann zu Anpassungen führen, wie eine in der Nähe des Kluane Lake im kanadischen Yukon-Territorium beheimatete Rothörnchen-Population (Tamiasciurus hudsonicus) beweist. „Die Tiere beginnen im Schnitt 18 Tage früher mit der Fortpflanzung als vor 10 Jahren”, berichtet Stan Boutin von der University of Alberta.
Mehr zapfen bei Trockenheit
Der Biologe führt das auf die vermehrten Austriebe von Fichtenzapfen zurück – einem Hauptbestandteil der Hörnchen-Kost. Das wiederum habe mit den steigenden Temperaturen zu tun: Im Yukon-Territorium ist es heute spürbar wärmer und trockener als noch vor einigen Jahren, weshalb die Fichten mehr Zapfen produzieren. Das Rothörnchen kann also einen größeren Wintervorrat anlegen, der ihm genug Energie liefert, um seinen Nachwuchs frühzeitig aufzuziehen.
Doch nicht nur im menschenleeren Yukon-Territorium haben Tiere mit Problemen zu kämpfen, sondern auch in den rasch wachsenden Ballungszentren. Hier müssen sie mit Straßenlärm und künstlicher Nachtbeleuchtung zurechtkommen. Etliche schaffen das erstaunlich gut: „Wir haben Amseln entdeckt, die neben der Neonbeleuchtung einer Diskothek oder über der Lampe eines Parkhausrollgitters nisteten”, sagt Jesko Partecke, der die Unterschiede zwischen Stadt- und Landamseln erforscht.
Seit über zehn Jahren beschäftigt sich der Biologe vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell mit der Amsel (Turdus merula). Der vormals scheue Waldvogel ist seit der Industrialisierung häufig in Städten zu finden. Partecke fand heraus, dass die „Städter” seltener unter Parasiten leiden, lauter und höher singen und im Winter seltener in den Süden ziehen als ihre Verwandten vom Land. Auch ist die Stadtamsel drei bis vier Wochen früher paarungsbereit als die Landamsel. „Wir haben schon lange vermutet, dass die nächtliche Lichtverschmutzung der Großstädte dabei eine Rolle spielt”, sagt der Biologe. Vor Kurzem lieferte er den Beweis.
Lichtsensoren auf dem RÜcken
Dazu rüstete er die Vögel mit kleinen „Rucksäcken” aus, an denen er Lichtsensoren befestigte. Die Auswertung der Messdaten zeigte, dass die Stadtamseln nachts im Schnitt einer Lichtintensität von 0,2 Lux ausgesetzt waren. Die Sensoren der Landamseln hingegen registrierten nur schlappe 0,00006 Lux. Im zweiten Teil des Experiments „beleuchtete” Partecke in Gefangenschaft lebende Amselmännchen zehn Monate lang jede Nacht mit 0,3 Lux. Danach verglich er das Hodenwachstum der Tiere mit jenem von Landamseln, die er ohne künstliches Licht gehalten hatte. Bei Vögeln sind die Sexualorgane außerhalb der Fortpflanzungssaison stark zurückgebildet. Der Biologe stellte fest, dass die Hoden der beleuchteten Vögel im Durchschnitt fast einen Monat früher wuchsen als die der „Dunkelschläfer”. Auch stieg ihr Testosteronspiegel früher im Jahr an – und sie begannen am Morgen eine Stunde eher zu singen.
„Das alles sind Indizien für eine verfrühte Paarungsbereitschaft”, erklärt Partecke. „Die jahreszeitliche Organisation der Tiere hat sich durch das Kunstlicht drastisch verändert.” Unklar ist, ob es sich hierbei um eine Adaption handelt, die einen evolutionären Vorteil darstellt, oder um eine Begleiterscheinung des Stadtlebens. „Stadtamseln könnten mehr Nachwuchs zur Welt bringen”, meint der Radolfzeller Forscher. „ Das ist aber nur sinnvoll, wenn es für die Nestlinge genug Futter gibt.” Doch das ist nicht sicher.
Flugkünstler Kliffschwalbe
Gegenwärtig erforscht der Wissenschaftler, welchen Einfluss die Beleuchtung auf die „Fitness” der Amseln hat – ihre Immunabwehr und ihre Nachkommenzahl. Außerdem will er wissen, ob es so etwas wie Persönlichkeitsunterschiede zwischen Stadt- und Landamseln gibt. „Ich kann mir vorstellen, dass es mutigere und aggressivere Tiere waren, die es als Pioniere in die Städte zog.”
Dass sich Vögel sogar an den Straßenverkehr anpassen können, zeigt eine aktuelle Studie an Kliffschwalben (Petrochelidon pyrronota) in Nebraska: Seit Beginn der 1980er-Jahre verunglücken auf den Highways des US-Bundesstaats immer weniger Tiere, die – anders als der Name vermuten lässt – auch unter Autobahnbrücken oder Überführungen nisten. „Heute sterben 80 Prozent weniger Schwalben im Straßenverkehr als vor 30 Jahren”, berichtet Charles Brown von der University of Tulsa in Oklahoma, der drei Jahrzehnte lang mit Autos kollidierte Schwalben aufsammelte und ihren Körperbau analysierte. Anschließend verglich er die Körper mit denen überlebender Tiere, die er in Netzen gefangen hatte.
Vor Kurzem veröffentlichte der Biologe die Ergebnisse seiner Langzeitstudie. Offenbar hat die Flügellänge der Unfalltoten im Laufe der Jahre konstant zugenommen, sich hingegen beim Rest der Kolonie verkürzt. Sind lange Flügel demnach lebensgefährlich? „ Die natürliche Auslese hat Individuen favorisiert, deren Körperbau mit einer besseren Fluchtstrategie einhergeht”, vermutet der Wissenschaftler. „Eine kürzere Flügelspanne sorgt für eine bessere Manövrierfähigkeit, sodass es seltener zu einem tödlichen Crash kommt.”
Es gibt keinen Grund, etwas schönzureden: Zweifellos werden viele Tiere und Pflanzen nicht mit dem Tempo menschengemachter Umweltveränderungen mithalten können. Aber etliche sind doch erheblich anpassungsfähiger als gedacht. ■
DÉSIRÉE KARGE ist bdw- Korrespondentin in den USA. Sie hofft, dass die Tierwelt auf Dauer dem menschlichen Einfluss standhält.
von Désirée Karge





