Seit Jahrzehnten lebt das Urlaubsparadies Sansibar vom Meer. Doch nun werden höhere Wassertemperaturen und der steigende Meeresspiegel für die Bewohner zur Bedrohung. Weil auch der Algenanbau immer schwieriger wird, bauen Frauen des kleinen Orts Jambiani deshalb jetzt Schwämme an.
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Text: Julian Hilgers
Bis zu den Knien steht Mwatima Abdulla im türkisblauen Wasser. Sie rammt kleine Holzkeile in den Meeresboden und verbindet sie mit dünnen Seilen. Abdulla arbeitet als Algenzüchterin, wie viele Frauen in Sansibar. Es ist später Vormittag im kleinen Ort Nyamanzi an der Westküste von Sansibars Hauptinsel Unguja. Das Thermometer zeigt fast 30 Grad. Abdulla trägt ein langes buntes Gewand, um den Kopf ein Tuch, um sich von der Sonne zu schützen. Im dichten Abstand knotet sie Algensetzlinge an die Schnüre.
Die Inselgruppe Sansibar lebt vom Meer. Während die Männer oft als Fischer arbeiten, dominieren die Frauen den Algenanbau. Schätzungsweise 20.000 Menschen arbeiten als Algenfarmerinnen. Abdulla ist Mitte 40 und eine der Jüngsten hier. Viele der Frauen sind über 60. Sie brauchen das Geld für ihre Familien. Doch es ist eine harte Arbeit und eine Arbeit, die immer weniger Ertrag bringt. Schuld daran ist der Klimawandel.
Rotalgen liefern Carageen
Circa sechs Wochen wachsen die Algen im Wasser. In dieser Zeit müssen sie regelmäßig auf Krankheiten untersucht werden, auch Stöcke und Seile werden dabei kontrolliert. Makroalgen haben keine Wurzeln und Blätter, sondern bestehen nur aus einem Vegetationskörper, Thallus genannt. Ist er groß genug, wird er geerntet. In großen Säcken wuchten die Frauen um Mwatima Abdulla die Algen an den Strand und breiten sie in der Sonne zum Trocknen aus.
Aus solchen Rotalgen wird Carrageen gewonnen, bekannt auch unter dem Namen E 407 und wichtig als Verdickungsmittel und Stabilisator. Nicht nur die Lebensmittelindustrie benötigt es für Puddingpulver und Sahne, Frischkäse, Ketchup und Marmelade. Auch in der Kosmetik- und Pharmaindustrie gewinnen Algen an Bedeutung. Von daher sind sie eine wichtige Einkommensquelle für die Frauen und sichern ihnen die finanzielle Unabhängigkeit. Doch weil das Meer um Sansibar immer wärmer wird, wachsen die Algen immer schlechter.
Narriman Jiddawi vom Institut für Meereswissenschaften an der Universität Daressalam forscht schon länger zu den Folgen des Klimawandels für die Existenzen der Menschen in Sansibar. „Die Fischer klagen, dass die Fische nicht mehr dort sind, wo sie früher gefischt haben. Sie müssen jetzt weite Strecken zurücklegen, um den Fisch zu bekommen“, erklärt sie. Auch die Algenzüchterinnen verlieren ihr Einkommen. Jiddawi empfiehlt einen Besuch in Unguja Ukuu, einige Kilometer südöstlich von Nyamanzi.
In dem kleinen Ort sitzt Asha Mmanga Mwinyi im Schatten auf einer Steinbank vor ihrem Haus. Auf Suaheli bedeutet Unguja Ukuu „du wirst großes Erreichen“. Doch Mwinyi und die anderen Frauen im Ort wissen nicht, wie. Den Algenanbau haben sie hier inzwischen komplett aufgegeben. „Wir haben schon vor drei Jahren aufgehört. Es wächst einfach nichts mehr“, sagt Mwinyi. Eine Möglichkeit wäre, die Algen weiter draußen im Meer anzubauen. Dort ist das Wasser kälter. Aber die meisten Frauen können nicht schwimmen und sie besitzen auch keine Boote für die Ernte. Mwinyi sammelt deshalb jetzt Muscheln und verkauft sie. Doch das bringt kaum Geld.
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Andere Frauen in Unguja Ukuu verdienen immerhin noch etwas Geld mit dem Anbau von Gemüse. Doch die Folgen des Klimawandels spüren die Menschen auf Sansibar auch an Land. Die Landwirtschaft leidet unter steigenden Temperaturen, Dürreperioden und immer unberechenbareren Niederschlägen. Dazu kommt der Anstieg des Meeresspiegels.
Auf Pemba, der nördlichen Insel der Sansibar-Gruppe, hat das salzige Meerwasser bereits einige Reisernten vernichtet. „In Pemba sehen wir den Anstieg des Meeresspiegels zwar noch nicht so stark, doch bei Springflut dringt das Meerwasser teilweise bis ins Landinnere vor“, erklärt Wissenschaftlerin Narriman Jiddawi. Dabei wurden auch schon die Reisfelder in Pemba überschwemmt.
Ein weiteres Problem: Viele Menschen auf Sansibar wissen zu wenig über den Klimawandel. Sie holzen immer noch Bäume und Pflanzen im Uferbereich ab und bauen ihre Häuser zu nah am Wasser, statt sich auf den Klimawandel einzustellen und ihre Mangrovenwälder zu schützen. Gepaart mit dem steigenden Meeresspiegel führt das auf Sansibar an vielen Orten zu extremer Erosion. „Dadurch kommt der Sand an den Küsten immer näher. An einigen Orten sind deswegen schon Häuser eingestürzt“, erklärt Jiddawi.
Steigender Meeresspiegel verschlingt das Land
Besonders deutlich wird das in Jambiani, einem Touristenort an der Ostküste der Hauptinsel. Mohammed Okala ist hier geboren und erlebt seit Jahren, wie Wasser und Sand immer weiter ins Landesinnere drängen, die Hotels aber weiterhin nah am Wasser gebaut werden. „Das Wasser braucht Platz. Die Wellen müssen sich frei vor und zurück bewegen können. Wenn man zu nah am Wasser baut, fließt das Wasser seitlich vorbei und wird seinen Weg finden“, sagt Okala und deutet auf die Stellen links und rechts neben dem Hotel, wo das Meer bereits Sand und Pflanzen verschluckt hat. Gemeinsam mit seiner Organisation Jamabeco betreibt er Aufklärung in der Bevölkerung. Denn auch die Regierung sehe nur tatenlos zu, kritisiert Okala. Die Folgen des Klimawandels habe sie lange ignoriert. Und trotz zahlreicher Empfehlungen der Wissenschaft fehlten noch immer klare Regelungen zum Schutz der Küsten und zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Ende 2020 verabschiedete die sansibarische Regierung unter dem Namen „Blue Economy“ ein Richtlinienpaket, das unter anderem für nachhaltigere Meeresbewirtschaftung und umweltschonenden Tourismus sorgen soll. Konkrete und vor allem strenge Vorgaben haben die Hotels beispielsweise aber bisher kaum erhalten, und auch Unterstützung für die Fischer und Algenfarmerinnen gebe es kaum, sagt Okala. Und so suchen die Menschen auf Sansibar selbst nach Lösungen. In Jambiani haben sie eine gefunden. Hier bauen die Frauen nun Schwämme statt Algen an.
Nasir Hassan Haji steht bis zur Hüfte im türkisblauen Meer. Sie trägt einen bunten Ganzkörper-Badeanzug, auf dem Kopf ein lila Tuch. Über die Stirn hat sie eine Tauchermaske mit Schnorchel gezogen – es ist Hajis Arbeitskleidung. Die Sonne scheint durch die Wolken und glitzert auf dem Wasser. 100 Meter entfernt schlendern Touristen in Bikini und Badehose über den weißen Sandstrand.
Auch Haji hat über viele Jahre Algen angebaut. „Das Geld hat gereicht für das Essen und die Schulgebühren für meine Kinder“, sagt sie. Dass sie nun als Schwammfarmerin arbeitet, verdankt sie Marinecultures. Die kleine Non-Profit-Organisation mit Hauptsitz in Zürich suchte lange nach neuen und nachhaltigeren Einkommensmöglichkeiten für die Menschen auf Sansibar. „Wir haben ursprünglich an Perlen gedacht“, sagt Christian Vaterlaus, Gründer von Marinecultures. Doch mit einem so hochwertigen Produkt auf dem Markt Fuß zu fassen, wäre für die Frauen schwierig gewesen. „Dann haben wir das Schwammfarming in Mikronesien entdeckt.“ Vor allem alleinerziehende und geschiedene Frauen arbeiten nun in dem Projekt. Denn sie haben es im patriarchalen Sansibar besonders schwer.
Schwämme haben viele Vorteile
Schwämme sind Tiere, leben normalerweise am Meeresgrund und können die steigenden Meerestemperaturen in der Regel deutlich besser verkraften als die Algen. Schwämme helfen zudem, die Klimakrise zu bekämpfen: Sie zerfallen nach ihrem Tod in kleine Siliziumdioxidteilchen. Diese kurbeln indirekt den Kohlenstoffkreislauf des Ozeans an und reduzieren somit den Treibhauseffekt.
Mehr als 15.000 Schwammarten gibt es weltweit. Allerdings gedeiht nicht jeder Schwamm in jeder Umgebung. „Es hat etwa zwei Jahre gedauert, bis wir die richtige Spezies gefunden hatten, die hier wirklich wächst“, sagt Christian Vaterlaus. Auf Sansibar nutzt Marinecultures nun den Spinosum-Schwamm. „Ihre Nahrung filtern die Schwämme aus dem Wasser“, erklärt Ali Mahmudi, der als Projektmanager bei Marinecultures arbeitet. „Durch die Filterung säubern sie auch das Meer.“ Der 28-Jährige steht mit lila Tanktop und schwarzer Baseballcap im Wasser, in der Hand einen der gräulichen Schwämme. Mahmudi besucht die Frauen regelmäßig auf ihren Schwammfarmen, um sie bei Fragen zu beraten.
1.500 Schwämme leben auf einer Farm
Die Schwämme, die Nasir Hassan Haji und die anderen Frauen züchten und verkaufen, sind vor allem für Körperpflege, Kosmetik und in der Malerei gefragt. Haji war 2011 die erste Schwammfarmerin, die Marinecultures auf Sansibar ausgebildet hat. Inzwischen arbeiten elf weitere Frauen in dem Projekt. Sie alle besitzen ihre eigene Farm: ein Feld aus Schnüren, etwa zehn Meter breit und lang, an denen die Schwämme mit Fäden und Drähten befestigt sind.
Etwa 1.500 Schwämme leben auf einer Farm, sagt Ali Mahmudi. „Wir verwenden Bojen, damit die Schwämme im Wasser schweben und nicht vertrocknen. Und Anker, damit das Feld nicht davontreibt.“ Um die Farm zu kontrollieren, müssen die Frauen fast jeden Tag raus aufs Meer. Das geht nur bei Ebbe. Weil die Frauen aber bei der Arbeit oft bis zur Brust im Wasser stehen, gehört ein Schwimmkurs aus Sicherheitsgründen zur Grundausbildung als Schwimmfarmerin bei Marinecultures.
Mehrere Stunden am Tag verbringt Haji auf ihrer Farm. Sie watet durch das Wasser und kontrolliert jeden einzelnen Schwamm. In ihrer Hand hält sie ein Messer, mit dem sie die Schwämme sorgsam in Form schneidet. „Wenn sie rund sind, werden sie eher gekauft. Beschneidet man sie, werden sie außerdem größer und stärker. Wie bei einem Baum“, erklärt Ali Mahmudi. Sind die abgeschnittenen Stücke gesund und groß genug, können aus ihnen manchmal sogar wieder neue Schwämme heranwachsen.
Die geernteten Schwämme sammelt Haji in einer kleinen Tasche an ihrem Gürtel. Dort baumeln auch ein Stück Fischernetz und ein Teil einer Fahrradkette – neben dem Messer die wichtigsten Werkzeuge für die Arbeit als Schwammfarmerin. Mit der Fahrradkette reibt Haji über die Seile zwischen den Schwämmen und befreit sie so von Schmutz und Grünalgen. Diese Algen wachsen trotz der hohen Temperaturen, eignen sich aber nicht für den Verkauf. Für den feineren Schmutz verwendet Haji das Fischernetz. Damit reinigt sie auch die Schwämme selbst. „Sie mögen es nicht, wenn Algen auf ihnen wachsen. Dann bilden sich sehr große Löcher, in denen sich kleine Fische oder Krabben einnisten“, erklärt Projektmanager Mahmudi.
Zehn Schwämme im Monat reichen zum Leben
Mehrere Monate wachsen die Schwämme, bis Haji sie ernten kann. Zehn Schwämme im Monat reichen, um zu überleben. „Wenn es gut läuft, verdiene ich etwa 300.000 Tansania-Schilling im Monat“, sagt Haji. Umgerechnet sind das mehr als 100 Euro, deutlich mehr, als sie früher mit den Algen erwirtschaftet hat. Für eine alleinerziehende Mutter wie sie ist das eine gewaltige Chance. „Ich konnte mir inzwischen mein eigenes Haus kaufen und lebe dort mit meinen Kindern.“
Haji und die anderen Frauen arbeiten eigenständig. Sie haben sogar eine Genossenschaft gegründet, um sich untereinander besser zu organisieren. Haji übernimmt zudem die Ausbildung neuer Schwammfarmerinnen. „Jetzt können sie auch selbstständig arbeiten“, erzählt sie stolz.
Was wie eine Erfolgsgeschichte klingt, wird dennoch nur zögerlich nachgeahmt. In Jambiani und auch an anderen Orten auf Sansibar dominieren trotz der drastisch sinkenden Erträge noch immer die Algenfarmen. Warum bauen Frauen wie Mwatima Abdulla in Nyamanzi oder Asha Mmanga Mwinyi in Unguja Ukuu nicht einfach auch Schwämme an?
Die Nachfrage sei durchaus groß, sagt Ali Mahmudi. Marinecultures würde das Projekt deshalb gerne ausweiten. Doch der Schwammanbau stößt in Sansibar derzeit an seine Grenzen. Zum einen geografisch, denn welche Schwamm-Spezies am besten wächst, sei an jedem Ort unterschiedlich. „Wir haben es im Süden der Insel bereits probiert, da hat es nicht geklappt“, sagt Marinecultures-Gründer Christian Vaterlaus. Und in Jambiani reichen die Schwämme nicht, um viel mehr Frauen zur Schwammfarmerin auszubilden. „Es gibt nicht so viele Schwämme in der Natur“, erklärt Vaterlaus. Höhere Entnahmen könnten den Bestand gefährden. Und Zuchtstationen sind teuer.
Bei der Kontrolle ihrer Schwammfarm merkt auch Nasir Hassan Haji, wie empfindlich die Schwämme sind. „Manche wachsen schlecht, einige sterben sogar komplett ab.“ So geht es auch anderen Schwammfarmerinnen. Woran das liegt, will Marinecultures mit Forschenden, unter anderem aus Deutschland, jetzt untersuchen, um die Schwammfarmen nachhaltiger und wirtschaftlicher zu machen. Und die Zukunft der Frauen von Sansibar langfristig zu sichern. //
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